Nach dem Rückzug Großbritanniens plant das Energiekonsortium nun, grünen Strom aus der Wüste Marokkos über ein ambitioniertes Unterseekabel nach Deutschland zu leiten – und verspricht dabei niedrigere Strompreise für alle.
Rabat / London / Berlin – Das ursprüngliche Projekt „Xlinks“, das von demselben Unternehmen getragen wurde, sollte Marokko über eine 3.800 Kilometer lange Unterseekabelverbindung mit Großbritannien verbinden. Dieses Vorhaben, das Marokko als Exporteur erneuerbarer Energien hätte stärken können, scheiterte, als die britische Regierung die notwendige staatliche Abnahmegarantie, einen sogenannten Contract for Difference (CfD), verweigerte. London entschied sich stattdessen stärker auf heimische Energiequellen zu fokussieren. Das Scheitern in Großbritannien, obwohl es die ursprünglichen Pläne tiefgreifend beeinflusste, führte jedoch nicht zum endgültigen Aus für Xlinks. Das Unternehmen kündigte an, nach alternativen Vermarktungswegen zu suchen. Diese scheint man nun beim möglichen Kunden Deutschland finden zu wollen
Ein ehrgeiziges Projekt für die deutsche Energiewende
Nur wenige Monate nach der Absage aus London steht das neue Projekt „Sila Atlantik“ im Fokus, dessen Leitung die Xlinks Germany GmbH übernommen hat. Wie mehrere Nachrichtenmedien, darunter das Handelsblatt und Focus Online sowie Le360.ma, berichten, plant das Unternehmen, über ein fast 4.800 Kilometer langes Unterseekabel Wind- und Solarenergie aus den sonnenreichen Regionen Marokkos nach Deutschland zu transportieren. Laut Focus Online und dem Handelsblatt sollen jährlich bis zu 26 Terawattstunden Strom geliefert werden, was rund 5 Prozent des deutschen Stromverbrauchs ausmachen würde.
Hinweis der Redaktion: Auf Grundlage einer E-Mail der Firma Xlinks wurde dieser Abschnitt korrigiert. Die hinter „Sila Atlantik“ stehende Xlinks Germany GmbH ist nicht identisch mit dem britischen Unternehmen Xlinks Ltd. Laut einem Hinweis des Unternehmens hat die Xlinks Germany GmbH eine andere Eigentümerstruktur und besteht seit 2023.
Das Projekt soll dabei von den gesunkenen Kosten für die Produktion erneuerbarer Energien profitieren, die im Vergleich zu früheren Initiativen wie dem 2003 gestarteten, aber aufgegebenen Desertec-Projekt deutlich niedriger liegen. Die Stromübertragung würde über Hochspannungskabel entlang der Westküste Europas erfolgen. Die offizielle Registrierung der Marke „Sila Atlantik“ beim Deutschen Patent- und Markenamt am 5. Mai 2025 unterstreicht die Ernsthaftigkeit und die langfristigen Ambitionen des Projekts.
Warum das Kabel nicht über Land verlegt werden soll
Eine der größten Besonderheiten des Projekts ist die geplante Verlegung des Kabels auf dem Meeresboden anstelle einer Landtrasse. Dieser Ansatz mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, hat aber sowohl technische als auch politische Gründe. Eine Landtrasse von Marokko über Spanien und Frankreich nach Deutschland würde durch mehrere Länder und unzählige Gemeinden führen. Jedes dieser Länder hätte eigene, komplexe Genehmigungsverfahren, die das Projekt erheblich verlangsamen könnten.
Hinzu kommt der mögliche Widerstand von Anwohnern und Umweltgruppen. Solche Landkonflikte sind in der Vergangenheit, wie etwa beim deutschen „SuedLink“-Projekt, eine der Hauptursachen für Verzögerungen und Kostensteigerungen gewesen. Durch die Verlegung am Meeresboden könnten diese Hürden großteils umgangen werden, da das Kabel weit abseits besiedelter Gebiete verläuft. Diese direkte und unabhängige Route minimiert zudem die Abhängigkeit von den Stromnetzen der Transitländer und schafft eine kontrollierbarere Infrastruktur.
Chancen und Herausforderungen des Vorhabens
Das „Sila Atlantik“-Projekt verspricht laut Focus Online und dem Handelsblatt mehrere Vorteile für Deutschland:
- geringere Stromkosten: Ein Wachsenden Angebot an grünem Strom könnte die Preise senken oder die teuerung bei Energie bremsen.
- Verbesserte CO2-Bilanz: Der Import von fossilen Brennstoffen wie Gas und Kohle könnte sich verringern.
- Stabiles und kostengünstiges Netz: Da die Stromproduktion in Marokko verlässlicher ist als in Deutschland, könnten teure Reserve-Gaskraftwerke und Batteriespeicher reduziert werden.
- Vorteile für Süddeutschland und dem Industriesektor: Eines der beiden geplanten Kabel soll direkt den Süden Deutschlands versorgen und so den dortigen Bedarf an grünem Strom decken.
- Wirtschaftliche Perspektiven: Günstiger und zuverlässiger Strom könnte energieintensive Branchen wie Rechenzentren und Künstliche Intelligenz in Deutschland stärken.
Projekt bringt auch Risiken mit sich.
Trotz dieser vielversprechenden Aussichten gibt es auch erhebliche Risiken und Herausforderungen. Focus Online verweist auf die hohen geschätzten Kosten von 30 bis 40 Milliarden Euro. Angesichts dieser Summe wären staatliche Garantien unerlässlich, die jedoch, wie die Ablehnung in Großbritannien zeigte, nicht selbstverständlich sind. Eine offizielle Positionierung der Bundesregierung steht wohl von Seiten des Bundeswirtschaftsministeriums noch aus.
Ein weiteres Risiko ist die potenzielle politische Abhängigkeit Deutschlands von Marokko als wichtigem Energiepartner.
Zudem gibt es technische Hürden, insbesondere die Verfügbarkeit der erforderlichen Hochleistungskabel, deren Produktion Xlinks laut Focus Online selbst in Marokko aufbauen will, um das Land an das Projekt zu binden. Eine endgültige Investitionsentscheidung steht noch aus, auch wenn bereist auch deutsche große Energieunternehmen wie Uniper und Eon bereits erste Gespräche geführt haben sollen.
Für deutsche Endverbraucher bleibt die Lage vorerst unverändert. Es wird geschätzt, dass der erste Strom aus Marokko frühestens Ende der 2030er Jahre in Deutschland ankommen könnte. Jetzt muss abgewartet werden, ob Deutschland den Mut hat, eine solche langfristige und auch teure Investition zu unterstützen oder tatsächlich wieder verstärkt auf Gaskraftwerke setzt. Im Falle London ist das Projekt gescheitert, weil man auf der Insel den Betreibern keinen garantierten Strompreis zusichern wollte, der unter dem liegen würde, den Großbritannien derzeit zahlt und auch London setzt lieber auf eigene Energiequellen, wie Gas vor der Küste oder Atomkraft. Ähnliche Gedanken gibt es auch in Berlin.
Marokko – Xlinks hält am Energieprojekt trotz Absage Londons fest

