Die Entscheidung gilt als humanitäre Geste mit diplomatischer Bedeutung – Deutschland übernimmt Betreuung Sansals, während Algier auf die Souveränität des Landes verweist.
Rabat – Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat dem Antrag seines deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier auf Begnadigung des Schriftstellers Boualem Sansal stattgegeben. Dies teilte das Präsidialamt in Algier am Mittwoch über die staatliche Nachrichtenagentur APS mit.
Demnach habe Tebboune auf ein offizielles Schreiben reagiert, das am 10. November 2025 eingegangen sei. Das Ansuchen habe, so wörtlich, „aufgrund seiner Art und seiner humanitären Motive“ besondere Beachtung gefunden. Gestützt auf Artikel 91 Absatz 8 der algerischen Verfassung habe der Präsident „nach Konsultation gemäß den gesetzlichen Bestimmungen“ entschieden, dem Ersuchen nachzukommen. Deutschland werde die Überführung und Betreuung Sansals übernehmen, heißt es weiter in der Mitteilung.
Ein Fall mit politischer und kultureller Symbolkraft
Boualem Sansal, 76 Jahre alt, ist einer der international bekanntesten Schriftsteller Algeriens. Der Autor, der sowohl die algerische als auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, wurde im Juli 2025 in einem Berufungsverfahren zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Laut Angaben der algerischen Justizbehörden lautete der Vorwurf, Sansal habe „die territoriale Integrität des Landes gefährdet“. Anlass waren seine öffentlichen Äußerungen zur Grenzpolitik gegenüber Marokko – einem sensiblen Thema in Algeriens Außenpolitik.
Frankreich hatte bereits zuvor erfolglos versucht, über diplomatische Kanäle eine Freilassung zu erreichen. Beobachter werten das deutsche Engagement daher auch als Versuch, die Gesprächsbasis mit Algier zu stärken und zugleich die humanitäre Dimension des Falles zu betonen.
Humanitäre Geste mit diplomatischer Dimension
Bundespräsident Steinmeier hatte in seinem Schreiben laut APS auf „humanitäre Gründe“ verwiesen: Sansal sei von hohem Alter und gesundheitlich angeschlagen. Eine Begnadigung würde, so Steinmeier, „den Geist der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts zwischen beiden Nationen“ unterstreichen.
Für Algier wiederum könnte die Entscheidung Gelegenheit sein, internationale Offenheit zu zeigen, ohne den Anspruch auf nationale Souveränität aufzugeben.
Bedeutung für die bilateralen Beziehungen
Die Begnadigung Sansals dürfte nicht nur als persönliche Entscheidung zugunsten des Autors verstanden werden, sondern auch als Signal im Verhältnis zwischen Algerien und Deutschland. Beide Länder pflegen enge wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen, insbesondere im Energie- und Migrationsbereich.
Während Frankreichs Einfluss in der Region zuletzt abgenommen hat, gilt Berlin als verlässlicher Partner Algiers. Die Freilassung des Schriftstellers könnte daher als Geste der Annäherung gewertet werden – in einer Zeit, in der kulturelle Diplomatie wieder an Bedeutung gewinnt.
Algerien – Deutschland bittet um Begnadigung des Schriftstellers Boualem Sansal

