Nach seiner Begnadigung im November 2025 fordert der algerisch-französische Autor eine völkerrechtliche Aufarbeitung seiner Inhaftierung und bricht dafür mit langjährigen Weggefährten, um den Druck auf die politische Führung in Algier zu erhöhen.
Paris – Der pemierte algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal hat angekündigt, den algerischen Staatspräsidenten Abdelmadjid Tebboune vor ein internationales Gericht bringen zu wollen. Diese Entwicklung markiert eine neue Eskalationsstufe in dem seit Ende 2024 schwelenden Konflikt zwischen dem 81-jährigen Literaten und der algerischen Staatsführung. Wie die Nachrichtenagentur AFP sowie die Portale Le360 und Le Monde berichten, begründet Sansal diesen Schritt mit dem aus seiner Sicht unrechtmäßigen Charakter seiner vorangegangenen Haftstrafe und dem Fehlen rechtsstaatlicher Standards während seines Prozesses.

Internationale Gerechtigkeit als Ziel des juristischen Verfahrens
Während einer Diskussionsrunde am 11. April 2026 in der französischen Nationalversammlung erklärte Sansal öffentlich: „Das Gerichtsverfahren hat begonnen.“ Laut Berichten von Le Monde und Le360 bereitet sein Anwaltsteam derzeit eine Klage vor, die darauf abzielt, den algerischen Präsidenten vor internationale Instanzen – namentlich den Internationalen Strafgerichtshof – zu bringen.
Sansal, der wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem algerischen System im März 2025 zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, wirft der Führung in Algier vor, ihn unter Vorwürfen wie „Terrorismus“, „Spionage“ und „Angriff auf die Staatssicherheit“ willkürlich inhaftiert zu haben. Laut Sansal sei er bereits während seiner Haft entschlossen gewesen, die Verantwortlichen rechtlich zu belangen. In der Nationalversammlung zitierte er aus einem Brief, den er aus dem Gefängnis an den Präsidenten gerichtet haben will: „Wenn Sie mich freilassen, verklage ich Sie.“
Die Ablehnung der Begnadigung als diplomatischer Kompromiss
Ein zentraler Aspekt der aktuellen Auseinandersetzung ist Sansals Unzufriedenheit mit den Umständen seiner Freilassung im November 2025. Obwohl er durch eine präsidentielle Begnadigung – mutmaßlich infolge massiven internationalen Drucks – in Freiheit kam, lehnt er diesen Akt der Milde als „zutiefst unbefriedigend“ ab. Gegenüber Le Monde betonte der Autor, dass eine Begnadigung keinen Freispruch darstelle und die zugrunde liegende Verurteilung damit rechtlich bestehen bleibe.
Er kritisiert, dass ihm ein „echter Prozess mit Anwälten und internationalen Beobachtern“ verwehrt geblieben sei. Für Sansal ist die juristische Aufarbeitung daher kein privater Rachefeldzug, sondern ein Akt des Widerstands gegen ein Regime, das er laut Le360 als „gewalttätig und grausam“ charakterisiert. Mit der Klage wolle er auch ein Zeichen für andere inhaftierte Personen setzen, wie etwa den Sportjournalisten Christophe Gleizes, der in Algerien eine siebenjährige Haftstrafe verbüßt.
Strategische Neuausrichtung und Bruch mit dem Verlag Gallimard
Die Entschlossenheit des Schriftstellers führte unlängst zu einem Bruch mit seinem langjährigen Pariser Verlag Gallimard. In einer im März 2026 in Le Monde veröffentlichten Tribüne rechtfertigte Sansal seinen Wechsel zum Verlag Grasset mit einer „Meinungsverschiedenheit“ über die Verteidigungsstrategie während seiner Haft. Während Gallimard verstärkt auf diplomatische Wege setzte, um seine Freilassung zu erwirken, beharrt Sansal auf einer konfrontativeren Linie gegenüber der algerischen Führung.
Dieser Verlagswechsel wird in Branchenkreisen auch politisch gedeutet, da Grasset zur Hachette-Gruppe gehört, die unter dem Einfluss des konservativen Unternehmers Vincent Bolloré steht. Sansal sieht in dieser neuen Partnerschaft offenbar eine bessere Plattform für seinen politischen Aktivismus, der nun über die Literatur hinaus in die Gerichtssäle führen soll. Ob eine Klage gegen ein amtierendes Staatsoberhaupt vor internationalen Gerichten tatsächlich zulässig sein wird, bleibt abzuwarten, doch für die politische Debatte in der Maghreb-Region stellt dieser Vorgang bereits jetzt ein Novum dar.

