Während die nationale Volkswirtschaft im vergangenen Jahr fast 200.000 neue Stellen schaffen konnte und die allgemeine Arbeitslosenquote leicht sank, verdeutlicht der jüngste Bericht des Hohen Kommissariats für Planung (HCP) eine besorgniserregende Entwicklung: Für junge Menschen und Frauen bleibt der Zugang zu stabiler Beschäftigung weiterhin stark eingeschränkt.
Rabat – Der marokkanische Arbeitsmarkt zeigt im Jahr 2025 ein zweigeteiltes Bild. Auf der einen Seite stehen positive Wachstumszahlen in den Städten und im Dienstleistungssektor, auf der anderen Seite verfestigen sich strukturelle Probleme, die insbesondere die junge Generation hart treffen. Laut den aktuellsten Daten des HCP stieg die Zahl der Erwerbstätigen landesweit an, doch die Qualität der Beschäftigung und die Inklusion vulnerabler Gruppen bleiben die zentralen Herausforderungen für die Regierung in Rabat.
Dienstleistungssektor und Baugewerbe kompensieren Verluste in der Landwirtschaft
Zwischen 2024 und 2025 schuf die marokkanische Wirtschaft netto 193.000 Arbeitsplätze. Dies stellt eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr dar, in dem lediglich 82.000 neue Stellen gemeldet wurden. Dieser Zuwachs konzentriert sich jedoch fast ausschließlich auf den urbanen Raum, wo 203.000 Stellen entstanden, während in den ländlichen Gebieten ein Rückgang von 10.000 Arbeitsplätzen zu verzeichnen war.
Besonders dynamisch präsentierte sich der Dienstleistungssektor, der mit 123.000 neuen Stellen den größten Beitrag leistete. Hier spielten vor allem Finanzaktivitäten, Versicherungen und Immobiliendienstleistungen sowie soziale Dienste für die Gemeinschaft eine tragende Rolle. Auch das Baugewerbe (BTP) verzeichnete mit 64.000 neuen Arbeitsplätzen ein kräftiges Plus, gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe mit 46.000 Stellen. Im Gegensatz dazu setzt sich der Abwärtstrend in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft fort: Hier gingen landesweit 41.000 Arbeitsplätze verloren, was den strukturellen Wandel und die Abhängigkeit von klimatischen Bedingungen in der Region unterstreicht.
Die Generation Z im Wartestand: Jugendarbeitslosigkeit steigt trotz positivem Gesamttrend
Die Arbeitsmarktzahlen bleiben für junge Menschen dramatisch. Während die nationale Arbeitslosenquote leicht von 13,3 % auf 13 % sank, entwickelte sich der Wert für die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen gegenläufig. Hier stieg die Quote von 36,7 % auf 37,2 % an.
Besonders prekär ist die Situation für Erstsuchende. Laut dem HCP-Bericht stieg der Anteil der Arbeitslosen, die noch nie gearbeitet haben, von 49,3 % auf 52,9 %. Dies deutet auf eine tiefe Kluft zwischen dem Bildungssystem und den Anforderungen des Marktes hin. Rund 36,6 % der Arbeitslosen gerieten unmittelbar nach Abschluss ihrer Ausbildung oder ihres Studiums in die Erwerbslosigkeit. Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit nimmt zu: Im Durchschnitt suchen Betroffene nun 33 Monate nach einer Beschäftigung, wobei 64,8 % bereits seit über einem Jahr ohne Stelle sind.
Prekarität und Unterbeschäftigung trüben die statistische Erholung
Ein Blick hinter die reinen Arbeitslosenzahlen offenbart eine Zunahme der Unterbeschäftigung. Die Zahl der Menschen, die unfreiwillig weniger arbeiten als gewünscht oder deren Einkommen nicht ausreicht, stieg landesweit von 1.082.000 auf 1.190.000 Personen. Die Unterbeschäftigungsquote kletterte damit von 10,1 % auf 10,9 %.
Diese Entwicklung betrifft alle Wirtschaftsbereiche, ist aber im Baugewerbe mit einem Anstieg auf 21,7 % am stärksten ausgeprägt. Zudem bleibt die soziale Absicherung lückenhaft: Nur 31,6 % der Erwerbstätigen verfügen über eine berufsbezogene Krankenversicherung. Während in der Industrie fast jeder Zweite (49,4 %) abgesichert ist, sinkt dieser Wert in der Landwirtschaft auf magere 7,8 %. Auch das Vertragswesen zeigt Defizite: Nur 54 % der Lohnempfänger verfügen über einen formellen Arbeitsvertrag, wobei die Quote in den städtischen Dienstleistungssektoren deutlich höher liegt als in ländlichen Gebieten.
Regionale Disparitäten und die schwierige Lage der Frauen
Die geografische Verteilung der Arbeitslosigkeit offenbart ein massives Gefälle innerhalb des Königreichs. Fünf Regionen konzentrieren über 70 % der Arbeitslosen, wobei Casablanca-Settat mit 25,5 % die Liste anführt. Die höchsten Quoten finden sich jedoch in den südlichen Provinzen (22,8 %) und im Osten (22,1 %), während Regionen wie Marrakesch-Safi (8,1 %) deutlich besser abschneiden.
Neben der Jugend sind Frauen besonders von der negativen Entwicklung betroffen. Ihre Arbeitslosenquote stieg signifikant von 19,4 % auf 20,5 %. Gleichzeitig bleibt ihre Erwerbsquote mit 19 % auf einem sehr niedrigen Niveau stabil, was bedeutet, dass vier von fünf Frauen im arbeitsfähigen Alter dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung stehen oder nicht aktiv suchen. In ländlichen Gebieten arbeiten zudem viele Frauen als unbezahlte Familienhelferinnen (64,8 % der dort erwerbstätigen Frauen), was ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit stark einschränkt.
Strukturelle Herausforderungen für die kommenden Jahre
Der Kontext dieser Zahlen verdeutlicht, dass Marokko zwar erfolgreich Industriecluster und moderne Dienstleistungszentren aufbaut, diese jedoch noch nicht in der Lage sind, den stetigen Zustrom junger Absolventen und die Abwanderung aus dem Agrarsektor vollständig aufzufangen. Die Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit auf durchschnittlich fast drei Jahre zeigt, dass einmal aus dem System gefallene Personen nur schwer wieder integriert werden können.
Für Investoren und politische Entscheider im Maghreb bleibt die Frage der Beschäftigungsqualität und der Jugendintegration das zentrale Thema. Das Ziel, eine inklusive Wirtschaft zu schaffen, die über das reine Zahlenwachstum hinausgeht, scheint angesichts der dramatischen Quoten bei den 15- bis 24-Jährigen dringlicher denn je.

