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Marokko – Das Ende der Ära Akhannouch: Wer bändigt die Taube der RNI?

Ein Tanz auf dem Vulkan

Wer führt die RNI nach dem Abgang ihres Architekten in den Wahlkampf für die Parlamentswahlen 2026 und was wird mit dem Premierminister Aziz Akhannouch nach dem Parteitag?

Köln – Von Rabat bis Agadir herrscht politische Schockstarre. Aziz Akhannouch, der Mann, der das Rassemblement National des Indépendants (RNI) aus der Bedeutungslosigkeit zur dominierenden Regierungspartei formte, zieht sich zurück. Während sich die Partei auf den außerordentlichen Parteitag am 7. Februar 2026 in El Jadida vorbereitet, steht sie vor einer existenziellen Frage: Kann das „System RNI“ ohne seinen Architekten bestehen – oder droht der Absturz nur wenige Monate vor den Parlamentswahlen im September?

Es war ein Paukenschlag, der die festliche Atmosphäre der laufenden Afrika-Cup-Saison (CAN) jäh unterbrach. Am 11. Januar 2026 kündigte Aziz Akhannouch seinen Rückzug vom Parteivorsitz an und erklärte zugleich, nicht erneut als Spitzenkandidat für die Parlamentswahlen im September antreten zu wollen. Formell berief er sich auf den Respekt vor den Parteistatuten und die Notwendigkeit politischer Erneuerung. Politisch jedoch gleicht dieser Schritt einer Operation am offenen Herzen – mitten im Wahljahr.

Der Milliardär an der Spitze: Porträt einer Machtkonstellation

Um diesen Rückzug zu verstehen, muss man den Mann verstehen, der Marokko seit 2021 unter König Mohammed VI. regiert. Aziz Akhannouch ist kein klassischer Berufspolitiker, sondern das Symbol einer engen Verflechtung von Kapital, Verwaltung und Macht. Mit einem von Forbes (2025/26) geschätzten Vermögen von rund 1,5 Milliarden US-Dollar zählt er seit Jahren zu den wohlhabendsten Unternehmern Afrikas. Über die Akwa Group und Marken wie Afriquia prägt er maßgeblich den marokkanischen Energiemarkt – ein Umstand, der ihm während der globalen Energiepreiskrise innenpolitisch zum Verhängnis wurde.

Premierminister Akhannouch gilt als einer der engsten Vertrauten des Palastes. Seine Nähe zu König Mohammed VI. ist sprichwörtlich; nicht wenige Beobachter bezeichnen ihn als loyalen Verwalter des Machtapparates, des Makhzen, der technokratische Großprojekte des Monarchen politisch absichert. Genau darin liegt das Paradox seiner Amtszeit: Während er auf internationalen Foren in Davos oder bei Klimakonferenzen als moderner Reformer auftrat, wuchs im Inneren des Landes die soziale Ungeduld.

„Gen Z 212“ und der anhaltende Geist von Dégage

Für große Teile der marokkanischen Jugend ist Herr Akhannouch zum Symbol des Stillstands geworden, ungeachtet sichtbarer infrastruktureller Fortschritte in den Ballungszentren. In sozialen Netzwerken ebbte die Kampagne #Degage_Akhannouch auch Jahre nach ihrem Höhepunkt nie vollständig ab. Ende 2025 erhielt diese Ablehnung erstmals organisatorische Konturen: Die Jugendbewegung „Gen Z 212“, benannt nach der internationalen Vorwahl Marokkos, machte in Städten wie Casablanca und Agadir mobil und verlieh der Frustration eine kollektive Stimme.

Die Vorwürfe sind bekannt, aber virulent: ein chronisch unterfinanziertes Bildungssystem, strukturelle Defizite im Gesundheitswesen und eine Jugendarbeitslosigkeit, die – je nach Erhebungsmethode und urbanem Kontext – teils über 30 Prozent liegt. Gleichzeitig investiert der Staat Milliarden in Infrastrukturprojekte im Hinblick auf die Fußball-WM 2030. Dass ausgerechnet der Premierminister mit einem Unternehmensimperium im Energiesektor von steigenden Preisen an den Zapfsäulen profitierte, wurde für viele junge Marokkaner zum moralischen Menetekel.

Vor diesem Hintergrund erscheint Akhannouchs Rückzug auch als kalkuliertes politisches Opfer – ein Versuch, den sozialen Druck vor den Wahlen im September zu entschärfen.

Die RNI: Eine Partei im Spiegel ihres Architekten

Seit seiner Übernahme der Parteiführung im Jahr 2016 hat Akhannouch die RNI nach unternehmerischen Prinzipien umgebaut. Aus einer losen Honoratiorenpartei wurde eine straff geführte Wahlkampfmaschine mit klaren Hierarchien und effizienter Ressourcenmobilisierung. Doch dieser Erfolg hatte seinen Preis. Wie der Politologe Mustapha Sehimi bemerkte, sorgte Parteichef Akhannouch dafür, dass innerhalb der Partei keine andere „blaue Taube“ zu hoch flog.

Mit seinem Abgang verliert die RNI nicht nur ihren Vorsitzenden, sondern ihre zentrale ordnende Figur. Das entstehende Vakuum ist weniger organisatorischer als politischer Natur – und es wirkt unmittelbar auf die Regierungsfrage zurück.

Das Dilemma der doppelten Führung

Mit dem Rückzug Aziz Akhannouchs vom Parteivorsitz stellt sich für die RNI eine heikle strategische Frage, die über Personalien hinausgeht: Kann ein neuer Parteichef einen glaubwürdigen Wahlkampf führen, solange der amtierende Premierminister im Amt bleibt? In parlamentarischen Systemen ist eine solche Konstellation ungewöhnlich, in Marokko jedoch nicht beispiellos – allerdings selten in einer Phase wachsender sozialer Spannungen.

