Der Besuch des algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune in Berlin markiert einen wichtigen Schritt beim strategischen Ausbau der deutsch-algerischen Beziehungen. Im Mittelpunkt der Gespräche mit Bundeskanzler Friedrich Merz standen Energie, Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Deutschland und Algerien wollen ihre Partnerschaft langfristig auf eine breitere wirtschaftliche, energiepolitische und sicherheitspolitische Grundlage stellen.
Berlin – Der Besuch verdeutlicht zugleich, wie stark sich die Prioritäten der europäischen Außen- und Energiepolitik seit der Energiekrise infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verändert haben. Am Donnerstag (16. Juli 2026) empfing Bundeskanzler Friedrich Merz den algerischen Staatspräsidenten Abdelmadjid Tebboune im Berliner Kanzleramt. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern reichen bis ins Jahr 1898 zurück, als das Deutsche Reich seine erste Auslandsvertretung in Algier eröffnete. Der Anlass des aktuellen Staatsbesuchs ist jedoch klar auf die Zukunft gerichtet: die Verabschiedung einer gemeinsamen strategischen Agenda für die bilaterale Partnerschaft.
Der konkrete Anlass: Ein neues Kapitel der Zusammenarbeit
Im Mittelpunkt des Besuchs stand die Unterzeichnung einer „Gemeinsamen Erklärung über eine strategische Agenda der bilateralen Partnerschaft“. Bereits zuvor war Tebboune von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Villa Borsig mit militärischen Ehren empfangen worden.
Die Gespräche unterstreichen den Willen beider Regierungen, ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit deutlich zu vertiefen. Am Rande des Staatsbesuchs vereinbarten deutsche und algerische Unternehmen mehrere Kooperationen. Zudem beschlossen beide Staaten, die Gemeinsame Algerisch-Deutsche Wirtschaftskommission wiederzubeleben und einen bilateralen Wirtschaftsrat einzurichten. Beide Gremien sollen Investitionen erleichtern und bestehende Handelshemmnisse abbauen. Für viele Unternehmen geht es dabei weniger um politische Symbolik als um konkrete Investitions- und Liefermöglichkeiten.
Überschattet wurde der Besuch von einem tragischen Ereignis. Kurz vor Tebbounes Ankunft in Berlin kamen bei einem Brand in einem Waisenhaus nahe Algier mehrere Kinder ums Leben. Bundeskanzler Merz und Präsident Tebboune eröffneten ihre gemeinsame Pressekonferenz deshalb mit Beileidsbekundungen an die Angehörigen der Opfer.
Das Leuchtturmprojekt: Der südliche Wasserstoffkorridor
Algerien hat für Europas Energieversorgung in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Das nordafrikanische Land ist inzwischen der zweitgrößte Pipelinegaslieferant der Europäischen Union, wie der deutsche Kanzler betonte. Entsprechend betonte Tebboune während seines Besuchs:
„Wir möchten ein vertrauenswürdiger Lieferant von Gas sein.“
Er verwies zugleich darauf, dass Algerien seine Lieferverpflichtungen gegenüber den europäischen Partnern stets erfüllt habe.
Der Blick richtet sich inzwischen jedoch zunehmend auf die Zeit nach dem Erdgas. Beide Regierungen wollen den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft vorantreiben. Im Mittelpunkt steht der Southern Hydrogen Corridor (SoutH2 Corridor), über den künftig grüner Wasserstoff aus Algerien über Tunesien, Italien und Österreich nach Deutschland transportiert werden soll.
Das Vorhaben wurde von der Europäischen Union als Teil ihrer Global-Gateway-Initiative eingestuft und gilt als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte für den Aufbau eines europäischen Wasserstoffmarktes. Parallel dazu unterzeichneten Deutschland und Algerien eine gemeinsame Absichtserklärung zur Verringerung von Methanemissionen im algerischen Öl- und Gassektor.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit trotz Handelskonflikten
Auch die Handelsdaten verdeutlichen, weshalb beide Seiten ihre Zusammenarbeit vertiefen wollen. Nach Angaben von Germany Trade & Invest (GTAI) exportiert Deutschland jährlich Waren im Wert von rund zwei Milliarden Euro nach Algerien. Dazu gehören vor allem Maschinen, Kraftfahrzeuge, chemische Erzeugnisse sowie Mess- und Regeltechnik. Die deutschen Importe aus Algerien bewegen sich zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Euro und bestehen überwiegend aus Erdöl, Erdgas und petrochemischen Produkten.
Die algerische Regierung versucht seit einigen Jahren, ihre Wirtschaft breiter aufzustellen und die starke Abhängigkeit von Öl- und Gaseinnahmen schrittweise zu verringern. Gleichzeitig verfolgt sie eine stärker protektionistisch ausgerichtete Industriepolitik, um den Aufbau heimischer Produktionskapazitäten zu fördern. Mehrere Importbeschränkungen führten im Juni 2024 dazu, dass die Europäische Kommission ein offizielles Streitbeilegungsverfahren gegen Algerien einleitete.
Umso bemerkenswerter ist, dass Berlin und Algier ihre bilateralen Beziehungen dennoch weiter vertiefen. Beide Regierungen setzen auf einen pragmatischen Ausbau ihrer wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Präsident Tebboune verwies in Berlin auf den neu geschaffenen „One-Stop-Shop“, der Genehmigungsverfahren für ausländische Investoren vereinfachen soll. Nach seinen Angaben wurden dort bereits Investitionsprojekte deutscher Unternehmen im Umfang von rund 900 Millionen US-Dollar registriert.
