Neue Daten der marokkanischen Planungsbehörde (HCP) verdeutlichen, anhand der Wirtschaftsdaten für 2023, dass fünf Regionen ein überdurchschnittliches Wachstum verzeichneten, während andere hinter dem nationalen Schnitt zurückblieben oder sogar Rückgänge erlebten.
Rabat – Die Hohen Kommission für Planung (HCP) hat sich die Wirtschaftsdaten des Landes auf Basis des Jahres 2023 nochmals genau angesehen, um herauszufinden, ob und wie die marokkanische Wirtschaft wächst. Dabei ging es der Behörde mit Verfassungsrang darum wie die unterschiedlichen Regionen des Königreiches an der wirtschaftlichen Entwicklung betiligt sind.
Die marokkanische Wirtschaft wuchs im Jahr 2023 um 3,7 %. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erreichte dabei in konstanten Preisen 1.382,28 Milliarden marokkanische Dirham MAD (ca. 131,55 Mrd. Euro*) und in laufenden Preisen 1.479,76 Mrd. MAD (ca. 140,83 Mrd. Euro), ein Zuwachs von 11 % gegenüber 2022. Laut der Hohen Kommission für Planung (HCP) spiegeln diese Zahlen eine Konsolidierungsphase wider – trotz internationaler Unsicherheiten und interner Herausforderungen.
Einordnung im europäischen Vergleich
Um die Dimensionen besser einzuordnen: Das marokkanische BIP von rund 1.382 Milliarden Dirham entspricht etwa 126 Milliarden Euro (Umrechnungskurs 2023 bzw. ca. 131,55 Mrd. Euro* heute). Damit liegt die Wirtschaftsleistung deutlich hinter den großen Volkswirtschaften Europas.
- Frankreich (2.825 Mrd. Euro) ist rund 20-mal größer.
- Deutschland (4.120 Mrd. Euro) fast 30-mal.
- Spanien (1.462 Mrd. Euro) mehr als 10-mal.
- Niederlande (1.092 Mrd. Euro) rund 8-mal.
- Belgien (626 Mrd. Euro) etwa 4,5-mal.
- Portugal (260 Mrd. Euro) fast doppelt so groß.
- Lediglich Luxemburg (85 Mrd. Euro) bleibt unter dem marokkanischen Niveau.
Ein Blick auf deutsche Bundesländer zeigt ebenfalls die Unterschiede: Nordrhein-Westfalen (839 Mrd. Euro), Bayern (721 Mrd. Euro) und Baden-Württemberg (572 Mrd. Euro) übertreffen die gesamtmarokkanische Wirtschaftsleistung jeweils um ein Mehrfaches.
Damit verdeutlichen die Zahlen, dass Marokko trotz solider Wachstumsraten in einer anderen Größenordnung operiert als die europäischen Vergleichsländer oder einzelne deutsche Bundesländer.
Fünf Regionen über dem nationalen Durchschnitt
Besonders positiv entwickelte sich die Wirtschaft in fünf Regionen:
- Dakhla-Oued Eddahab: +10,1 %, getragen von Fischerei und Bauwesen.
- Fès-Meknès: +8,9 %, unterstützt durch Landwirtschaft und Dienstleistungen.
- Marrakech-Safi: +6,3 %, getrieben von der Erholung im Tourismus und Gastgewerbe.
- Casablanca-Settat: +5 %, dank Industrie- und Dienstleistungssektor.
- Tanger-Tétouan-Al Hoceima: +4,9 %, ebenfalls durch Industrie und Dienstleistungen gestützt.
Die staatliche Nachrichtenagentur MAP hob hervor, dass diese Regionen von branchenspezifischen Dynamiken profitierten: Während im Süden die Seefischerei dominierte, spielten im Norden industrielle Cluster und im Zentrum Dienstleistungen und Tourismus eine zentrale Rolle.
Regionen mit schwächerem oder negativem Wachstum
Andere Landesteile entwickelten sich weniger dynamisch. Fünf Regionen wiesen zwar ein Wachstum auf, blieben jedoch unter dem nationalen Schnitt:
- Laâyoune-Saguia al Hamra (+2,9 %)
- Souss-Massa (+1,8 %)
- Rabat-Salé-Kénitra (+0,7 %)
- Guelmim-Oued Noun (+1,2 %)
- Drâa-Tafilalet (+1,5 %)
Zwei Regionen verzeichneten sogar Rückgänge:
- Béni Mellal-Khénifra: –1,3 %, bedingt durch die schwache Agrarproduktion.
- Oriental: –1 %, ebenfalls durch einen Einbruch in der Landwirtschaft.
Beitrag zur nationalen Wertschöpfung
Trotz der regionalen Unterschiede bleibt die wirtschaftliche Macht stark konzentriert. Drei Regionen – Casablanca-Settat (32,2 %), Rabat-Salé-Kénitra (15,7 %) und Tanger-Tétouan-Al Hoceima (10,6 %) – erwirtschafteten zusammen knapp 59 % des nationalen BIP.
Weitere fünf Regionen – darunter Marrakech-Safi (8,5 %) und Fès-Meknès (8,4 %) – trugen gemeinsam 33,8 % bei. Die restlichen vier Regionen kamen zusammen auf nur 7,6 %.
Diese Konzentration spiegelt sich auch im BIP pro Kopf wider: Während Dakhla-Oued Eddahab mit 89.533 Dirham je Einwohner an der Spitze lag, erreichte Drâa-Tafilalet lediglich 25.324 Dirham – deutlich unter dem nationalen Schnitt von 40.508 Dirham.
Konsumausgaben und regionale Disparitäten
Auch bei den privaten Konsumausgaben zeigen sich Unterschiede. Die Haushaltsausgaben beliefen sich 2023 landesweit auf 891,9 Milliarden Dirham. Fünf Regionen – Casablanca-Settat, Rabat-Salé-Kénitra, Tanger-Tétouan-Al Hoceima, Fès-Meknès und Marrakech-Safi – vereinten 74 % dieser Ausgaben auf sich.
Der Abstand zwischen konsumstarken und -schwachen Regionen wuchs: Das durchschnittliche Gefälle stieg von 44,2 Milliarden Dirham im Jahr 2022 auf 48,2 Milliarden im Jahr 2023.
Wachstumsdynamik und strukturelle Ungleichheit belasten die Entwicklung
Die neuen Daten des HCP verdeutlichen zwei parallele Entwicklungen: Einerseits konsolidiert sich die marokkanische Gesamtwirtschaft mit moderatem Wachstum. Andererseits verschärfen sich die regionalen Unterschiede. Während dynamische Regionen durch Fischerei, Industrie oder Tourismus kräftig zulegen, kämpfen andere Landesteile mit Rückgängen in der Landwirtschaft. Zugleich müssen die Anforderungen der Menschen an eine mit Europa vergleichbare Entwicklung z.B. im Gesundheitswesen, bei den Sozialsystemen oder bei der Infrastruktur an der Kraft der marokkanischen Wirtschaft gemessen werden.
Für Politik und Wirtschaft bleibt die Herausforderung, das Wachstum breiter zu verteilen und strukturelle Ungleichheiten zu reduzieren.
*Wechselkurs Stand 01. September 2025
Marokko – Neue Armutskartierung der HCP deckt soziale Brennpunkte auf.


