Die modernisierte Arbeitskräfteerhebung des Statistikamtes HCP zeigt weit mehr als eine offizielle Arbeitslosenquote. Hinter den Zahlen stehen eine massive Unterauslastung junger Menschen, ein dominierender informeller Sektor und wachsende Risiken für Marokkos Sozialreformen – wenige Monate vor den Parlamentswahlen 2026.
Rabat – Die neuesten Zahlen des marokkanischen Statistikamtes Haut-Commissariat au Plan (HCP) wirken auf den ersten Blick nüchtern. Tatsächlich markieren sie jedoch einen tiefgreifenden Einschnitt in der Art, wie Marokko seinen Arbeitsmarkt misst – und wie sichtbar dessen strukturelle Schwächen inzwischen geworden sind. Mit der neuen Arbeitskräfteerhebung EMO2026 übernimmt das Königreich erstmals vollständig die modernisierten Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die bisherige nationale Beschäftigungsumfrage wurde damit nach jahrzehntelanger Praxis offiziell abgelöst.
Marokko führt neue Methode zur Arbeitsmarktmessung ein – Quote bei 10,8 Prozent
Der Begriff der „Beschäftigung“ wurde neu definiert, mit Folgen!
Neben einer größeren Stichprobe und einer neuen Datengrundlage auf Basis des Zensus von 2024 verändert sich vor allem die Definition dessen, was überhaupt als Beschäftigung gilt. Arbeit wird nun deutlich enger gefasst, sodass als erwerbstätig nur noch Personen gelten, die gegen Entgelt oder mit klarer Gewinnerzielungsabsicht arbeiten. Tätigkeiten zur Eigenversorgung oder nicht-marktorientierte Arbeit werden konsequent nicht mehr zur Erwerbsbevölkerung gezählt. Genau dadurch entsteht ein präziseres Bild, das jedoch gleichzeitig einen deutlich ernüchternderen Blick auf die Realität wirft. Im ersten Quartal 2026 lebten laut HCP rund 27,8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter in Marokko, von denen jedoch lediglich 11,6 Millionen Personen zur aktiven Erwerbsbevölkerung zählten, was einer Erwerbsquote von nur 41,8 Prozent entspricht.
Die trügerische Fassade der offiziellen Quoten
Auch die Definition von Arbeitslosigkeit wurde im Zuge dieser methodischen Modernisierung grundlegend verschärft. Als arbeitslos gelten nach den neuen Kriterien nur Personen ohne Beschäftigung, die aktiv nach Arbeit suchen und kurzfristig verfügbar wären. Unter dieser restriktiveren Definition lag die offizielle Arbeitslosenquote im ersten Quartal 2026 bei 10,8 Prozent beziehungsweise rund 1,25 Millionen Menschen. In den Städten erreichte sie 13,5 Prozent, im ländlichen Raum hingegen spürbar niedrigere 6,1 Prozent. Doch genau hier beginnt die eigentliche Aussagekraft der neuen Erhebung, da das HCP nun verschärft und systematisch auch die sogenannte Unterauslastung der Arbeitskräfte misst.
Dazu zählen Menschen, die unfreiwillig zu wenig arbeiten, ebenso wie Personen, die grundsätzlich arbeiten möchten, aktuell aber keine aktive Stellensuche betreiben oder kurzfristig nicht verfügbar sind. Die zusätzlichen Indikatoren zeigen ein deutlich größeres Problem als die offizielle Arbeitslosenquote allein vermuten lässt. Neben den registrierten Arbeitslosen verzeichnete das HCP weitere 671.000 Unterbeschäftigte sowie rund 884.000 sogenannte potenzielle Arbeitskräfte. Zusammengenommen ergibt sich daraus eine landesweite Unterauslastungsquote von besorgniserregenden 22,5 Prozent, wobei dieser Wert in den urbanen Zentren sogar auf 24,8 Prozent ansteigt.
