Nach Auseinandersetzungen in mehreren Städten ermittelt die Justiz nach Gewaltwelle. Ein junger Mann in Oujda wurde schwer verletzt. Behörden sprechen von Selbstverteidigung der Sicherheitskräfte, während hunderte Verdächtige strafrechtlich verfolgt werden.
Rabat – In einigen Regionen erlebt das nordafrikanische Königreich Marokko eine von gewaltsamen Zusammenstößen geprägte Nacht der sozialen Proteste, die am vergangenen Wochenende ausgebrochen sind. Am gestrigen Abend und in der Nacht des 1. Oktober 2025 kam es unter anderem in der Stadt Leqliaa, Präfektur Inezgane Ait-Melloul, zu schweren Ausschreitungen, die nun auch ihre ersten Todesopfer geforder haben. Nach Angaben lokaler Behörden versuchte eine mutmaßlich größere Gruppe von Personen, das Gelände einer Territorialbrigade der Königlichen Gendarmerie zu stürmen. Ziel sei es gewesen, laut den offiziellen Stellen Munition, Ausrüstung und Dienstwaffen zu erbeuten.
Zunächst hätten die Sicherheitskräfte Tränengas eingesetzt, um die Angreifer abzuwehren. Nachdem sich jedoch weitere Gruppen anschlossen und einige mit Klingenwaffen ausgerüstet in das Gebäude eingedrungen seien, sei die Situation eskaliert. Ein Polizeifahrzeug sowie mehrere Motorräder wurden entwendet und in Brand gesteckt, ebenso Teile des Brigadegebäudes.
Infolge der gewaltsamen Auseinandersetzung kamen zwei Personen durch Schusswaffeneinsatz ums Leben. Mehrere weitere wurden verletzt. Die Behörden erklärten, die Gendarmen seien „gezwungen gewesen, im Rahmen der Selbstverteidigung ihre Dienstwaffen einzusetzen“. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, um die Verantwortlichen zu identifizieren und juristische Schritte einzuleiten.
Verletzter Demonstrant in Oujda – Falschmeldungen über Tod
Parallel zu den Ereignissen im Süden des Landes kam es auch in Oujda im Nordosten zu Protesten und ernsten Zwischenfällen. Bei einer Demonstration wurde ein junger Mann namens Amine schwer verletzt. Erste Berichte über seinen Tod stellten sich als Fehlmeldungen heraus.
Wie die Regionalverwaltung der Wilaya Oriental bestätigte, wurde Amine mit einem Hubschrauber in das Militärkrankenhaus nach Rabat verlegt. Er habe insbesondere an den Beinen schwere Verletzungen erlitten, sein Leben sei jedoch nicht in Gefahr. Offiziellen Angaben zufolge soll er von einem Polizeifahrzeug erfasst worden sein.
Justiz geht gegen Verdächtige vor: 193 Personen betroffen
Nach den gewalttätigen Ausschreitungen der letzten Tage leitete die Staatsanwaltschaft umfangreiche Verfahren ein. Insgesamt 193 Verdächtige werden strafrechtlich verfolgt, erklärte Zakaria Laaroussi, Magistrat in der Präsidentschaft der Staatsanwaltschaft, in Rabat.
Davon befinden sich 19 Personen aufgrund besonders schwerer Vorwürfe in Untersuchungshaft, darunter auch Fälle, in denen die Beschuldigten unter Drogeneinfluss gestanden hätten. Gegen 16 weitere Verdächtige wurde Untersuchungshaft auf richterliche Anordnung angeordnet, während 158 Personen vorerst auf freiem Fuß weiter verfolgt werden. In 24 Fällen wurden die Verfahren bereits eingestellt.
Die Behörden betonten, dass es sich bei den Protesten nicht um genehmigte Versammlungen gehandelt habe und dass sie von massiver Gewalt und Sachbeschädigungen geprägt gewesen seien. Dazu zählen Steinwürfe auf Sicherheitskräfte, Brandstiftungen, Plünderungen und Schäden an öffentlichem Eigentum. Auch Minderjährige seien beteiligt gewesen. Zudem ermitteln die Staatsanwaltschaften wegen der Verbreitung von Inhalten in sozialen Medien, die offenbar zur Mobilisierung beigetragen hätten.
Bedeutung der Protestwelle und staatliche Reaktionen
Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen eine deutliche Eskalation in mehreren Städten des Königreichs. Während die Behörden das Vorgehen der Sicherheitskräfte als notwendige Selbstverteidigung darstellen, bleiben Fragen zum Ausmaß der Gewalt, zu den Hintergründen der Mobilisierung sowie zum Umgang mit den Demonstrierenden offen.
Die Staatsanwaltschaft hat bekräftigt, entschieden gegen alle Formen von Gewalt vorzugehen und die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger sowie ihres Eigentums zu schützen. Gleichzeitig werfen die Vorfälle ein Schlaglicht auf gesellschaftliche Spannungen, die sich in unkoordinierten Protesten, aber auch in organisierter Gewalt äußern.
Wie sich die Situation weiter entwickelt, hängt nun von den laufenden Ermittlungen und dem Umgang der Behörden mit den Verdächtigen ab. Fest steht: Die Kombination aus Todesfällen, zahlreichen Verletzten und fast zweihundert Strafverfahren markiert eine neue Stufe der innenpolitischen Auseinandersetzungen in Marokko.
Marokko – Proteste für Bildung und Gesundheit führen zu massenhaften Verhaftungen

