Die marokkanische Regierung sucht internationale Finanzierungspartner für die geplante African Atlantic Gas Pipeline (AAGP). Nach Angaben des marokkanischen Botschafters in Washington laufen Sondierungsgespräche mit der US-Exim-Bank und der Weltbank über das Infrastrukturprojekt.
Washington – Marokko intensiviert seine Bemühungen um die Finanzierung der African Atlantic Gas Pipeline (AAGP). Wie Marokkos Botschafter in den Vereinigten Staaten, Youssef Amrani, am Mittwoch in einem Interview mit Bloomberg erklärte, hätten die jüngsten Störungen der Energieversorgung im Nahen Osten im Zusammenhang mit dem Konflikt mit Iran die Argumente für das Pipelineprojekt gestärkt. Rabat führe daher Gespräche mit der Export-Import Bank der Vereinigten Staaten (US-Exim-Bank) und der Weltbank über eine finanzielle Beteiligung an dem Vorhaben im geschätzten Umfang von 26 Milliarden US-Dollar.
Ein Sprecher der US-Exim-Bank bestätigte gegenüber Bloomberg, dass erste Sondierungsgespräche über das Projekt geführt würden. Die Weltbank lehnte eine Stellungnahme ab. Weitere Einzelheiten zu den Verhandlungen nannte Amrani nicht.
Politischer Rückhalt durch ECOWAS-Abkommen
Zusätzlichen politischen Rückhalt erhielt das Pipelineprojekt am 19. Juli 2026, als die Staats- und Regierungschefs der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) ein zwischenstaatliches Abkommen unterzeichneten, das das Vorhaben offiziell unterstützt.
Die rund 6.800 Kilometer lange Pipeline soll Gasvorkommen unter anderem in Nigeria, Senegal und Mauretanien entlang der westafrikanischen Atlantikküste miteinander verbinden und anschließend an die bestehende Maghreb-Europa-Gaspipeline nach Spanien angeschlossen werden.
Nach Angaben des marokkanischen Energieunternehmens ONHYM, das das Projekt gemeinsam mit der Nigerian National Petroleum Company (NNPC) entwickelt, soll die Leitung jährlich rund 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren. Etwa die Hälfte der Kapazität ist für den marokkanischen Markt vorgesehen, die übrigen rund 15 Milliarden Kubikmeter sollen nach Europa geliefert werden.
Der Baubeginn ist nach derzeitiger Planung – vorbehaltlich gesicherter Finanzierungszusagen – für 2028 vorgesehen. Die ersten Gaslieferungen könnten ab 2031 erfolgen.
Finanzierung bleibt größte Herausforderung
Trotz des politischen Fortschritts bleibt die Finanzierung die größte Herausforderung des Vorhabens. Zudem verweisen Fachleute auf die organisatorische und technische Komplexität eines Projekts, an dem zahlreiche Staaten beteiligt sind.
Anne-Sophie Corbeau, Forschungswissenschaftlerin am Center on Global Energy Policy der Columbia University, verwies gegenüber Bloomberg auf wiederkehrende Betriebs- und Versorgungsstörungen der Westafrikanischen Gaspipeline zwischen Nigeria, Benin, Togo und Ghana. Zugleich stellte sie die Notwendigkeit infrage, die Pipeline bis nach Europa zu verlängern, da die Europäische Union ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern schrittweise verringern wolle. Gleichzeitig bemühen sich viele europäische Staaten seit den Energiekrisen der vergangenen Jahre weiterhin um eine breitere Diversifizierung ihrer Gasversorgung.
Ob und wann internationale Finanzierungszusagen erfolgen, ist derzeit offen. Von ihnen wird maßgeblich abhängen, ob der geplante Baustart im Jahr 2028 eingehalten werden kann.

