StartGesellschaftMarokko – Neue Bevölkerungsprognose der HCP zeigt tiefgreifenden demografischen Wandel bis 2060

Marokko – Neue Bevölkerungsprognose der HCP zeigt tiefgreifenden demografischen Wandel bis 2060

Sinkende Geburtenraten verändern die Altersstruktur nachhaltig

Die Bevölkerung des nordafrikanischen Königreichs wächst weiter – doch sinkende Geburtenraten, eine rasch alternde Gesellschaft und die anhaltende Urbanisierung werden Marokkos Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten stärker prägen.

Rabat – Mit ihrer neuen Bevölkerungsprognose für den Zeitraum 2024 bis 2060 zeichnet die marokkanische Hohe Kommission für Planung (Haut-Commissariat au Plan, HCP) das Bild eines Landes, das sich mitten in einem tiefgreifenden demografischen Wandel befindet. Grundlage der Studie sind die Ergebnisse des allgemeinen Bevölkerungs- und Wohnungszensus (RGPH) von 2024. Die Projektionen wurden nach der international etablierten Kohorten-Komponenten-Methode erstellt und berücksichtigen drei Entwicklungsszenarien.

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung wenig überraschend: Nach dem mittleren, von der HCP als wahrscheinlichstes Szenario betrachteten Verlauf wächst die Bevölkerung von 36,8 Millionen Menschen im Jahr 2024 auf rund 43,3 Millionen im Jahr 2060. Doch wer den Bericht genauer liest, erkennt schnell, dass die eigentliche Botschaft nicht im Bevölkerungswachstum selbst liegt. Vielmehr beschreibt die HCP einen grundlegenden Strukturwandel, der Wirtschaft, Gesellschaft und staatliche Planung langfristig verändern dürfte.

Drei Entwicklungen ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch die Analyse und Prognose der HCP: Das Bevölkerungswachstum verliert deutlich an Dynamik, die Bevölkerung altert erheblich schneller als in der Vergangenheit und die Urbanisierung setzt sich mit hoher Geschwindigkeit fort.

Das Ende einer Phase starken Bevölkerungswachstums

Marokko bleibt auch in den kommenden Jahrzehnten ein wachsendes Land. Gleichzeitig wird das Wachstum jedoch immer schwächer. Während die jährliche Bevölkerungszunahme 2024 noch bei rund 0,67 Prozent liegt, geht sie nach den Berechnungen der HCP bis 2060 auf lediglich 0,08 Prozent zurück.

Die unterschiedlichen Szenarien der Studie verdeutlichen, dass die Entwicklung inzwischen wesentlich stärker von der Geburtenrate als von anderen Faktoren abhängt. Im niedrigen Szenario erreicht die Bevölkerung bereits Mitte der 2050er Jahre ihren Höchststand und beginnt anschließend leicht zu schrumpfen. Im hohen Szenario wächst sie dagegen bis auf knapp 45 Millionen Einwohner. Das mittlere Szenario geht von einer Bevölkerung von rund 43,3 Millionen Menschen im Jahr 2060 aus.

Für die HCP markiert diese Entwicklung einen Wendepunkt. Die Zeit, in der das Bevölkerungswachstum selbst die dominierende Herausforderung darstellte, geht ihrem Ende entgegen. Künftig rücken Zusammensetzung, Altersstruktur und räumliche Verteilung der Bevölkerung stärker in den Mittelpunkt.

Marokko – Demografischer Wandel stellt Familie und Arbeitsmarkt vor neue Herausforderungen

Sinkende Geburtenraten verändern die Altersstruktur nachhaltig

Als wichtigste Ursache nennt der Bericht die seit Jahren rückläufige Fertilität. Bereits 2024 liegt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau mit 1,97 unter dem Bestandserhaltungsniveau von etwa 2,1 Kindern. Bis 2060 dürfte sie nach dem mittleren Szenario auf 1,81 Kinder sinken.

Die HCP führt diese Entwicklung auf mehrere Faktoren zurück. Neben der fortschreitenden Urbanisierung nennt sie höhere Bildungsabschlüsse, eine zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, steigende Lebenshaltungskosten, spätere Familiengründungen sowie veränderte Lebensentwürfe.

Bemerkenswert ist auch die Annäherung zwischen Stadt und Land. Während die Geburtenrate in ländlichen Regionen lange deutlich höher lag als in den Städten, verkleinert sich dieser Abstand zunehmend. Die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Lebensweisen werden damit auch demografisch kleiner.

