Diskussion über die politische Teilhabe von im Ausland lebenden Marokkanern MRE: Chancen, Herausforderungen und regionale Vergleiche
Rabat – Im Rahmen der bevorstehenden Wahlrechtsreform, anlässlich der Parlamentswahlen 2026 in Marokko, rückt das Thema der politischen Mitsprache der im Ausland lebenden Marokkanerinnen und Marokkaner (MRE) erneut in den Fokus. Die politischen Parteien sollen dem Innenministerium Vorschläge zur Wahlrechtsreform unterbreiten, wie u.a. die mehr als fünf Millionen MRE in die Parlamentswahlen eingebunden werden könnten.
Vorschläge für zusätzliche Sitze im Parlament
Eine der diskutierten Optionen ist die Einrichtung einer neuen Parlamentsliste „Führungskräfte und Marokkaner der Welt“, die 30 Abgeordnete stellen könnte und das Parlament auf 425 Sitze erweitert. Diese Maßnahme würde eine Anpassung des Verfassungsgesetzes erfordern. Befürworter betonen, dass die Einbindung der MRE nicht nur die politische Repräsentation stärkt, sondern auch die wirtschaftliche Bedeutung der Diaspora widerspiegelt, deren Überweisungen in Milliardenhöhe in Marokko ankommen.
Warum vor allem konservative Parteien die Diaspora unterstützen
Vor allem konservative Parteien wie die Istiqlal und die islamisch orientierte PJD befürworten die Teilnahme der MRE an den Parlamentswahlen. Die PJD geht möglicherweise davon aus, dass konservative islamische Haltungen in der Diaspora stärker vertreten sind, was ihr zusätzliche Stimmen sichern könnte. Die Istiqlal könnte von der patriotischen Bindung der MRE profitieren: Viele Auslandsmarokkaner erfahren in ihren Wohnsitzländern gesellschaftliche Ablehnung und Diskriminierung, wodurch ihr Wunsch nach politischer Mitbestimmung und Heimatverbundenheit besonders ausgeprägt ist.
Andere Parteien, darunter die regierende RNI von Premierminister Aziz Akhannouch, zeigen sich zurückhaltend. Dies hängt offenbar mit höheren Kosten für Wahlkampfmaßnahmen im Ausland zusammen und damit, dass ihre Wählerbasis stärker im Inland liegt. Viele politische Beobachter sehen ein weiteres Problem, die mangelhafte politische Kenntnis der MRE, vor allem in der 2. Und 3. Generation, verbunden mit teil geringen oder überhaupt nicht vorhandenen Sprachkenntnissen. Dies betrifft vor allem Länder abseits von Frankreich, wie Niederlande, Österreich, Deutschland oder die nicht französischsprachige Schweiz oder auch Großbritannien.
Chancen und Mehrwert einer Diaspora-Beteiligung
Die politische Integration der MRE könnte nach Ansicht von Experten die Entscheidungsfindung im marokkanischen Parlament bereichern. Fachkräfte im Ausland könnten ihre Expertise einbringen, während Millionen von Bürgern erstmals eine direkte Stimme auf nationaler Ebene erhalten.
Regionale Vergleiche: Diaspora-Wahlrechte im Maghreb
Marokko steht mit seiner Debatte nicht allein:
- Tunesien erlaubt seit 2011 direkte Parlamentswahlen für die Diaspora, mit Stimmabgabe in Konsulaten und Botschaften.
- Algerien gewährt seinen Auslandsgemeinschaften ebenfalls feste Abgeordnetensitze in der Volksversammlung, proportional zur Größe der Diaspora.
- Mauretanien führte 2023 ein System ein, das MRE die Entsendung eigener Abgeordneter ermöglicht.
Trotz der deutlich größeren marokkanischen Diaspora hinkt Marokko bislang hinterher, was Kritiker als verpasste Chance bewerten.
Rechtliche und technische Machbarkeit der MRE-Wahl
Die Umsetzung einer Diaspora-Beteiligung an den Parlamentswahlen in Marokko ist komplex, aber grundsätzlich möglich. Rechtlich erfordert die Schaffung zusätzlicher Sitze eine Anpassung des Verfassungsgesetzes. Technisch könnten MRE wie in Tunesien in marokkanischen Konsulaten und Botschaften ihre Stimmen abgeben. Eine Online-Stimmabgabe erscheint derzeit trotz biometrischer und digitaler Personalausweise unrealistisch. Herausforderungen betreffen unter anderem die Organisation der Wahllokale im Ausland, die Registrierung der Wähler sowie die Sicherstellung eines transparenten und überprüfbaren Wahlverfahrens.
Die Diskussion zeigt, dass die politische Teilhabe der MRE sowohl Chancen für die Demokratie in Marokko bietet als auch organisatorische und rechtliche Herausforderungen mit sich bringt – ein zentraler Punkt der Wahlrechtsreform 2025.
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