Am 16. Juli 2026 empfängt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune im Schloss Bellevue. Im Mittelpunkt der Gespräche dürften die Energiepartnerschaft, der Ausbau der Wasserstoffkooperation sowie die Rahmenbedingungen des bilateralen Handels stehen.
Algier / Berlin – Der diplomatische Fahrplan für den offiziellen Arbeitsbesuch. Auf den offiziellen Empfang mit militärischen Ehren im Schloss Bellevue folgt am 17. Juli 2026 der wirtschaftliche Schwerpunkt des Besuchs: Im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin kommen Regierungsvertreter und Unternehmen zur 6. Sitzung der deutsch-algerischen Gemischten Wirtschaftskommission (GWK) sowie zu einem bilateralen Wirtschaftsforum zusammen. Die Veranstaltungen waren bereits im Vorfeld durch Veröffentlichungen der Außenwirtschaftsförderung bekannt geworden. Die Tagung wurden dabei bereits Mitte Juni mit dem geplanten Staatsbesuch des algerischen Präsidenten verknüpft.
Der Blick aus Algier: Positive Konjunktur, begrenzte Marktposition
Auch in Algerien wird der Besuch aufmerksam verfolgt. Die Nachrichtenseite TSA Algérie griff aktuelle Einschätzungen von Germany Trade & Invest auf und verwies auf die positiven Wachstumserwartungen für die algerische Wirtschaft. Je nach Prognose rechnen Ökonomen für das Jahr 2026 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 3,7 bis 4,5 Prozent, getragen von den Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor, staatlichen Investitionen und einer stabilen Binnennachfrage.
Gleichzeitig verweist die Berichterstattung auf einen strukturellen Schwachpunkt der deutsch-algerischen Wirtschaftsbeziehungen. Unter Berufung auf Daten der algerischen Statistik- und Zollbehörden (CNIS) wird Deutschland derzeit lediglich auf Rang sechs der wichtigsten Lieferländer geführt. Frankreich, Italien und vor allem China haben ihre wirtschaftliche Präsenz in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Insbesondere chinesische Unternehmen engagieren sich in Infrastruktur-, Automobil- und Bergbauprojekten. Für die deutsche Delegation unterstreicht dies, dass der Zugang zum algerischen Markt zunehmend im internationalen Wettbewerb steht.
Asymmetrie im Handel: Energieimporte treffen auf Industrieexporte
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten sind seit Jahren durch unterschiedliche Handelsstrukturen geprägt. Deutschland exportiert vor allem Maschinen, Anlagen und industrielle Vorprodukte nach Algerien, während die Importe überwiegend aus Energierohstoffen bestehen.
| Außenwirtschaftliche Kennzahl (Basis 2025/2026) | Wert / Entwicklung |
| Deutsche Exporte nach Algerien (2025) | ca. 2,1 Mrd. Euro |
| Deutsche Importe aus Algerien (2025) | ca. 1,4 Mrd. Euro (+11 % gegenüber 2024) |
| Bilateraler Handelsaustausch (2025) | ca. 3,5 Mrd. Euro |
| 1. Quartal 2026 | Deutsche Exporte: -5,6 % / Deutsche Importe: +20 % |
Die Entwicklung im ersten Quartal 2026 verdeutlicht diese Verschiebung. Während die deutschen Ausfuhren zurückgingen, legten die Importe aus Algerien wertmäßig deutlich zu. Hintergrund ist der weiterhin hohe Energiebedarf Europas nach dem weitgehenden Wegfall russischer Pipeline-Gaslieferungen seit 2022.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) entfallen deutlich mehr als 95 Prozent der deutschen Importe aus Algerien auf Rohöl, Erdgas und petrochemische Erzeugnisse. Eurostat-Daten zeigen zudem, dass Algerien inzwischen zu den wichtigsten Lieferanten von Pipeline-Gas für die Europäische Union zählt.
Auf der Exportseite konnten deutsche Maschinen- und Anlagenbauer ihre Lieferungen nach Destatis-Angaben im Jahr 2025 um 23 Prozent auf rund 462 Millionen Euro steigern. Gleichzeitig gingen die Ausfuhren von Kraftfahrzeugen und Fahrzeugteilen im selben Zeitraum um 36 Prozent zurück.