Die Alterung wird zur zentralen Herausforderung

Besonders deutlich fällt der Wandel bei der Altersstruktur aus. Nach den Berechnungen der HCP wird sich die Zahl der Menschen ab 60 Jahren bis 2060 von heute rund fünf Millionen auf 10,9 Millionen mehr als verdoppeln. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung steigt von 13,6 auf 25,2 Prozent. Damit wird künftig etwa jeder vierte Einwohner Marokkos älter als 60 Jahre sein.

Noch stärker wächst die Zahl der Hochbetagten. Die Altersgruppe der über 70-Jährigen dürfte sich von rund 2,1 auf 6,3 Millionen Menschen verdreifachen.

Eine der deutlichsten Aussagen des Berichts lautet, dass diese Entwicklung unabhängig vom zugrunde gelegten Fertilitätsszenario weitgehend unvermeidlich ist. Selbst bei einer etwas höheren Geburtenrate würde sich die Alterung der Bevölkerung nur geringfügig abschwächen. Die heutige Altersstruktur bestimmt den Verlauf der kommenden Jahrzehnte bereits in erheblichem Maße.

Für die staatliche Planung hat dies weitreichende Folgen. Renten- und Gesundheitssysteme werden ebenso unter Anpassungsdruck geraten wie Pflegeangebote und die öffentliche Daseinsvorsorge.

Die Städte wachsen weiter – der ländliche Raum verliert Bevölkerung

Parallel zur Alterung setzt sich die Urbanisierung fort. Nach den HCP-Projektionen wird die Zahl der Stadtbewohner von heute 23,1 auf 32,5 Millionen steigen. Drei von vier Marokkanern werden damit im Jahr 2060 in urbanen Räumen leben.

Demgegenüber verliert der ländliche Raum rund ein Fünftel seiner Bevölkerung. Verantwortlich dafür sind sowohl die anhaltende Binnenmigration als auch die rückläufigen Geburtenzahlen außerhalb der Städte.

Diese Entwicklung stellt beide Räume vor unterschiedliche Herausforderungen. Während die Städte zusätzliche Wohnungen, Verkehrswege, Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Dienstleistungen benötigen, sehen sich viele ländliche Regionen mit Abwanderung, Überalterung und einem Rückgang ihrer wirtschaftlichen Dynamik konfrontiert.

Die HCP verweist deshalb ausdrücklich auf die Bedeutung einer ausgewogenen Regionalentwicklung, um bestehende Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten nicht weiter zu vergrößern.

Weniger Kinder bedeuten nicht nur Herausforderungen

Der Rückgang der Geburtenzahlen verändert auch das Bildungssystem. Die Zahl der Kinder im Vorschul- und Grundschulalter wird bis 2060 deutlich zurückgehen. Dadurch nimmt der quantitative Druck auf Schulen und Bildungseinrichtungen ab.

Die HCP bewertet diesen Trend nicht ausschließlich als Belastung. Vielmehr eröffnet er nach Einschätzung der Behörde die Möglichkeit, künftig stärker in die Qualität der Bildung zu investieren. Kleinere Jahrgänge könnten langfristig bessere Betreuungsrelationen und gezieltere Investitionen in Lehrkräfte, Ausstattung und Bildungsqualität ermöglichen.

Ob diese Chancen genutzt werden, hängt allerdings von den politischen Prioritäten der kommenden Jahre ab.

Ein Planungsinstrument für die kommenden Jahrzehnte

Die Bevölkerungsprognose versteht sich ausdrücklich nicht als Vorhersage, sondern als Grundlage langfristiger staatlicher Planung. Demografische Entwicklungen beeinflussen nahezu alle Politikfelder – vom Wohnungsbau über Bildungs- und Gesundheitspolitik bis hin zu Arbeitsmarkt-, Infrastruktur- und Sozialpolitik.

Vor diesem Hintergrund liefert der Bericht weniger Antworten auf kurzfristige politische Fragen als vielmehr einen Orientierungsrahmen für die strategische Entwicklung des Landes. Er macht deutlich, dass sich die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte verschieben werden: Weg von der Bewältigung eines starken Bevölkerungswachstums hin zur Gestaltung einer alternden, zunehmend urbanen Gesellschaft.

Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung der neuen HCP-Projektionen. Sie zeigen nicht nur, wie viele Menschen künftig in Marokko leben werden. Sie beschreiben vor allem, wie sich die Gesellschaft verändert – und welche politischen Entscheidungen erforderlich sein dürften, um diesen Wandel zu begleiten.

Marokko – Neue Armutskartierung der HCP deckt soziale Brennpunkte auf.

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