Ein neuer Parteivorsitzender wird sich der Logik des Wahlkampfs kaum entziehen können. Er muss Erneuerung versprechen, soziale Korrekturen ankündigen und auf Distanz zu einer Regierungsbilanz gehen, die von steigenden Lebenshaltungskosten, ungelösten Strukturproblemen und wachsender Ungeduld der Jugend geprägt ist. Bleibt Akhannouch Premierminister, wird jede Profilierung zur Gratwanderung: Zu viel Loyalität wirkt wie Stillstand, zu viel Abgrenzung wie ein innerparteilicher Affront.

Zugleich bietet diese Doppelstruktur der Opposition eine einfache Angriffsfläche. Unabhängig vom Namen an der Parteispitze ließe sich die RNI als bloße Fortschreibung der „Ära Akhannouch“ darstellen – mit dem neuen Vorsitzenden als „Akhannouch 2.0“. Die Gefahr besteht weniger in der Personalisierung selbst als in ihrer politischen Wirkung: Sie entzieht dem neuen Kandidaten die Möglichkeit, einen glaubwürdigen Neuanfang zu verkörpern.

Aus diesem Spannungsverhältnis ergibt sich zwangsläufig die Frage nach einer Regierungsumbildung. Ein geordneter, zeitlich kontrollierter Abgang Akhannouchs aus dem Amt des Premierministers – etwa nach dem Parteitag, aber vor dem eigentlichen Wahlkampf – könnte der RNI den nötigen Handlungsspielraum verschaffen, ohne institutionelle Instabilität zu riskieren. Der neue Parteichef könnte sich auch als neuer Premierminister profilieren und den Wahlkampfankündigungen praktisch sofort Taten folgen lassen. Ob ein solcher Schritt vollzogen wird, hängt weniger von parteitaktischen Erwägungen ab als von der Bereitschaft des Machtzentrums, politische Entlastung vor strategische Kontinuität zu stellen. Ein solcher Schritt wäre allerdings ohne die Zustimmung König Mohammeds VI. kaum denkbar.

Die Nachfolgefrage: Kontinuität, Risiko oder politisches Experiment?

Moulay Hafid Elalamy (MHE), ehemaliger Industrieminister und wirtschaftliches Alter Ego Akhannouchs, wäre die naheliegende Lösung gewesen. International vernetzt, politisch erfahren und nicht direkt mit der aktuellen Tagespolitik verschlissen, hätte er Stabilität signalisiert. Seine offizielle Absage vom 27. Januar gilt jedoch als eindeutig – auch wenn in der marokkanischen Politik ein „Nein“ nicht selten nur ein vertagtes „Vielleicht“ bedeutet.

Fouzi Lekjaa, Staatssekretär für den Haushalt und zugleich Präsident des marokkanischen Fußballverbandes, gilt als faktischer Machtmotor der Regierung. Seine Popularität speist sich aus konkreten Ergebnissen – nicht zuletzt sportlichen. Doch gerade diese Sichtbarkeit macht ihn verwundbar. Ein Parteivorsitz würde ihn zur Zielscheibe machen und ihn von den Vorbereitungen der WM 2030 abziehen. Die Frage lautet daher weniger, ob er geeignet wäre, sondern warum er sich exponieren sollte.

Leila Benali, Energieministerin aus den Reihen der PAM, wäre die Überraschungskandidatin. Ein Parteiwechsel im Sinne der marokkanischen Transhumanz ist keineswegs ausgeschlossen. Intelligent, reformorientiert und als Frau in Zeiten der Moudawana-Debatte symbolisch aufgeladen, könnte sie neue Wählergruppen mobilisieren. Der Preis wäre jedoch hoch: Spannungen innerhalb der Koalition und Widerstand der RNI-Traditionalisten wären programmiert.

Am wahrscheinlichsten gilt derzeit Mohammed Chouki, Vorsitzender des Finanzausschusses. Loyal, unauffällig und tief im Parteiapparat verankert, stünde er für Kontinuität. Doch genau darin liegt das Risiko: Gegen rhetorisch starke Oppositionsfiguren wie Nizar Baraka könnte die RNI mit einem reinen Verwalter an der Spitze an politischer Ausstrahlung verlieren.

Die Abwesenden

Bezeichnend ist, wer nicht zur Debatte steht. Chakib Benmoussa wurde nach den Lehrerstreiks in die Statistikbehörde HCP versetzt – ein klassisches politisches Abseits. Außenminister Nasser Bourita wiederum ist für die Westsahara-Diplomatie und die Umsetzung der UN-Resolution 2797 zu zentral, um ihn in parteiinterne Machtkämpfe zu ziehen. Seine Rolle gilt als staats-, nicht parteipolitisch.

Ein Tanz auf dem Vulkan

Der Rückzug von Aziz Akhannouch markiert das Ende einer Phase, in der wirtschaftliche Macht und Regierungsverantwortung in Marokko so offen zusammenfielen wie selten zuvor. Die RNI steht vor einer Zerreißprobe. Entscheidet sie sich für einen bloßen Platzhalter, signalisiert sie den Rückzug ins Administrative. Greift sie jedoch nach einer starken, womöglich riskanten Figur, zeigt sie den Willen, das Amt des Premierministers gegen den wachsenden Unmut der Jugend zu verteidigen.

Der 7. Februar in El Jadida wird zeigen, ob die blaue Taube der RNI aus eigener Kraft fliegen kann – oder ob sie zu lange nur durch das Gold ihres Meisters in der Luft gehalten wurde.

Marokko – Akhannouch kündigt Rückzug vom RNI-Parteivorsitz an: Weichenstellung für Parlamentswahlen 2026

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