Die neueste Transparenzfunktion der Social-Media-Plattform X (ehemals Twitter) hat ungewollt eine diplomatische Kontroverse ausgelöst. Beobachter aus Marokko und dem Nahen Osten stellten fest, dass ein Großteil der einflussreichen Accounts, die König Mohammed VI. und die marokkanische Außenpolitik hart kritisieren, ihren Sitz im Emirat Qatar hat.
Doha / Rabat – Anfang dieses Monats führte die Social-Mediaplattform X (ehemals Twitter) eine Reihe von Updates zur Verbesserung der Account-Transparenz ein, insbesondere für Konten, die Anzeigen schalten oder eine hohe Reichweite besitzen. Eine der zentralen Neuerungen war die offenere Darstellung des geografischen Standorts dieser Accounts.
Was dann folgte, war keine offizielle Pressemitteilung von X, sondern eine kollektive Entdeckung regionaler Beobachter und marokkanischer Nutzer. Sie konzentrierten sich auf Accounts, die seit langem als Speerspitze der Kritik gegen Marokko gelten. Diese Accounts hatten zuvor oft irreführende Ortsangaben wie „Westasien“ oder „Unabhängig“ als Standort genannt. Die neue Funktion zeigte nun jedoch für viele dieser Profile klar an: Doha, Katar.
Der Fokus der Kritik: Königshaus und Abraham-Abkommen
Die kritischen Accounts sind in ihren Themen auffallend konsistent und zielgerichtet. Ihre Agenda konzentriert sich hauptsächlich auf drei sensible Bereiche der marokkanischen Politik:
- König Mohammed VI. und das Königshaus: Regelmäßige Verbreitung von Gerüchten, persönlichen Angriffen und Infragestellung der Autorität des Königs.
- Die Abraham Accords: Die Normalisierung der Beziehungen zwischen Marokko und Israel wird vehement als Verrat an der arabischen und palästinensischen Sache dargestellt.
- Territoriale Integrität (Westsahara): Eine ständige Untergrabung der marokkanischen Souveränität über die Region.
Die Beobachtung, dass Accounts, die eine so klar definierte und regierungskritische Linie fahren, massiv aus dem relativ kleinen Golfstaat Katar operieren, wurde schnell als Beweis für eine „Guerre d’influence“ – einen Einflusskrieg – interpretiert.
Warum ist Marokko mutmaßlich ein Ziel für Qatar?
Die Entdeckung wirft die dringende Frage auf, warum Qatar eine solche Kampagne gegen Marokko unterstützen sollte, insbesondere da König Mohammed VI. während der Blockade Qatars 2017–2021 durch Saudi-Arabien und die VAE eine neutrale Haltung einnahm und sogar Lebensmittelhilfen nach Doha entsandte.
Experten sehen die Ursachen in tief liegenden ideologischen und regionalpolitischen Divergenzen, die durch die Solidarität während der Blockade lediglich überdeckt wurden:
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Die ideologische Kluft: Monarchie versus Politischer Islam
Der fundamentalste Konflikt liegt in der unterschiedlichen Auslegung der Staatsführung:
- Qatar und die Muslimbrüder: Katar gilt als historischer Unterstützer der Muslimbruderschaft (Ikhwan) und ähnlicher politisch-islamischer Strömungen, die eine größere Rolle bei der Gestaltung der Regierung fordern.
- Marokkos Königshaus: Das marokkanische Modell, unter König Mohammed VI. als „Prinz der Gläubigen“ (Amīr al-Mu’minīn), ist ein moderater Islam mit einer starken, religiös legitimierten Monarchie. Dieses Modell duldet keinen politischen Islam, der die Autorität des Monarchen infrage stellt. Die Kritik aus den mutmaßlich qatarischen Kreisen zielt daher auf die Schwächung der Autorität des Palastes und die Infragestellung der religiösen Legitimität des Königs ab.
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Geopolitische Divergenz: Abraham Accords
Marokkos Beitritt zu den Abraham Accords im Jahr 2020 hat eine klare geopolitische Trennlinie gezogen:
- Qatar vertritt eine traditionellere arabische Haltung gegenüber Israel und steht dem Hauptgegner der Accords, dem Iran, weniger feindselig gegenüber als die neuen Normalisierungspartner (Marokko, VAE, ggf. Saudi-Arabien).
- Die Angriffe sind somit auch eine indirekte Verurteilung der pro-westlichen und pro-israelischen Ausrichtung Marokkos, welche im qatarischen Lager als Verrat an der arabischen Sache gewertet wird.
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Regionaler Wettstreit
Die Angriffe auf Marokko können auch als ein Element im innerarabischen Wettbewerb am Golf interpretiert werden. Marokko gilt als strategischer Partner der VAE und als traditionell Saudi-Arabien nahestehend. Eine Schwächung oder Delegitimierung des marokkanischen Königshauses dient somit indirekt der Destabilisierung des Einflussbereichs der qatarischen Golf-Rivalen.
Die begrenzte Wirkung der früheren Solidarität
Die Solidarität Marokkos während der Golf-Blockade war primär ein Akt der nationalen Unabhängigkeit und des Prinzips, sich nicht dem Diktat der Nachbarstaaten zu beugen. Sie war eine geopolitische Geste, aber keine ideologische Allianz. Der tief verwurzelte Graben in Bezug auf den politischen Islam und die regionale Normalisierungspolitik blieb bestehen, was diese aktuellen Spannungen erklären könnte.
Hybride Kriegsführung: Organisierte Einflussnahme
Die Enttarnung wird als Beleg für eine organisierte Einflusskampagne gewertet. Die verdeckte Operation mit der Verschleierung des tatsächlichen Standorts deutet auf eine bewusste Strategie hin, die als hybride Kriegsführung bezeichnet wird – eine Mischung aus Desinformation und gezielter Untergrabung der nationalen Politik unterhalb der Schwelle eines direkten militärischen Konflikts.
Beziehungen auf dem Prüfstand
Für Rabat stellt diese Entdeckung einen feindseligen Akt und einen Bruch der diplomatischen Etikette dar. Die marokkanische Diplomatie steht vor der Herausforderung, angemessen zu reagieren, möglicherweise durch eine stille, aber entschlossene Beschwerde, die die Einstellung der feindseligen Operationen fordert.
Doha wird wahrscheinlich versuchen, die identifizierten Accounts als unabhängig von der qatarischen Regierung darzustellen, eine Behauptung, die angesichts der engen Machtstrukturen im Emirat von vielen regionalen Akteuren als wenig glaubwürdig erachtet wird.
Die Enthüllung auf X hat einen Keil zwischen die beiden Länder getrieben. Die „neutrale“ Phase ihrer Beziehungen ist beendet und macht eine offizielle Klärung der diplomatischen Haltung Qatars gegenüber Marokko unumgänglich.
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