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Marokko – Mohamed Chouki übernimmt Führung der RNI im Vorfeld der Parlamentswahlen 2026

Doppelstruktur an der Spitze: Spielräume und Risiken

Ein außerordentlicher Parteitag in El Jadida markiert den personellen Übergang an der Spitze der marokkanischen Regierungspartei. Die Wahl von Mohamed Chouki wirft Fragen nach Kontinuität, innerparteilicher Geschlossenheit und der strategischen Ausrichtung vor den Wahlen im September 2026 auf.

Al Jadida – Am gestrigen Samstag, dem 7. Februar 2026, hat die marokkanische Regierungspartei Rassemblement National des Indépendants (RNI) auf einem außerordentlichen Nationalkongress in El Jadida einen neuen Parteivorsitzenden gewählt. Mohamed Chouki folgt auf Aziz Akhannouch, der die Partei seit 2016 geführt und sie 2021 an die Spitze der Regierungskoalition gebracht hatte. Der Führungswechsel erfolgt in einer politisch sensiblen Phase, nur wenige Monate vor den anstehenden Parlamentswahlen.

Klare Mehrheiten bei einer Wahl ohne Gegenkandidaten

Die Wahl von Mohamed Chouki erfolgte ohne Gegenkandidaten. Nach Angaben des Nachrichtenportals Le360 entfielen 1.910 Stimmen auf den neuen Vorsitzenden, während 23 Stimmzettel als ungültig gewertet wurden. Die Abstimmung fand im Rahmen eines außerordentlichen Parteitags statt, der einberufen worden war, um die Nachfolge Akhannouchs formal und parteiintern zu regeln.

Die staatliche Nachrichtenagentur MAP stellte in ihrer Berichterstattung vor allem die Geschlossenheit der Partei heraus. Gleichzeitig berichteten RNI-Mitglieder gegenüber Le360, dass der Rückzug des bisherigen Parteivorsitzenden parteiintern „Schock und tiefe Enttäuschung“ ausgelöst habe. In seiner Abschiedsrede erklärte Aziz Akhannouch, sein Schritt sei Teil eines notwendigen Erneuerungsprozesses. Er hinterlasse, so Akhannouch, „solide und effektive“ Parteistrukturen und werde sich künftig auf seine Aufgaben als Premierminister konzentrieren.

Ein Parteivorsitz mit begrenztem Mandat

Formal ist Choukis Amtszeit eng an die Parteistatuten gebunden. Der außerordentliche Parteitag ersetzt nicht den regulären Nationalkongress, der turnusgemäß erst nach den Parlamentswahlen stattfindet. Damit ist Chouki zunächst Vorsitzender für eine Übergangsphase – ein Umstand, der die politische Einordnung seiner Rolle maßgeblich prägt.

Innerhalb der RNI wird dieser Schritt teils als strategische Stabilisierung, teils als vorsichtige Machtverschiebung interpretiert. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass zentrale Entscheidungsgremien wie das Politbüro und der Nationalrat sowie die bestehenden Delegiertenstrukturen unverändert bleiben. Dies nährt die Einschätzung, dass der Einfluss des scheidenden Parteivorsitzenden im Hintergrund weiterhin spürbar ist bzw. sein wird.

Mohamed Chouki: Technokratisches Profil und schneller politischer Aufstieg

Mit Mohamed Chouki rückt eine Führungspersönlichkeit an die Spitze der RNI, die das wirtschaftsnahe und technokratische Profil der Partei widerspiegelt. Chouki wurde 1977 in Rabat geboren und studierte an der Al-Akhawayn-Universität. Nach beruflichen Stationen im Finanzsektor in Frankreich, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten war er im Top-Management der International Investment Company (EIIC) tätig. Heute steht er an der Spitze der Ad Capital Group, die in den Bereichen Vermögensverwaltung und Landwirtschaft aktiv ist.

Sein politischer Aufstieg verlief vergleichsweise schnell. 2021 wurde Chouki zum Abgeordneten für die Provinz Boulemane gewählt. Zwei Jahre später übernahm er den Vorsitz der RNI-Fraktion im Repräsentantenhaus und leitet seither den parlamentarischen Ausschuss für Finanzen und wirtschaftliche Entwicklung. Darüber hinaus ist er Mitglied des Politbüros sowie regionaler Koordinator der RNI für Fès-Meknès.

Innerparteiliche Vorbehalte und Kritik am Auswahlprozess

Trotz des klaren Wahlergebnisses ist Choukis Aufstieg nicht frei von Vorbehalten. Das Magazin TelQuel thematisierte in einer Analyse seinen Wechsel von der Partei für Authentizität und Moderne (PAM) zur RNI im Jahr 2021. Dieses als „Transhumanz“ bezeichnete Phänomen des Parteiwechsels ist in der marokkanischen Politik verbreitet, wird jedoch häufig als Zeichen begrenzter ideologischer Bindung kritisiert.

Zudem berichtete TelQuel, dass alternative Kandidaturen – darunter jene des ehemaligen Ministers Mohammed Aujjar – im Vorfeld des Parteitags keine realistische Aussicht auf Erfolg hatten. Solche Hinweise deuten auf interne Spannungen hin, die trotz des geschlossenen Auftretens der Partei fortbestehen könnten.

Wahljahr 2026: Sozialer Druck und politische Erwartungen

Der Führungswechsel fällt in eine Phase zunehmender sozialer und wirtschaftlicher Herausforderungen. Die Maghreb-Post verweist in diesem Zusammenhang auf steigende Lebenshaltungskosten sowie strukturelle Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen. Neue Jugendbewegungen wie „Gen Z 212“ fordern einen stärkeren sozialen Ausgleich und erhöhen den politischen Druck auf die Regierungskoalition.

Gleichzeitig investiert der Staat erhebliche Mittel in Infrastrukturprojekte, nicht zuletzt im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030. Für die RNI stellt sich damit die Aufgabe, wirtschaftliche Modernisierung und soziale Erwartungen glaubwürdig miteinander zu verbinden.

Doppelstruktur an der Spitze: Spielräume und Risiken

Mit Mohamed Chouki als Parteivorsitzendem und Aziz Akhannouch weiterhin im Amt des Premierministers entsteht eine Doppelstruktur, die sowohl Chancen als auch Risiken birgt. Chouki gilt als enger Vertrauter Akhannouchs, was ihm parteiintern Stabilität verleiht, zugleich aber den Vorwurf begünstigt, lediglich Kontinuität zu verwalten.

Für die RNI eröffnet diese Konstellation die Möglichkeit, im Wahlkampf soziale Korrekturen und politische Erneuerung zu betonen, ohne die bisherige Regierungsbilanz grundsätzlich infrage zu stellen. Ob es Mohamed Chouki gelingt, über die Rolle eines Übergangsvorsitzenden hinaus ein eigenständiges politisches Profil zu entwickeln, dürfte sich im weiteren Verlauf des Wahljahres zeigen.

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