Protektionismus als industriepolitisches Instrument
Der Rückgang im Automobilgeschäft steht im Zusammenhang mit der algerischen Industriepolitik. Um die heimische Produktion auszubauen und den Abfluss von Devisen zu begrenzen, setzt die Regierung auf Importbeschränkungen sowie sogenannte Local-Content-Vorgaben. Ausländische Unternehmen sollen Produktion, Zulieferketten und Wertschöpfung zunehmend im Land selbst aufbauen.
Frühere Industrieprojekte – darunter das ehemalige Volkswagen-Montagewerk – gerieten infolge der politischen Umbrüche nach dem Ende der Bouteflika-Ära ins Stocken. Inzwischen prüfen deutsche Unternehmen erneut Möglichkeiten eines stärkeren Engagements. Erst vor wenigen Tagen organisierte die Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer (AHK Algerien) eine Geschäftsanbahnungsreise für deutsche Zulieferunternehmen, um Potenziale für lokale Produktionsstrukturen auszuloten.
Zwischen Rüstungskooperation und Energiewende
Während der zivile Handel durch regulatorische Vorgaben geprägt wird, bestehen auch im sicherheitspolitischen Bereich langjährige industrielle Verbindungen. Algerien gehörte über viele Jahre zu den bedeutenden Empfängern deutscher Rüstungsgüter. Mit Genehmigung der Bundesregierung entstand in Ain Smara eine Produktionsstätte zur Lizenzmontage des Radpanzers Fuchs 2. Hinzu kamen Lieferungen von MEKO-Fregatten durch ThyssenKrupp Marine Systems sowie weitere Ausrüstung im Bereich Grenzsicherung. Diese Kooperationen werden in Deutschland regelmäßig kontrovers diskutiert, insbesondere vor dem Hintergrund regionaler Sicherheitslagen und menschenrechtlicher Debatten.
Der Schwerpunkt der aktuellen Gespräche dürfte jedoch auf Energie- und Industriepolitik liegen. So weitete der Leipziger Energiehändler VNG im Juni 2026 seine Zusammenarbeit mit dem algerischen Staatsunternehmen Sonatrach aus. Neben der langfristigen Sicherung von Erdgaslieferungen geht es dabei zunehmend um den Aufbau einer Infrastruktur für den Import klimaneutraler Energieträger.
Im Mittelpunkt steht dabei der geplante SoutH2 Corridor. Nach den Planungen des Projektkonsortiums soll die Pipeline ab den 2030er-Jahren jährlich bis zu vier Millionen Tonnen grünen Wasserstoff aus Nordafrika über Tunesien, Italien und Österreich nach Süddeutschland transportieren. Algerien verfolgt nach offiziellen Regierungsangaben das Ziel, bis 2035 rund 15 Gigawatt erneuerbare Erzeugungskapazität aufzubauen, um langfristig auch die Produktion von grünem Wasserstoff auszuweiten.
Investitionen überwiegend in eine Richtung
Im Unterschied zu mehreren Golfstaaten spielt Algerien als Kapitalinvestor in Deutschland bislang nur eine untergeordnete Rolle. Der staatliche Fonds de Régulation des Recettes dient traditionell vor allem der Stabilisierung des Staatshaushalts bei schwankenden Energiepreisen. Auch Sonatrach konzentriert sich in Europa überwiegend auf projektbezogene Kooperationen und weniger auf strategische Unternehmensbeteiligungen.
Umgekehrt sind deutsche Unternehmen seit Jahren in Algerien präsent. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank sind rund 28 deutsche Unternehmen – darunter Knauf, Siemens, Liebherr, Henkel und BASF – mit Niederlassungen oder Produktionsstandorten vertreten und beschäftigen dort insgesamt rund 4.000 Mitarbeiter.
Ob der Besuch von Präsident Tebboune über die symbolische Dimension eines Staatsbesuchs hinausreicht, dürfte sich an den wirtschaftlichen Ergebnissen der Gespräche messen lassen. Deutschland sucht langfristige Energiesicherheit, neue Absatzmärkte und Perspektiven für den Wasserstoffimport. Algerien wiederum wirbt um Investitionen, Technologietransfer und einen stärkeren industriellen Aufbau im eigenen Land. Vor dem Hintergrund wachsender Konkurrenz insbesondere aus China und Italien werden beide Seiten ihre Interessen jedoch in einem deutlich wettbewerbsintensiveren Umfeld als noch vor wenigen Jahren austarieren müssen.

