Die jüngste Entscheidung des UN-Sicherheitsrats markiert einen Wendepunkt in der Westsahara-Frage – Marokkos Außenminister Nasser Bourita spricht über Verhandlungsstrategien, diplomatische Kontakte und die Rolle des Königshauses.
Rabat – Mit der Annahme der Resolution 2797 durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 31. Oktober 2025 wurde das Mandat der UN-Mission MINURSO (Mission des Nations Unies pour l’organisation d’un référendum au Sahara occidental) um ein weiteres Jahr verlängert. Zugleich bekräftigt das Dokument den politischen Rahmen, in dem der Westsahara-Konflikt künftig verhandelt werden soll.
Die Resolution erhielt elf Ja-Stimmen – darunter von den USA, Frankreich, dem Vereinigten Königreich Großbritannien und der Republik Korea – sowie drei Enthaltungen (Russland, China, Pakistan). Kein Mitglied stimmte dagegen; Algerien beteiligte sich nicht an der Abstimmung.
Laut der offiziellen Mitteilung der Vereinten Nationen zielt die Resolution darauf ab, „einen realistischen, praktikablen und dauerhaften politischen Kompromiss“ unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen zu fördern. Sie bekräftigt den Auftrag des persönlichen Gesandten Staffan de Mistura, die beteiligten Parteien – Marokko, die POLISARIO-Front, Algerien und Mauretanien – zu weiteren Konsultationen zu bewegen.
Marokkos Autonomieplan als neue Grundlage – ein diplomatischer Wendepunkt
Mit der Annahme der Resolution 2797 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einen deutlichen Kurswechsel im Umgang mit der Westsahara-Frage vollzogen. Während frühere Resolutionen wiederholt auf das Recht auf Selbstbestimmung und die Möglichkeit eines Referendums verwiesen, rückt die neue Resolution davon faktisch ab. Stattdessen stellt sie den marokkanischen Autonomievorschlag von 2007 ausdrücklich in den Mittelpunkt als „einzige ernsthafte und glaubwürdige Grundlage“ für künftige Verhandlungen zwischen den beteiligten Parteien.
Damit bestätigt der Sicherheitsrat – ohne es explizit auszusprechen – die Linie, die Rabat seit Jahren vertritt: dass eine Autonomie unter marokkanischer Souveränität die realistischste und dauerhafteste Lösung für den jahrzehntelangen Konflikt darstellt. Die Vereinten Nationen betonen in der Resolution, dass der politische Prozess „unter der ausschließlichen Schirmherrschaft der UNO“ weitergeführt werden soll, verzichten aber bewusst auf jede konkrete Erwähnung eines Referendums.
Diese Verschiebung in der Wortwahl wird in Marokko als historischer Durchbruch interpretiert. Außenminister Nasser Bourita bezeichnete die Entscheidung als „Wendepunkt in der Geschichte des Sahara-Prozesses“. „Zum ersten Mal erwähnt eine Resolution des Sicherheitsrats ausdrücklich die marokkanische Souveränität“, erklärte er in der Fernsehsendung des Senders 2M am gestrigen Abend (01. November 2025).
Auch der formale Aufbau der Resolution spiegelt laut Bourita den neuen Ansatz wider: Der Text wurde im Vergleich zu früheren Fassungen deutlich gestrafft – von über 40 auf lediglich 14 Absätze. Durch diese Vereinfachung und Präzisierung solle der Sicherheitsrat seine Haltung klarer formulieren und den politischen Fokus auf den Kernpunkt der Autonomieregelung legen.
Für Marokko gilt die Resolution daher als großer diplomatischer Erfolg. Sie markiert nicht nur eine Bestätigung des bisherigen außenpolitischen Kurses, sondern de facto eine internationale Anerkennung der marokkanischen Hoheitsansprüche über die Westsahara – zumindest im Rahmen des vorgeschlagenen Autonomiemodells. Nasser Bourita betonte in diesem Zusammenhang, dass der König „den Rahmen und das Ziel der Verhandlungen festgelegt“ habe und die jüngste Abstimmung „das Ergebnis dieser klaren Vision“ sei.
Bourita: „Ein Wendepunkt in der Geschichte des Sahara-Prozesses“
In einer Sondersendung des marokkanischen Fernsehsenders 2M bezeichnete Bourita die Resolution als Wendepunkt im Umgang des Sicherheitsrats mit der Westsahara-Frage. Er betonte, dass der Text einen klaren Bruch mit früheren Fassungen darstelle – sowohl im Umfang als auch in der inhaltlichen Ausrichtung.
„Wir sind von 43 Absätzen im Vorjahr auf 14 Paragraphen heruntergegangen“, erklärte Bourita. Auch die Menschenrechtskomponente, die in früheren Texten enthalten war, werde diesmal nicht explizit erwähnt. Stattdessen stehe der politische Prozess im Mittelpunkt.
Intensive Verhandlungen und 45 Änderungsanträge
Außenminister Bourita beschrieb die letzten Wochen vor der Abstimmung als „komplexe und taktisch anspruchsvolle“ Phase der Diplomatie. Zwischen dem 4. und 31. Oktober seien 45 Änderungsanträge eingebracht worden – vor allem zu Formulierungen über die Verhandlungsgrundlage und die Rolle der beteiligten Akteure.
