Nach dem politischen Durchbruch von 2024 rückt die praktische Umsetzung in den Mittelpunkt: Frankreich und Marokko verbinden Wirtschaftsprojekte, Sicherheitsfragen und technologische Zusammenarbeit mit der Vorbereitung weiterer politischer Schritte.
Rabat – Der Besuch begann mit einem symbolischen Moment. Am Donnerstag, dem 16. Juli 2026, legte der französische Premierminister Sébastien Lecornu im Mohammed-V.-Mausoleum in Rabat einen Kranz an den Gräbern der verstorbenen marokkanischen Könige Mohammed V. und Hassan II. nieder. Der Akt gehört zum diplomatischen Protokoll – doch der Zeitpunkt und der politische Kontext verleihen ihm zusätzliche Bedeutung.
Lecornu reiste zu einem offiziellen Besuch nach Marokko, um gemeinsam mit dem marokkanischen Regierungschef Aziz Akhannouch die 15. Sitzung des hochrangigen Treffens (HLM) zwischen beiden Ländern zu leiten. Begleitet wurde er von einer umfangreichen Regierungsdelegation mit Ministern und Regierungsvertretern aus den Bereichen Außenpolitik, Inneres, Wirtschaft, Verteidigung, Landwirtschaft, Digitalisierung und Kultur.
Der Besuch war jedoch kein Neubeginn der Beziehungen. Der entscheidende politische Wendepunkt lag bereits im Jahr 2024, als Frankreich unter Präsident Emmanuel Macron seine Position zur Sahara-Frage neu formulierte und erklärte, die Gegenwart und Zukunft der Sahara im Rahmen der marokkanischen Souveränität zu betrachten.
In Rabat ging es nun um die nächste Phase: darum, aus der politischen Verständigung konkrete Zusammenarbeit zu machen und die 2024 eingeleitete Annäherung institutionell zu verankern.
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Vom politischen Kurswechsel zur praktischen Umsetzung
Die französisch-marokkanischen Beziehungen hatten vor 2024 eine schwierige Phase durchlaufen. Unterschiedliche Positionen zur Sahara-Frage, Spannungen im Visa-Bereich und politische Differenzen hatten das Verhältnis belastet.
Mit dem französischen Kurswechsel änderte sich die politische Grundlage. Paris und Rabat versuchen seither, die neue Nähe in langfristige Strukturen zu überführen.
Der französische Premierminister Sébastien Lecornu bezeichnete das Treffen in Rabat als einen wichtigen Schritt, um die bilateralen Beziehungen weiterzuentwickeln. Er verwies auf gemeinsame Herausforderungen wie Sicherheit, Terrorismusbekämpfung, Umweltfragen und die Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent.
Der marokkanische Regierungschef Aziz Akhannouch sprach von der Umsetzung einer erweiterten Partnerschaft, die nun in eine operative Phase eintrete. Nach marokkanischen Angaben wurden seit dem Staatsbesuch von Präsident Macron im Oktober 2024 zahlreiche hochrangige Kontakte organisiert und Fortschritte in verschiedenen Bereichen erzielt.
Die zentrale Frage lautet damit weniger, ob Paris und Rabat politisch wieder enger zusammenarbeiten, sondern ob diese Annäherung dauerhaft wirtschaftliche, technologische und institutionelle Ergebnisse hervorbringen kann.
Die Sahara-Frage bleibt das politische Fundament
Die deutlichste politische Dimension des Treffens zeigte sich erneut bei der Sahara-Frage.
Auf der gemeinsamen Pressekonferenz nach dem Hochrangigen Treffen bekräftigte Lecornu Frankreichs Position zugunsten der marokkanischen Souveränität über die Sahara. Diese Haltung sei „unumstößlich“ und werde sich nicht ändern; Frankreich ziehe daraus die entsprechenden Konsequenzen.
Für Marokko besitzt diese Position große Bedeutung. Frankreich ist nicht nur ein wichtiger europäischer Partner, sondern auch eine ehemalige Kolonialmacht und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats. Die Unterstützung aus Paris stärkt aus Sicht Rabats die internationale Positionierung des Königreichs.
Regierungschef Akhannouch betonte, dass gerade die französische Haltung zur territorialen Integrität Marokkos wesentlich zur Entstehung eines neuen Vertrauensklimas zwischen beiden Ländern beigetragen habe.
Gleichzeitig bleibt die Frage regional sensibel. Algerien, das die Frente Polisario unterstützt und den marokkanischen Anspruch auf die Sahara ablehnt, betrachtet die französische Positionierung kritisch. Die engere Zusammenarbeit zwischen Paris und Rabat verändert damit auch die politischen Rahmenbedingungen im Maghreb.