Für deutsche Maschinenbauer, Anlagenbauer und Energieunternehmen könnten sich daraus in den kommenden Jahren neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben. Die Zusammenarbeit soll unter anderem auf die Medizintechnik, die Pharmaindustrie und die Automobilbranche ausgeweitet werden. Bundeskanzler Merz betonte, Deutschland wolle die Kooperation auch bei Ausrüstungs- und Verteidigungsinvestitionen weiter ausbauen.
Gemeinsames Interesse an Stabilität im Sahel
Über die Wirtschaftsbeziehungen hinaus verbindet beide Staaten ein gemeinsames sicherheitspolitisches Interesse: die Stabilisierung der krisengeschüttelten Sahelzone.
Algerien grenzt an mehrere Staaten, deren Sicherheitslage seit Jahren von Terrorismus, politischen Krisen und organisierter Kriminalität geprägt ist. Auch aus deutscher Sicht gilt die Region als sicherheitspolitisch bedeutsam, da Instabilität im Sahel unmittelbare Auswirkungen auf Europa haben kann – etwa durch Terrorismus, irreguläre Migration oder den Zusammenbruch staatlicher Strukturen.
Beide Seiten vereinbarten deshalb, ihren sicherheitspolitischen Dialog fortzusetzen. Die gemeinsame Erklärung nennt unter anderem die Zusammenarbeit in den Bereichen Terrorismusbekämpfung, Verteidigung, Cybersicherheit sowie den Kampf gegen Desinformation. Auch Fragen der Migration, Rückführung und Reintegration bleiben Bestandteil der bilateralen Zusammenarbeit.
Die menschliche Brücke zwischen beiden Ländern wächst
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Algerien beschränken sich längst nicht mehr auf Politik und Wirtschaft.
Bereits am Vorabend seiner Gespräche mit Bundeskanzler Merz traf Präsident Tebboune Vertreter der algerischen Diaspora in Deutschland und informierte sich über deren Anliegen.
Nach Angaben des Ausländerzentralregisters lebten zum 31. Dezember 2025 insgesamt 27.005 algerische Staatsangehörige in Deutschland. Auch wenn die Community deutlich kleiner ist als die marokkanische Diaspora, bildet sie eine wichtige Brücke für wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Kontakte zwischen beiden Ländern.
Parallel dazu hat sich der akademische und kulturelle Austausch intensiviert. Das Goethe-Institut in Algier, Hochschulkooperationen sowie das PASCH-Schulnetzwerk tragen dazu bei, dass inzwischen rund 50.000 Algerier Deutsch lernen – ein sichtbares Zeichen für das wachsende Interesse an Deutschland als Bildungs- und Wirtschaftsstandort.
Unterschiedliche außenpolitische Positionen bleiben bestehen
Trotz der demonstrativ engen Zusammenarbeit wurden in Berlin auch unterschiedliche außenpolitische Positionen sichtbar. Bundeskanzler Merz bekräftigte die deutsche Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und erklärte, Deutschland werde gemeinsam mit seinen Partnern den Druck auf Moskau weiter erhöhen.
Algerien verfolgt dagegen traditionell eine blockfreie Außenpolitik und bemüht sich, seine Beziehungen zu unterschiedlichen internationalen Partnern auszubalancieren. Diese Haltung hängt auch mit den historisch engen Beziehungen zu Russland zusammen. Moskau ist seit Jahrzehnten Algeriens wichtigster militärischer Partner und größter Lieferant von Rüstungsgütern. Nach Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) entfiel in den vergangenen Jahren der überwiegende Teil der algerischen Rüstungsimporte auf Russland. Zwar hat Algier seine Beschaffung zuletzt schrittweise diversifiziert und bezieht zunehmend auch militärische Ausrüstung aus China und anderen Staaten, Russland bleibt jedoch der mit Abstand bedeutendste sicherheitspolitische Partner des Landes.
Gleichzeitig baut Algerien seine wirtschaftlichen Beziehungen zur Europäischen Union, zu Deutschland und zu weiteren internationalen Partnern kontinuierlich aus. Die engere Zusammenarbeit mit Berlin ist Ausdruck dieser außenpolitischen Diversifizierung, ohne dass Algier seine traditionellen Partnerschaften grundsätzlich infrage stellt.
Zurückhaltend reagierte Tebboune auch auf die Frage nach einer möglichen Begnadigung des in Algerien inhaftierten französischen Sportjournalisten Christophe Gleizes. Mit Verweis auf die Unabhängigkeit der Justiz erklärte er:
„Aus Respekt vor dem algerischen Justizsystem möchte ich nicht auf diese Frage antworten, außer auf algerischem Boden. Ich bin gerade in Deutschland, nicht in Algerien, darum beantworte ich diese Frage nicht.“
Ausblick: Pragmatismus statt Symbolpolitik
Der Staatsbesuch macht deutlich, dass Deutschland und Algerien ihre Beziehungen auf eine breitere und langfristigere Grundlage stellen wollen. Während Deutschland seine Energieversorgung diversifiziert und neue Industriepartnerschaften im südlichen Mittelmeerraum aufbauen möchte, nutzt Algerien seine Rolle als bedeutender Energieexporteur, um Investitionen, moderne Technologien und industrielle Wertschöpfung ins Land zu holen.
Noch handelt es sich bei vielen Vorhaben um politische Absichtserklärungen. Ob daraus tatsächlich neue Industrieprojekte, Wasserstofflieferungen und langfristige Investitionen entstehen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Gelingt die Umsetzung der angekündigten Reformen und Infrastrukturvorhaben, könnte sich Algerien für Deutschland zu einem der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Partner im südlichen Mittelmeerraum entwickeln – weit über die Energiepolitik hinaus.
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