Die neue Strategie gegen Desinformation zeigt legitime Absichten – doch wirft sie auch Fragen zur Transparenz, Definition und Unabhängigkeit auf.
Köln – Die marokkanische Regierung hat mit ihrer neuen Strategie zur Bekämpfung von Desinformation und Fake News, vorgestellt von Kommunikationsminister Mehdi Bensaïd, einen Schritt getan, der zweifellos an Relevanz gewinnt – nicht nur in Marokko, sondern weltweit.
Staaten, Unternehmen und internationale Organisationen sind zunehmend mit gezielter Falschinformation, Propaganda oder digitaler Manipulation konfrontiert. Gerade in sozialen Medien verbreiten sich Inhalte rasant – oft ohne redaktionelle Prüfung, häufig emotionalisiert und mit erheblichem Einfluss auf die öffentliche Meinung. Nicht wenige haben vermeintliche Quellen oder Influencer haben aus der Verbreitung von Behauptungen, Halbwahrheiten oder Übertreibungen bis hin zu Fake News ein einträgliches Businessmodell erschaffen, ganz zu schweigen von teils staatliche gesteuerter Desinformationskampagnen in neuen sog. „Hybriden Kriegen“.
Dass Marokko auf diese Realität reagiert, ist nachvollziehbar. Doch so nachvollziehbar der Anlass sein mag, so kritisch muss die Umsetzung betrachtet werden. Denn der Versuch, das eigene Image international zu schützen, augenscheinlich ein zentrales Anliegen der neuen Maßnahmen der Regierung, bewegt sich schnell im Spannungsfeld zwischen legitimer Kommunikationspolitik und staatlicher Einflussnahme auf die Medienfreiheit. Ein nüchterner Blick auf die geplanten Maßnahmen zeigt: Hier gibt es offene Fragen, die nicht ignoriert werden sollten – weder von Beobachtern noch von Entscheidungsträgern im In- und Ausland.
Das legitime Ziel: Umgang mit Desinformation im digitalen Zeitalter
Im Kern zielt der Plan des Ministeriums darauf ab, einer tatsächlichen, mutmaßlichen oder befürchteten verzerrten Darstellung Marokkos in internationalen Medien entgegenzutreten. Dabei sollen eine neue Überwachungseinheit eingerichtet, Korrespondentenarbeit gefördert und verifizierte Informationen gestärkt werden. Gleichzeitig ist ein nationales Programm zur digitalen Medienkompetenz vorgesehen.
Gerade der letzte Punkt ist entscheidend: In Zeiten, in denen Verschwörungstheorien, manipulierte Bilder oder gezielte Diffamierungen Teil des digitalen Alltags geworden sind, braucht es gezielte Maßnahmen zur Stärkung der Informationskompetenz. In vielen Ländern, darunter auch Marokko, sind politische Akteure, Institutionen und wirtschaftliche Unternehmen regelmäßig Zielscheibe von Online-Kampagnen. Auch Marokko hat dies während der COVID-19 Pandemie erlebt oder wie der Fall Danone zuletzt gezeigt hat. Diese Veröffentlichungen können nicht nur sachliche Kritik, sondern häufig auch falsche Behauptungen, manipulierte Narrative oder gezielte Hassrede enthalten – besonders in sensiblen Themenfeldern wie Migration, Religion, Territorialfragen oder Menschenrechte.
Marokko – Boykottaufruf Danone und Sidi Ali weiter unter Druck.
Insofern ist es nicht nur nachvollziehbar, sondern notwendig, dass ein Staat sich mit diesen Phänomenen auseinandersetzt und Instrumente zur eigenen Reaktion entwickelt. Auch Unternehmen und NGOs müssen sich zunehmend mit Medienwahrnehmung befassen – nicht um sie zu kontrollieren, sondern um faktenbasiert darauf reagieren zu können.
Die kritische Frage: Was gilt als Desinformation?
Doch genau an dieser Stelle beginnt die Unsicherheit. Der vom Ministerium vorgestellte Plan spricht von der Bekämpfung von „Fake News“ und Desinformation, ohne diese Begriffe näher zu definieren. Das ist problematisch. Denn der Begriff „Desinformation“ wird international inzwischen nicht nur zur Beschreibung eindeutig falscher Informationen verwendet, sondern mitunter auch zur Diskreditierung unerwünschter Meinungen oder kritischer Berichterstattung.
