Bundespräsident Steinmeier appelliert an Algeriens Präsident Tebboune – Berlin setzt auf humanitäre Geste und diplomatische Stabilität in Zeiten angespannter Beziehungen zwischen Algier und Paris.
Berlin / Algier – Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich in einem offiziellen Schreiben an seinen algerischen Amtskollegen Abdelmadjid Tebboune gewandt und um die Begnadigung des Schriftstellers Boualem Sansal gebeten. Nach Angaben der algerischen Nachrichtenagentur APS ging es Steinmeier dabei vor allem um „humanitäre Gründe“: Sansal sei von hohem Alter und angeschlagener Gesundheit, weshalb ihm die Ausreise zur medizinischen Behandlung nach Deutschland ermöglicht werden solle.
Der 1949 geborene Autor, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, besitzt sowohl die algerische als auch die französische Staatsbürgerschaft. Sansal war am 1. Juli 2025 in einem Berufungsverfahren zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt worden. Ihm wird laut algerischer Justiz vorgeworfen, „die territoriale Integrität des Landes gefährdet“ zu haben – eine Anspielung auf seine öffentlichen Äußerungen über die westlichen Landesgrenzen zu Marokko.
Ein sensibles Thema zwischen Algier, Paris und Berlin
Frankreich hatte bereits zuvor versucht, über diplomatische Kanäle die Freilassung des Schriftstellers zu erreichen – ohne Erfolg. Die Bemühungen des Élysée-Palastes fielen in eine Phase angespannter Beziehungen zwischen Algier und Paris, die unter anderem durch unterschiedliche Sichtweisen auf die Kolonialvergangenheit und sicherheitspolitische Fragen in der Sahelzone belastet sind.
Beobachter vermuten laut Deutschlandfunk Kultur, dass Frankreich Berlin gebeten haben könnte, sich vermittelnd einzuschalten. Deutschland pflegt traditionell gute wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Algerien – insbesondere in den Bereichen Energie, Migration und Rüstungsgüter. Steinmeiers Bitte könnte somit auch als Signal verstanden werden, die diplomatische Gesprächsbasis zu stärken, ohne die algerische Souveränität direkt infrage zu stellen.
Humanität als Brücke
„Eine solche Geste wäre Ausdruck humanitären Geistes und großer politischer Weitsicht“, erklärte Steinmeier laut der algerischen Erklärung. Er betonte zudem, eine Begnadigung Sansals würde „die langjährige persönliche Beziehung“ zu Präsident Tebboune und die „ausgezeichneten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern“ widerspiegeln.
Bislang gibt es keine offizielle Reaktion aus dem Präsidentenpalast in Algier. Sansals Fall bleibt damit ein Prüfstein für die künftige Zusammenarbeit zwischen Europa und Algerien – sowohl im kulturellen als auch im politischen Kontext.
Algerien – Schriftsteller Boualem Sansal erneut zu fünf Jahren Haft verurteilt

