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Marokko – Versprechen im Schatten der Kaufkraftverluste: Wie die PPS mit einem linken Reformkatalog die Parlamentswahl 2026 drehen will

Integrität und die Hürde der Wahlbeteiligung

Kurz vor der Abstimmung fordert die oppositionelle Fortschrittspartei PPS eine soziale Kehrtwende. Während das Königreich auf die Infrastrukturprojekte der WM 2030 blickt, rückt Parteichef Benabdellah den alltäglichen Kaufkraftverlust in den Mittelpunkt – und verknüpft Reformversprechen mit Integritätsanforderungen.

Rabat – Am 23. September 2026 wählen die Bürgerinnen und Bürger im nordafrikanischen Königreich Marokkos ein neues Parlament. Kurz vor dem Urnengang legten alle Parteien ihr Wahlprogramm vor, darunter auch die oppositionelle Partei für Fortschritt und Sozialismus (PPS). Generalsekretär Mohamed Nabil Benabdellah verknüpfte die Präsentation des Kriterienkatalogs mit einer deutlichen Kritik an der Regierungspolitik der vergangenen Jahre. Während sich das Land auf weltweite Aufmerksamkeit durch Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 vorbereite, präge eine spürbare Unzufriedenheit über steigende Lebenshaltungskosten den Alltag vieler Haushalte.

Das Kernprogramm: Soziale Grundversorgung und Kaufkraft im Fokus

Das Wahlprogramm der PPS setzt auf eine markante Ausweitung staatlicher Leistungen. Im Gesundheitssektor plant die Partei, die obligatorische Krankenversicherung (AMO) bis Ende 2028 auf die verbleibenden 8,5 Millionen bislang nicht abgedeckten Marokkaner auszudehnen. Um die Engpässe in der medizinischen Versorgung zu beheben, strebt die PPS die Einstellung von 15.000 Ärzten und 33.500 Pflegekräften an. Ähnlich hohe Zuwächse sieht der Entwurf für den Bildungsbereich vor: Jährlich sollen 18.000 Lehrkräfte an Grund- und weiterführenden Schulen eingestellt sowie 30.000 neue Klassenzimmer geschaffen werden – schwerpunktmäßig in ländlichen Regionen. Zudem soll die Schulabbrecherquote halbiert und mindestens eine staatliche Universität unter die weltweiten Top 500 geführt werden. Damit wird die PPS konkreter als die PJD, die ebenfalls auf das Thema Gesundheit setzt.

Um den Kaufkraftverlust aufzufangen, schlägt die PPS eine 15-prozentige Erhöhung des Mindestlohns in Industrie (SMIG) und Landwirtschaft (SMAG) sowie der Beamtengehälter vor. Für Haushalte in multidimensionaler Armut sieht der Programmentwurf ein soziales Schutzschild von 1.000 Dirham pro Monat vor, ergänzt durch eine jährliche Schulstart-Beihilfe von 1.000 Dirham pro Kind für einkommensschwache Familien. Zur Gegenfinanzierung fordert die Partei eine Reform des Steuerwesens: Der Freibetrag bei der Einkommensteuer soll auf 60.000 Dirham angehoben, im Gegenzug jedoch eine progressive Vermögenssteuer auf deklarativer Basis mit Steuersätzen zwischen 0,3 und 0,5 Prozent eingeführt werden.

Marokko – PPS-Chef Mohamed Nabil Benabdallah kündigt Rückzug von Parteispitze an

Die Kluft zwischen WM-Glanz und regionaler Realität

In einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur MAP zog Parteichef Benabdellah eine direkte Verbindung zwischen der internationalen Positionierung des Landes und den gesellschaftlichen Zuständen im Inneren. Die Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 sei eine Chance für das Königreich, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen. Dieses positive Bild dürfe sich jedoch nicht auf die Austragungsorte beschränken. Fortschritte in den Bereichen Demokratie, Menschenrechte sowie sozio-räumliche Gerechtigkeit müssten im gesamten Staatsgebiet spürbar werden.

