Auf dem internationalen Gipfel zur Atomkraft in Paris positioniert sich das Königreich als möglicher künftiger Akteur der Nukleartechnologie, während in Europa die Debatte über den künftigen Energiemix mit neuer Intensität geführt wird.
Paris – In Paris begann am Dienstag, den 10. März 2026, der zweite Internationale Kernenergiegipfel. Das Treffen, das auf Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und in Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) stattfand, versammelte Staats- und Regierungschefs sowie Experten, um die Rolle der zivilen Kernenergie im Kontext globaler Klima- und Energieherausforderungen zu erörtern. Marokko unterstrich die Bedeutung dieses Themas für das eigene Land durch eine hochrangige Delegation: Regierungschef Aziz Akhannouch vertrat Seine Majestät König Mohammed VI. Begleitet wurde er unter anderem von Außenminister Nasser Bourita sowie den Leitern der marokkanischen Agenturen für nukleare Sicherheit (AMSSNuR) und Kernenergieforschung (CNESTEN).

Dieser Gipfel findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem der weltweite Strombedarf steigt und Strategien zur Dekarbonisierung beschleunigt werden. Für Marokko bietet der Rahmen die Gelegenheit, konkrete Partnerschaften zu prüfen, um die Entwicklung einer sicheren und nachhaltigen zivilen Kernenergie voranzutreiben, die mit den nationalen Klimazielen im Einklang steht.
Marokko als einer der künftigen Nutzer laut IAEA
Bereits Ende 2023 zeichnete sich ab, dass das Königreich in den Fokus der internationalen Nukleargemeinschaft rücken könnte. Laut damaligen Aussagen des IAEA-Generaldirektors Rafael Mariano Grossi gehört Marokko zu jener Gruppe von etwa einem Dutzend Ländern, die in naher Zukunft neu in die Nutzung der Atomenergie einsteigen könnten. Grossi betonte, dass weltweit derzeit zehn Länder in der Entscheidungsphase für den Bau von Kraftwerken stünden, während sich 17 weitere in der Evaluierung befänden.
Marokko bereitet diesen Schritt bereits seit längerem vor. Nach einer ersten Studie im Jahr 2015 erteilte die IAEA bereits 2016 grundsätzlich „grünes Licht“ für die weiteren Planungen. Aktuellen Einschätzungen zufolge, über die auch die marokkanische Presse berichtet, wird ein Baubeginn für das erste Kernkraftwerk im Königreich um das Jahr 2030 für möglich gehalten. Ministerin Leila Benali bestätigte kürzlich vor dem Parlament, dass das Ministerium für Energiewende seit Jahren Kapazitäten und Wissen aufbaut, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.
Marokko – IAEA geht von zukünftiger Nutzung der Kernenergie im Königreich aus.
Integration in den Energiemix und technologische Herausforderungen
Die Ambitionen im Nuklearbereich sind Teil einer umfassenden Energiestrategie. Marokko hat massiv in Solar- und Windkraft sowie in grünen Wasserstoff investiert, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und ausländischen Importen zu verringern. Die Kernenergie wird hierbei als mögliche Ergänzung gesehen, um eine stabile Grundlastversorgung zu gewährleisten.
Dennoch steht das Land vor erheblichen Herausforderungen. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass eine öffentliche Debatte über die Risiken der Kernkraft in Marokko bisher kaum stattgefunden hat. Zu den technischen und ökologischen Hürden zählen:
- Seismische Risiken: Wie das schwere Erdbeben im Jahr 2023 verdeutlichte, muss die Standortwahl höchsten Sicherheitsstandards genügen.
- Wasserbedarf: Die Kühlung von Reaktoren erfordert große Mengen Wasser – eine knappe Ressource in einem Land, das zunehmend unter Dürreperioden leidet.
- Sicherheit und Entsorgung: Die Absicherung gegen terroristische Bedrohungen sowie die langfristige Lagerung radioaktiver Abfälle stellen hohe Anforderungen an Infrastruktur und Budget.
Konträre Positionen im europäischen Kontext
Während Marokko seinen Kurs prüft, zeigt sich in Europa ein tief gespaltenes Bild, das auch auf dem Gipfel in Paris deutlich wurde. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete in einer Rede die Abkehr von der Kernkraft als „strategischen Fehler“ und kündigte eine neue EU-Strategie für kleine modulare Reaktoren (SMR) an. Die EU plant, private Investitionen in diesem Sektor mit Garantien in Höhe von 200 Millionen Euro abzusichern.
Demgegenüber steht die Position Deutschlands. Bundesumweltminister Schneider kritisierte die Pläne als „rückwärtsgewandt“ und verwies auf die hohen Kosten und die ungelöste Müllproblematik. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete den deutschen Atomausstieg zwar persönlich als Fehler, erklärte die Entscheidung jedoch für „unumkehrbar“. Diese europäische Uneinigkeit bildet den Hintergrund, vor dem Marokko nun seinen eigenen, eigenständigen Weg in der Energiepolitik definieren muss.
Marokko – Rosatom will sich bei Meerwasserentsalzung engagieren.