Unterauslastungsquote bei jungen Menschen bei über 45 Prozent.
Besonders deutlich wird diese strukturelle Krise bei den jungen Menschen des Landes. Während die offizielle Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen bereits bei hohen 29,2 Prozent lag, erreicht der umfassendere Indikator zur Unterauslastung in dieser Altersgruppe dramatische 45,3 Prozent. Praktisch jeder zweite junge Marokkaner befindet sich damit entweder in offener Arbeitslosigkeit, instabiler Teilzeitbeschäftigung oder am entmutigten Rand des Arbeitsmarktes. Gerade in den Städten wächst damit der soziale Druck auf ein System, das vielen jungen Menschen trotz steigender Bildungsabschlüsse keine stabile ökonomische Perspektive bietet.
Die Schattenwirtschaft als heimliches Zentrum
Warum sich die strukturelle Lage so schwer verändern lässt, zeigen parallel veröffentlichte Analysen des HCP zur informellen Beschäftigung. Demnach arbeiten weiterhin mehr als 75 Prozent aller Erwerbstätigen außerhalb der formellen Beitrags- und Meldesysteme des Staates. Die Schattenwirtschaft ist in Marokko längst kein marginales Randphänomen mehr, sondern bildet für Millionen Familien den tatsächlichen, alltäglichen Arbeitsmarkt. Besonders verbreitet ist die Informalität bei Kleinstbetrieben mit niedriger Kapitalausstattung und entsprechend geringer Produktivität.
Mehr als zwei Millionen Produktionseinheiten operieren laut den Daten des HCP vollständig informell. Viele dieser Unternehmen verfügen nur über minimale Gewinnmargen und besitzen kaum nennenswerte Investitionskapazitäten. Das erklärt auch, warum selbst Phasen moderaten Wirtschaftswachstums bislang kaum in stabile und sozial abgesicherte Beschäftigung übersetzt werden konnten. Die marokkanische Zentralbank Bank Al-Maghrib verweist seit Jahren auf diese schwache Produktivitätsentwicklung als eines der größten strukturellen Wachstumshemmnisse des Landes.
Der ökonomische Zusammenhang ist hierbei direkt: Informelle Betriebe investieren seltener, wachsen langsamer und schaffen meist keine langfristig abgesicherten Arbeitsplätze. Gleichzeitig erscheint vielen Selbstständigen oder Kleinunternehmern der Schritt in die formelle Wirtschaft wirtschaftlich schlicht zu riskant. Steuern, Sozialabgaben und bürokratische Vorgaben werden angesichts der niedrigen Realeinkommen häufig als existenzbedrohende zusätzliche Belastung wahrgenommen.
Die schwierige Bilanz der Regierung vor den Wahlen
Die neuen Arbeitsmarktdaten erscheinen zu einem politisch hochgradig sensiblen Zeitpunkt. Am 23. September 2026 finden in Marokko die mit Spannung erwarteten Parlamentswahlen statt. Die liberalkonservative Partei Rassemblement National des Indépendants (RNI) unter Premierminister Aziz Akhannouch hatte die Wahlen 2021 unter anderem mit dem Versprechen gewonnen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und massenhaft neue Arbeitsplätze zu schaffen. Damals gelang es der RNI, die islamistische PJD nach zehn Regierungsjahren deutlich zu verdrängen.
Doch die neue Regierung übernahm ein Land, das wirtschaftlich bereits stark unter den Spätfolgen der Covid-19-Pandemie litt. Die Krise hatte nicht nur den Tourismus und zahlreiche kleine Unternehmen schwer getroffen, sondern zugleich offengelegt, wie groß die Abhängigkeit Marokkos von informeller Beschäftigung tatsächlich ist. In dieser kritischen Phase ordnete König Mohammed VI. die beschleunigte Umsetzung mehrerer lange vorbereiteter Sozialreformen an. Dazu gehörten die allgemeine Krankenversicherung, die schrittweise Ausweitung sozialer Sicherungssysteme sowie neue Modelle der Arbeitslosenabsicherung.