Laut Herrn Bourita sei die endgültige Fassung das Ergebnis intensiver bilateraler Kontakte, die auf höchster Ebene geführt worden seien. „Elf Ja-Stimmen sind das Resultat direkter, täglicher und persönlicher Interventionen von König Mohammed VI. bei Staats- und Regierungschefs“, sagte er. Die Abstimmung sei mehrfach verschoben worden – ursprünglich war sie für den 30. Oktober vorgesehen –, um eine stabile Mehrheit zu sichern.
Marokkos Position: Autonomie unter nationaler Souveränität
Inhaltlich betont die Resolution die Notwendigkeit, den Verhandlungsprozess „unter der ausschließlichen Schirmherrschaft der Vereinten Nationen“ fortzuführen. Gleichzeitig erkennt sie laut marokkanischer Lesart den Autonomieplan von 2007 als „ernsthafte und glaubwürdige Grundlage“ an, wie Außenminister Bourita erläuterte.
Der Außenminister unterstrich, dass Marokko „keinen Widerspruch zwischen Autonomie und Selbstbestimmung“ sehe. Selbstbestimmung, so Minister Bourita, manifestiere sich „in der aktiven Teilhabe am politischen und wirtschaftlichen Leben“. Damit weist er auf die Interpretation hin, dass Selbstbestimmung nicht zwangsläufig Unabhängigkeit bedeute.
Diese Position spiegelt die marokkanische Linie wider, die eine Integration der Westsahara in das Königreich unter erweitertem Autonomiestatus vorsieht.
Zurückhaltung gegenüber Algerien und internationalen Vermittlungen
Bezüglich Algeriens Entscheidung, sich an der Abstimmung nicht zu beteiligen, äußerte sich Außenminister Bourita zurückhaltend. „Jeder Staat trifft seine eigenen Entscheidungen. Entscheidend ist, dass es keine Opposition gab“, sagte er. Er betonte zugleich, dass Marokko und Algerien „keine Vermittlung“ benötigten. Beide Länder verfügten über die Mittel, um Differenzen direkt zu klären.
Diese Haltung steht im Einklang mit früheren Aussagen von König Mohammed VI., der wiederholt zu einem „offenen politischen Dialog“ mit Algier aufgerufen hatte – bislang jedoch ohne sichtbare Fortschritte.
Ein Jahr für neue Verhandlungen – Ausblick und Kontext
Die Resolution sieht vor, dass die beteiligten Parteien innerhalb eines Jahres zu substantiellen Verhandlungen zurückkehren sollen. Staffan de Mistura soll den Prozess begleiten und regelmäßig an den Sicherheitsrat berichten.
Außenminister Bourita zufolge bereitet Marokko derzeit eine aktualisierte Fassung des Autonomieplans vor, die dem UN-System in den kommenden Monaten vorgelegt werden soll. König Mohammed VI. hatte dies in einer Rede bereits angekündigt.
Nasser Bourita und die marokkanische Außenpolitik
Nasser Bourita, geboren 1969 in Taounate, leitet seit 2017 das marokkanische Außenministerium. Er gilt als enger Vertrauter des Monarchen und als Architekt der jüngeren diplomatischen Erfolge Marokkos, insbesondere im Zusammenhang mit der Normalisierung der Beziehungen zu Israel 2020 und der Stärkung der Partnerschaften mit den USA und der EU.
Unter seiner Leitung verfolgt das Außenministerium eine Strategie, die Marokko als „Stabilitätsfaktor“ in Nordafrika positionieren soll. Die jüngste Resolution wird in Rabat als Bestätigung dieser Linie interpretiert – auch wenn international weiterhin unterschiedliche Sichtweisen auf die Westsahara-Frage bestehen.
Unterschiedliche Perspektiven im Sicherheitsrat
Während westliche Staaten – insbesondere die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich – den marokkanischen Autonomieplan als realistische Grundlage für eine Lösung betrachten, halten andere Mitglieder wie Russland und China an einer vorsichtigeren Haltung fest. Beide enthielten sich der Stimme, was Außenminister Bourita auf ihre bilateralen Beziehungen zu den USA zurückführte.
Pakistan, das sich ebenfalls enthielt, begründete seinen Schritt laut Nasser Bourita mit innenpolitischen Erwägungen und dem Schutz eigener Interessen.
Die Tatsache, dass kein Mitglied gegen die Resolution stimmte, werten marokkanische Vertreter als diplomatischen Erfolg. Kritiker betonen jedoch, dass der Text die Kernfrage – das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung – weiterhin offenlässt und den Konflikt damit nicht abschließend löst.
Reduzierte Komplexität – neue diplomatische Klarheit
Der Umfang der Resolution – lediglich zwei Seiten im Gegensatz zu früheren vierzehn – soll laut Außenminister Bourita den Willen des Sicherheitsrats widerspiegeln, seine Position zu „vereinfachen und zu präzisieren“. Damit verschiebt sich der Fokus von formalen Erklärungen hin zu einem enger definierten Rahmen für künftige Gespräche.
Für Marokko bedeutet dies eine diplomatische Stärkung. Für die Vereinten Nationen steht nun die Herausforderung im Raum, die Dialogbereitschaft aller Parteien aufrechtzuerhalten – in einem regionalen Kontext, der durch geopolitische Spannungen und sicherheitspolitische Herausforderungen in der Sahelzone zusätzlich belastet ist.
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Marokko – UN-Resolution stärkt Autonomieplan: Algerien übt scharfe Kritik

