Junge Menschen im ganzen Land fordern bessere öffentliche Dienste und mehr soziale Gerechtigkeit. Während die Polizei auf formale Vorschriften verweist, wächst die Kritik an den Festnahmen und der politischen Zurückhaltung.
Rabat – Am 27. und 28. September kam es in mehreren marokkanischen Städten zu Protesten, ausgelöst durch die digitale Bewegung „GenZ212“. Diese hatte über Plattformen wie Discord und Telegram zur Mobilisierung aufgerufen.
Die Teilnehmenden, überwiegend junge Erwachsene, verlangten Investitionen in das Bildungssystem und eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Auch Themen wie Arbeitslosigkeit und Korruption standen auf der Agenda. „Um Gesundheit und Bildung zu bitten, heißt um das Leben selbst zu bitten“, schrieb ein Aktivist laut Morocco World News.
Die Anliegen treffen auf breite Resonanz. Beobachter sehen in den Forderungen nicht nur jugendliche Unzufriedenheit, sondern Sorgen, die auch Mittel- und Arbeiterklasse betreffen, die in den vergangenen Jahren stark von Inflation und steigenden Kosten belastet waren.
Polizeiliches Vorgehen und ungewöhnlich viele Festnahmen
Die Proteste waren nicht angemeldet, weshalb die Polizei in Städten wie Rabat und Casablanca mehrfach einschritt. Laut Hakim Sikouk von der Menschenrechtsorganisation AMDH seien in Rabat mehr als 100 Menschen festgenommen worden, weitere Dutzende in Casablanca, Marrakech, Agadir und Souk Sebt.
Auch Kulturschaffende wie der Rapper Raid und der Podcaster Hamza El Fdil waren unter den Festgenommenen, wurden aber nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Videos und Berichte in sozialen Medien dokumentierten harte Einsätze, darunter das Auseinandertreiben von Menschenansammlungen mit Schlagstöcken.
Ein Teilnehmer, der YouTuber Ismail Bidaran, sagte gegenüber Morocco World News: „Ein Polizist soll dich nicht angreifen, dich nicht berühren, [aber] sie tun es.“ Menschenrechtsorganisationen und Oppositionsparteien wie die PJD und die Föderation der Demokratischen Linken verurteilten das Vorgehen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Demonstrieren erlaubt, aber anmeldepflichtig
Nach marokkanischem Recht ist das Demonstrieren ein Grundrecht, geregelt durch das Gesetz Nr. 1-58-377 von 1968 über öffentliche Versammlungen. Demnach genügt eine vorherige Anmeldung bei der zuständigen Behörde, eine Genehmigung ist nicht erforderlich.
Da die Proteste von „GenZ212“ keine Anmeldung vorweisen konnten, stufte die Polizei die Versammlungen als illegal ein. Laut Medias24 können Behörden Demonstrationen zudem auch dann untersagen, wenn sie die öffentliche Ordnung gefährdet sehen. Damit gerät der Kernkonflikt in den Fokus: Das Recht auf Protest einerseits, die Verpflichtung des Staates zur Wahrung von Sicherheit und Ordnung andererseits.
Politische Parteien reagieren verhalten
Die Bewegung selbst betonte wiederholt ihre Unabhängigkeit von Parteien. Dennoch waren bekannte Politikerinnen wie Nabila Mounib bei Protesten präsent. Kritiker werfen Teilen der Opposition vor, die Mobilisierung für eigene Zwecke nutzen zu wollen – obwohl sie selbst in der Vergangenheit Verantwortung für die betroffenen Ressorts getragen hatten.
Die Regierungsparteien halten sich bislang mit Kommentaren zurück. Laut Medias24 zeigt sich darin ein tieferes Problem: die Distanz zwischen Parteien und jungen Menschen, die traditionelle politische Institutionen kaum noch als Vertreter ihrer Interessen sehen.
Fortsetzung der Proteste trotz Risiken angekündigt.
Trotz der hohen Zahl an Festnahmen kündigte „GenZ212“ neue Kundgebungen für den 29. September an. Sie sollten friedlich verlaufen, die genauen Orte wurden kurzfristig über soziale Medien veröffentlicht.
In sozialen Netzwerken stießen die Ereignisse auf starke Reaktionen. Ein Instagram-Nutzer zitierte laut Morocco World News: „Um Gesundheit und Bildung zu bitten, ist wie um das Leben selbst zu bitten … mit Festnahmen und Gewalt konfrontiert zu werden, ist Verrat.“
Ob die Bewegung langfristig bestehen kann, ist unklar. Fest steht jedoch, dass die Ereignisse die öffentliche Debatte über soziale Rechte und das Verhältnis zwischen Staat und Jugend neu angestoßen haben.