Benabdellah sprach in diesem Zusammenhang von einem Klima der „populären Ablehnung“ gegenüber der derzeitigen Regierung. Weder der Kaufkraftverlust noch die Teuerungsraten seien von den gewählten Institutionen wirksam eingedämmt worden. Die PPS, die in den vergangen fünf Jahren eigenen Angaben zufolge eine oppositionelle Rolle eingenommen habe, positioniert sich nun als Alternative für eine künftige Regierungsbildung.

Wirtschaftlicher Umbau und Integration des informellen Sektors

Auf wirtschaftlicher Ebene visiert das Programm die Senkung der nationalen Arbeitslosenquote auf unter 10 Prozent durch die Schaffung von einer Million Arbeitsplätzen innerhalb von fünf Jahren an. Einen zentralen Hebel sieht die PPS in der Formalisierung der Wirtschaft: Ein Fünftel der Einheiten des informellen Sektors soll in die reguläre Wirtschaft integriert werden, was geschätzte 10 Milliarden Dirham an jährlichen Steuer- und Sozialeinnahmen einbringen soll.

Zusätzlich strebt die Partei an, den Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt auf 20 Prozent zu erhöhen und das Handelsdefizit auf 10 Prozent des BIP zu halbieren. 20 unterausgelastete Industriezonen sollen saniert und fünf neue Zonen in Zukunftssektoren geschaffen werden. Auch ökologische Kennzahlen führt der Entwurf an: Die Kapazität zur Meerwasserentsalzung soll auf 1,7 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigen, Netzverluste bei der Wasserverteilung auf unter 20 Prozent gesenkt und der landwirtschaftliche Wasserverbrauch um 25 Prozent reduziert werden.

Gleichstellung, Amazigh-Förderung und Belange der Diaspora

Über sozioökonomische Kennzahlen hinaus enthält das Wahlprogramm rechtspolitische Forderungen. Dazu zählen die rechtliche Gleichstellung der Ehepartner, die endgültige Abschaffung der Minderjährigen-Eheschließung, eine gemeinsame gesetzliche Vormundschaft beider Elternteile sowie die Durchsetzung gleicher Bezahlung bei gleicher Qualifikation. Für die Amazigh-Sprache wird ein Pflichtunterricht an allen Schulen gefordert, ebenso wie deren verbindliche Nutzung in Verwaltung, Justiz und Krankenhäusern, finanziert über einen eigenen nationalen Fonds.

Für Marokkanerinnen und Marokkaner mit Wohnsitz im Ausland (MRE) schlägt die PPS Maßnahmen zur Absicherung von Land- und Erbschaftsvermögen, einen digitalen Einspruchsmechanismus bei Rechtsstreitigkeiten sowie spezialisierte MRE-Anlaufstellen in öffentlichen Einrichtungen vor.

Integrität und die Hürde der Wahlbeteiligung

Für die Umsetzung ihrer Pläne verweist die Parteiführung auf eine erneuerte Auswahl von Kandidatinnen und Kandidaten. Bei den Nominierungen setze man auf Fachkräfte, Jugendliche, Frauen sowie erfahrene Aktivisten. Benabdellah betonte im MAP-Interview, dass sich die PPS von Praktiken distanziere, die allein auf den Gewinn von Wahlmandaten unter Missachtung ethischer Regeln abzielen. Personen, die der Korruption verdächtigt werden, erhalten laut Parteiführung keine Unterstützung.

Ob die PPS ihre Zielsetzung, nach dem 23. September Regierungsverantwortung zu übernehmen, erreichen kann, hängt maßgeblich vom Verhalten der Wähler ab. Benabdellah räumte ein, dass der angestrebte politische Umschwung von einer Abkehr von der Wahlenthaltung getragen werden muss. Gelingt es der Opposition nicht, breite Bevölkerungsschichten an die Urnen zu bringen, drohen die detaillierten Reformkonzepte auch in der neuen Legislaturperiode am parlamentarischen Kräfteverhältnis zu scheitern.

Marokko – PJD fordert vor der Parlamentswahl eine Kurskorrektur in der Sozial- und Wirtschaftspolitik

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