Gerade die RNI-Regierung musste damit parallel zwei extrem schwierige, teils widersprüchliche Ziele verfolgen. Einerseits galt es, Wachstum und private Investitionen drastisch zu fördern, andererseits musste ein deutlich breiterer Sozialstaat finanziert werden. Die neuen HCP-Daten machen nun unbarmherzig sichtbar, wie kompliziert dieser Balanceakt in der Realität geworden ist. Denn ein solidarisch finanziertes Sozialversicherungssystem benötigt zwingend eine breite Basis formeller, verlässlicher Beitragszahler, doch wenn ein Großteil der Beschäftigten außerhalb offizieller Strukturen arbeitet, gerät die langfristige Finanzierung unter immensen Druck.
Frauen und Regionen im Abseits
Besonders problematisch bleibt zudem die anhaltend geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen. Laut HCP lag die weibliche Erwerbsquote im ersten Quartal 2026 bei lediglich 17,5 Prozent, während sie bei den Männern 66,4 Prozent erreichte. Frauen stellen zudem mehr als 70 Prozent der Menschen dar, die sich gänzlich außerhalb des Arbeitsmarktes befinden. Selbst Frauen, die aktiv Arbeit suchen, sind deutlich stärker von struktureller Ausgrenzung betroffen, da ihre strikte Arbeitslosenquote bei 16,1 Prozent liegt, während ihr Unterauslastungsindikator sogar 31,1 Prozent erreicht.
Für die marokkanische Wirtschaft besteht damit weiterhin ein massives strukturelles Problem. Ohne eine stärkere Integration von Frauen in formelle Beschäftigung bleibt auch das Potenzial für zusätzliche Sozialbeiträge, Binnenkonsum und Produktivitätssteigerungen stark begrenzt. Hinzu kommen erhebliche regionale Ungleichgewichte innerhalb des Königreichs. Besonders hohe Arbeitslosenquoten verzeichnen die Regionen Laâyoune-Sakia El Hamra mit 20,3 Prozent, Oriental mit 14,9 Prozent sowie Guelmim-Oued Noun mit 14,8 Prozent, während Zentren wie Tanger-Tétouan-Al Hoceima deutlich niedrigere Werte aufweisen.
Die wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen den Regionen wachsen weiter.
Die Unterschiede spiegeln die ungleiche wirtschaftliche Entwicklung des Landes wider. Während Regionen wie Casablanca-Settat oder Tanger stärker von Industrie, Exportwirtschaft und massiven Infrastrukturinvestitionen profitieren, bleiben andere Landesteile stärker von der volatilen Landwirtschaft abhängig. Zusätzlich belastet der stärker wahrnehmbare Klimawandel den Agrarsektor, der trotz seines sinkenden Anteils an der Wirtschaftsleistung weiterhin Millionen Menschen im ländlichen Raum beschäftigt. Die neuen Arbeitsmarktdaten zeigen deshalb keineswegs nur eine vorübergehende konjunkturelle Schwächephase des Landes.
Sie verweisen vielmehr auf tiefsitzende strukturelle Grenzen des bisherigen marokkanischen Wirtschaftsmodells. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre dürfte damit weniger lauten, wie hoch die offizielle, restriktive Arbeitslosenquote am Ende ausfällt. Entscheidend wird vielmehr sein, ob es Marokko gelingt, produktivere Unternehmen, stabilere formelle Beschäftigung und eine breite soziale Absicherung gleichzeitig aufzubauen. Gerade wenige Monate vor den wegweisenden Parlamentswahlen erhält diese wirtschaftspolitische Frage eine enorme gesellschaftliche und politische Sprengkraft.
Marokko – Wer im informellen Arbeitsmarkt tätig ist wird ausgenutzt.

