Ein geplanter Generationswechsel an der Spitze der Regierungspartei RNI sorgt Monate vor den nationalen Wahlen für eine neue politische Dynamik und stellt die personellen Weichen für die Zukunft des Königreichs.
Rabat – Premierminister und RNI-Chef strebt keine weitere Amtszeit an, erklärte Aziz Akhannouch überraschend am vergangenen Wochenende in Rabat. Im Rahmen der ordentlichen Sitzung des Nationalrats der Nationalen Sammlung der Unabhängigen (RNI) am 10. Januar 2026 sowie einer anschließenden Sitzung des Politbüros gab der amtierende Regierungschef offiziell bekannt, nicht erneut für den Parteivorsitz zu kandidieren. Diese Entscheidung markiert eine Zäsur für die politische Landschaft Marokkos, insbesondere da das Land im September 2026 vor wegweisenden Parlamentswahlen steht.
Strategischer Generationswechsel für eine moderne politische Kultur
Nach zwei Amtszeiten an der Spitze der RNI seit 2016 sieht Akhannouch den Moment für eine personelle Erneuerung gekommen. Wie die Tageszeitung Al Akhbar unter Berufung auf Parteikreise berichtet, begründete er diesen Schritt mit der Notwendigkeit von „frischem Wind“ im politischen Gefüge. Regierungschef Akhannouch betonte, man müsse mit der Tradition lebenslanger Parteiführungen brechen, um Platz für eine neue Generation von Führungskräften zu schaffen.
Trotz parteiinterner Appelle, seine Führung fortzusetzen, blieb der Premierminister standhaft. Er verwies auf die erfolgreiche Konsolidierung der Partei und den Aufbau regionaler Strukturen. Die formale Bestätigung des Rückzugs sowie die Wahl einer Nachfolge sind für einen außerordentlichen Parteitag am 7. Februar 2026 angesetzt.
Diplomatische Erfolge und wirtschaftliche Großprojekte als Bilanz
Parallel zur Personaldebatte nutzte der Nationalrat die Sitzung zur politischen Standortbestimmung. Ein zentraler Punkt war die Würdigung der internationalen Anerkennung marokkanischer Positionen. Der Rat begrüßte ausdrücklich die UN-Resolution 2797, welche die marokkanische Autonomieinitiative für die Sahara-Region / Westsahara stützt und die Position des Königreichs auf diplomatischer Ebene festigt.
Zudem hob Parteichef Akhannouch die wirtschaftlichen Fortschritte hervor: Die Ausrichtung des Afrika-Cups 2025 sowie die laufenden Vorbereitungen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 fungieren als Katalysatoren für massive Investitionen in Infrastruktur, Tourismus und Logistik. Diese Projekte seien Teil einer langfristigen Vision unter der Führung von König Mohammed VI., die darauf abzielt, Marokko als wirtschaftliches Tor nach Afrika zu etablieren.
Verfassungsrechtliche Konsequenzen für das Amt des Premierministers
Politisch brisant ist der Verzicht auf den Parteivorsitz vor allem durch die Verknüpfung mit dem Amt des Regierungschefs. Nach der marokkanischen Verfassung beauftragt der König die stimmenstärkste Partei mit der Regierungsbildung und ernennt den Premierminister üblicherweise aus deren Führungsriege.
Da Aziz Akhannouch nicht mehr als Parteichef antritt, signalisiert dies faktisch das Ende seiner Ambitionen auf eine zweite Amtszeit als Premierminister nach den Wahlen im September. Einzige Ausnahme wäre, dass der König ausdrücklich ihn beruft. Für die RNI bedeutet dies die Herausforderung, in kürzester Zeit eine neue Spitzenpersönlichkeit zu etablieren, die sowohl die Parteiinteressen als auch die Kontinuität der laufenden Sozialreformen glaubhaft vertreten kann. Ob dieser geplante Übergang die Geschlossenheit der Koalition stärkt oder interne Machtkämpfe befeuert, wird die politische Debatte der kommenden Monate bestimmen. Die Partei selbst versucht diese Situation zu vermeiden, weshalb sie bereits für den 7. Februar 2026 eine Wahl einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers ankündigt. Der oder die neue Vorsitzende müsste sich bis zu den Parlamentswahlen im September 2026 ausreichend profilieren und als eigenständige Persönlichkeit gegenüber dem amtierenden Premierminister emanzipieren.

