Massad Boulos‘ Besuch deutet auf eine vorsichtige Diversifizierung der algerischen Außenpolitik hin – trotz enger Bindung an Russland und anhaltender Spannungen mit Marokko.
Algier – Am Sonntag, dem 27. Juli 2025, hat Algerien den leitenden Berater des US-Präsidenten für Afrika, arabische Angelegenheiten und den Nahen Osten, Herrn Massad Boulos, offiziell empfangen. Sonderberater Boulos traf sowohl Außenminister Ahmed Attaf als auch Präsident Abdelmadjid Tebboune zu ausführlichen Gesprächen in Algier. Wie die staatliche Nachrichtenagentur APS berichtet, ging es dabei um „die Stärkung der bilateralen Partnerschaft in Bereichen wie Verteidigung, Energie, Bildung und Forschung“.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt und die politische Signalwirkung: Algerien gilt als enger Verbündeter Russlands, insbesondere im Militärsektor, und unterhält strategische Beziehungen zu China und Südafrika. Der hochrangige US-Besuch könnte ein erstes Anzeichen für eine außenpolitische Diversifizierung sein – insbesondere nach der diplomatisch enttäuschenden Nichtaufnahme Algeriens in die BRICS-Staatengruppe.
Komplexer regionaler Kontext: Marokko bleibt ein Spannungsfaktor
Der Besuch findet zudem vor dem Hintergrund anhaltender Spannungen zwischen Algerien und seinem Nachbarland, dem Königreich Marokko, statt. Beide Länder haben seit 2021 keine offiziellen diplomatischen Beziehungen und befinden sich in einem sicherheitspolitischen Wettrüsten. Washington wiederum gilt als enger Verbündeter Rabats und unterstützt seit 2020 offen dessen Position in der Westsahara-Frage / marokkanischen Sahara – einem zentralen Streitpunkt mit Algier. Zudem erzielt Rabat einen diplomatischen Erfolg nach dem anderen, und hat sich in der Frage der Westsahara und dem eigenen Hoheitsanspruch auf diese Region die Unterstützung zahlreicher auch europäische Länder geschert. Sehr zum Missfallen Algiers.
Vor diesem Hintergrund ist die Gesprächsbereitschaft Algeriens gegenüber einem Vertreter der US-Regierung ein diplomatisches Signal, das aufhorchen lässt. Laut APS tauschten beide Seiten auch „Analysen zur Lage in der Westsahara, Libyen, der Sahelzone und der Region der Großen Seen“ aus.
Keine hochrangige US-Delegation – ein vorsichtiger Test?
Trotz des symbolischen Gewichts wurde der Besuch von US-amerikanischer Seite nicht groß inszeniert. Es reiste weder ein Minister noch ein Kongressabgeordneter an – und auf offiziellen US-Kanälen wie state.gov oder x.com/StateDept gab es bis zum 28. Juli keine Hinweise auf den Besuch. Dies deutet darauf hin, dass Washington vorerst an einem diskreten Austausch interessiert ist – möglicherweise als Sondierung, nicht als Neupositionierung.
Massad Boulos erklärte nach seinem Treffen mit Präsident Tebboune, dass die USA „ihren Beziehungen zu Algerien große Bedeutung beimessen“ und den Dialog über gemeinsame Interessen wie Sicherheit, Handel und Stabilität in Afrika fortsetzen wollen.
Energie, Sicherheit und wirtschaftliche Interessen
Insbesondere im Energiesektor sieht die US-Seite laut Boulos „enormes Potenzial für eine Stärkung der kommerziellen Zusammenarbeit“. Algerien ist ein bedeutender Erdgasexporteur und könnte für Washington im globalen Energiegefüge eine zunehmend wichtige Rolle spielen – insbesondere vor dem Hintergrund internationaler Spannungen in anderen Förderregionen.
Beide Seiten bestätigten die „positive Dynamik“ ihrer Partnerschaft in strategischen Feldern wie Verteidigung, Hochschulbildung, Landwirtschaft und wissenschaftlicher Forschung. Auch eine engere Koordination im UN-Sicherheitsrat wurde angesprochen – Algerien ist derzeit und bis zum Jahresende nichtständiges Mitglied.
Algerien zwischen Blockbindung und Flexibilität
Der Besuch zeigt: Algerien scheint offen dafür, seine außenpolitischen Optionen zu erweitern – ohne seine traditionellen Allianzen mit Russland oder China aufzugeben. Die Absage der BRICS-Staaten im Jahr 2023, trotz Unterstützung durch Moskau und Pretoria, hat möglicherweise zu einem vorsichtigeren, flexibleren Kurs in Algier geführt.
Ob dies zu einer grundlegenden Neuausrichtung führen wird, bleibt offen. Doch der Empfang des US-Präsidentenberaters – und die intensive Berichterstattung darüber auf algerischer Seite – unterstreichen den strategischen Willen, im globalen diplomatischen Umfeld eigenständiger zu agieren.