Es besteht die Gefahr, dass ein berechtigter Versuch der Imagepflege mit dem Versuch der Meinungssteuerung verwechselt oder gar gleichgesetzt wird – insbesondere dann, wenn nicht klar ist, wer entscheidet, was als Desinformation gilt, auf welcher Basis und nach welchen Kriterien.
In einem Land, in dem die Pressefreiheit – laut Einschätzung von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen – bereits eingeschränkt ist, sind solche Unklarheiten besonders heikel. Eine Überwachungseinheit zur Medienanalyse ist an sich kein Problem, solche Einheiten bauen Unternehmen und Konzerne gemeinsam mit PR-Agenturen bereits seit Jahrzehnten auf – sofern sie transparent arbeitet, methodisch sauber vorgeht und nicht zur politischen Selektion genutzt wird.
Die Rolle ausländischer Medien: Chancen und Risiken
Die Tatsache, dass über 100 Korrespondenten internationaler Medien im Land (Marokko) akkreditiert seien, zeigt, dass Marokko grundsätzlich offen für ausländische Berichterstattung ist. Die Förderung audiovisueller Produktionen im Land kann sogar positive Effekte für Wirtschaft, Tourismus und kulturellen Austausch mit sich bringen.
Doch auch hier kommt es auf die Praxis an. Wird die Unterstützung nur jenen Medien zuteil, die „imageförderlich“ berichten? Oder auch solchen, die kritisch, aber professionell arbeiten? Eine selektive Förderung – sei es durch Zugang, Ressourcen oder Unterstützung – kann schnell zur indirekten Steuerung werden. Gerade internationale Medienhäuser sind in ihrer redaktionellen Linie unabhängig – und sollten das auch bleiben können, ohne Repressalien fürchten zu müssen.
Ein Blick auf die internationale Bühne: Lektionen aus Qatar?
Ein möglicher Hintergrund der marokkanischen Strategie liegt in den Erfahrungen anderer Länder. Qatar, Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2022, sah sich im Vorfeld massiver internationaler Kritik ausgesetzt – etwa zu Arbeitsbedingungen, Menschenrechten oder Medienfreiheit. Der Umgang mit dieser Kritik reichte von offensiver Imagekampagne bis zur gezielten Einschränkung journalistischer Recherche vor Ort.
Es ist denkbar – wenn auch nicht explizit gesagt –, dass auch Marokko, das gemeinsam mit Spanien und Portugal Ausrichter der FIFA-Weltmeisterschaft 2030 sein wird, sich frühzeitig auf mögliche mediale Herausforderungen vorbereiten möchte. Das ist politisch wie wirtschaftlich verständlich – sollte aber nicht zur Ausgrenzung kritischer Stimmen oder zur Einschränkung des öffentlichen Diskurses führen.
Ein Balanceakt mit offenem Ausgang
Die marokkanische Strategie gegen Desinformation ist kein Einzelfall. Auch demokratische Staaten ringen mit der Frage, wie mit Fake News, Hassrede und digitaler Manipulation umzugehen ist – ohne die Pressefreiheit einzuschränken. Insofern ist die Ankündigung des Kommunikationsministeriums Teil eines globalen Trends, der zwischen Schutz und Kontrolle, zwischen Prävention und Intervention balanciert.
Entscheidend für die Bewertung wird nicht das Ziel der Strategie sein – sondern ihre Umsetzung. Wird transparent gearbeitet? Werden unabhängige Medienakteure einbezogen? Wird zwischen Kritik und Desinformation unterschieden? Gibt es ein nachvollziehbares Beschwerde- oder Prüfverfahren?
Wenn Marokko in diesen Punkten glaubwürdig, offen und kooperativ bleibt, kann die Strategie sogar vertrauensbildend wirken – sowohl im Inland als auch gegenüber internationalen Medien. Geschieht das nicht, droht sie, das Gegenteil dessen zu erreichen, was sie intendiert: einen Verlust an Glaubwürdigkeit und journalistischer Offenheit.