Verteidigung und Sicherheit werden zu zentralen Bereichen
Dass es bei der neuen Zusammenarbeit nicht nur um Diplomatie und Wirtschaft geht, zeigte die Zusammensetzung der Delegationen.
Während des Besuchs traf die französische Ministerin für die Streitkräfte und Veteranen, Catherine Vautrin, den marokkanischen Minister für die Nationale Verteidigungsverwaltung, Abdeltif Loudyi. An den Gesprächen nahm auch der Generalinspekteur der Königlichen Streitkräfte (FAR) und Kommandeur der Südzone teil.
Nach Angaben der marokkanischen Nationalen Verteidigungsverwaltung unterzeichneten beide Seiten eine technische Vereinbarung sowie ein Memorandum zur Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigungsindustrie. Konkrete Details wurden zunächst nicht veröffentlicht.
Die Vereinbarungen zeigen jedoch, dass die militärische Kooperation durch neue rechtliche Grundlagen erweitert werden soll. Marokko modernisiert seit Jahren seine Streitkräfte und arbeitet dabei mit verschiedenen internationalen Partnern zusammen. Frankreich wiederum verfolgt das Ziel, seine sicherheitspolitische Rolle in Nordafrika weiter auszubauen.
Dies geschieht vor dem Hintergrund der Veränderungen in Teilen Westafrikas, wo Paris in den vergangenen Jahren politischen Einfluss verloren hat.
Auch die Beteiligung der Innenminister beider Länder verdeutlichte, dass Sicherheitsfragen weiterhin ein wichtiger Bestandteil der bilateralen Beziehungen bleiben. Dazu gehören unter anderem die Terrorismusbekämpfung und regionale Sicherheitsfragen.
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Technologie, KI und Infrastruktur als neue Felder der Partnerschaft
Neben klassischen Bereichen wie Sicherheit und Handel standen Zukunftsthemen im Mittelpunkt.
Die Gespräche zwischen der marokkanischen Ministerin für digitalen Wandel und Verwaltungsreform, Amal El Fallah Seghrouchni, und der französischen beigeordneten Ministerin für künstliche Intelligenz und Digitales, Anne Le Hénanff, konzentrierten sich auf Forschung, Innovation, digitale Infrastruktur und den Einsatz künstlicher Intelligenz.
Für Marokko geht es dabei um den Ausbau eigener technologischer Fähigkeiten und die Stärkung seiner Rolle als digitaler Standort in Afrika. Frankreich verfügt über umfangreiche Forschungs- und Technologiekompetenzen und sucht nach Möglichkeiten, diese stärker mit afrikanischen Partnern zu verbinden.
Auch klassische Infrastruktur bleibt ein Schwerpunkt der Zusammenarbeit. Beim Hochrangigen Treffen wurden mehrere Abkommen unterzeichnet, die unter anderem die Energiewende, die Dekarbonisierung der Industrie sowie die Anbindung an Schienen- und Hafennetze betreffen.
Darüber hinaus stand die Landwirtschaft im Mittelpunkt. Der marokkanische Minister Ahmed El Bouari und seine französische Amtskollegin Annie Genevard berieten über Kooperationen in Forschung, Ausbildung und nachhaltigem Ressourcenmanagement.
Gerade der Umgang mit Wasserressourcen gewinnt angesichts wiederkehrender Dürreperioden im Maghreb an Bedeutung. Die Zusammenarbeit in diesem Bereich zeigt, dass die bilateralen Beziehungen zunehmend auf konkrete wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen ausgerichtet werden.
Ein erwarteter Staatsbesuch als nächste politische Etappe
Der Besuch Lecornus steht auch im Zusammenhang mit der weiteren politischen Planung zwischen beiden Ländern.
Wie MAGHREB-POST bereits unter Berufung auf französische Medienberichte berichtet hatte, wird für den kommenden Herbst ein offizieller Staatsbesuch von König Mohammed VI. in Frankreich erwartet. Ein genauer Termin wurde bislang nicht offiziell bekannt gegeben.
Ein solcher Besuch könnte die nächste hochrangige Etappe in den französisch-marokkanischen Beziehungen markieren. Nach dem politischen Kurswechsel von 2024 und der anschließenden Umsetzung auf Regierungsebene würde er vor allem zeigen, dass beide Seiten die neue Nähe langfristig absichern wollen.
Lecornus Reise nach Rabat war damit weniger ein neuer Anfang als ein Test für eine Beziehung, die sich seit 2024 grundlegend verändert hat. Entscheidend wird nun sein, ob aus politischen Vereinbarungen konkrete Projekte entstehen – und ob Frankreich und Marokko ihre unterschiedlichen Interessen dauerhaft miteinander verbinden können.
Marokko – Staatsbesuch von König Mohammed VI. in Frankreich für Herbst erwartet

