Das marokkanische Innenministerium sieht mehrere miteinander verknüpfte Faktoren als Ursache der Vorfälle, darunter Desinformation im digitalen Raum, Aktivitäten von Schleusernetzwerken sowie Fehlinterpretationen rechtlicher und administrativer Informationen.
Rabat – Das marokkanische Innenministerium hat erstmals eine offizielle Bewertung der jüngsten Ereignisse an den Grenzübergängen zu Ceuta und Melilla vorgelegt. Nach Angaben des Ministeriums seien die Migrationsversuche nicht spontan entstanden, sondern das Ergebnis mehrerer miteinander verknüpfter Faktoren. Als wesentliche Ursachen nannte Ministeriumssprecher Rachid El Khalfi am Sonntag (2. August) die Verbreitung irreführender Informationen im digitalen Raum, die Aktivitäten von Menschenhändlerringen sowie Fehlinterpretationen rechtlicher und administrativer Informationen, die bei zahlreichen Menschen den Eindruck erweckt hätten, ein irregulärer Grenzübertritt nach Europa sei ohne unmittelbare rechtliche Folgen möglich.
MAGHREB-POST hatte bereits über die außergewöhnlich hohe Zahl der Migrationsversuche an den Grenzen zu den beiden spanischen Exklaven sowie die daraus entstandenen politischen Spannungen berichtet. Mit der nun veröffentlichten Erklärung legt die marokkanische Regierung erstmals ihre offizielle Einschätzung zu den Ursachen und zum Umfang der Ereignisse vor.
Ministerium nennt erstmals offizielle Zahlen
Nach Angaben des Innenministeriums bewegten sich rund 40.000 Menschen in Richtung Ceuta und etwa 1.135 Personen in Richtung Melilla. Diese Zahlen beruhten auf technischen Überwachungs- und Erfassungssystemen sowie auf Felddaten der Sicherheitsbehörden und stellten die maßgebliche offizielle Referenz dar. Anderslautende Angaben stützten sich nach Darstellung des Ministeriums nicht auf belastbare Daten.
Alle Personen, denen der Grenzübertritt nach Melilla gelungen sei, seien umgehend zurückgeführt worden. Die Behörden hätten die Entwicklung frühzeitig erkannt und ihre Überwachung an Land und auf See verstärkt sowie zusätzliche Sicherheitskräfte mobilisiert, um Menschenleben zu schützen, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Grenzen zu sichern.
Ministerium sieht Desinformation als zentralen Faktor
Nach Darstellung des Innenministeriums spielten irreführende Informationen im digitalen Raum eine entscheidende Rolle bei den Migrationsversuchen. Als weiterer Faktor verwies El Khalfi auf jüngste Entscheidungen spanischer Gerichte zur Anwendung unmittelbarer Rückführungen bestimmter auf See aufgegriffener irregulärer Migranten. Deren Fehlinterpretation habe nach Angaben des Ministeriums bei einigen Menschen die Erwartung geweckt, sie könnten durch eine Überquerung schwimmend einer sofortigen Rückführung entgehen. Schleusernetzwerke hätten diese Annahme gezielt aufgegriffen und weiterverbreitet.
Zugleich erklärte das Ministerium, viele Migranten hätten die Risiken unterschätzt. Die kurze Distanz zwischen der marokkanischen Küste und Ceuta sowie die an einigen Stellen geringe Wassertiefe hätten den irreführenden Eindruck einer vergleichsweise einfachen Überquerung entstehen lassen.
Elf Todesfälle bestätigt
Das Innenministerium bestätigte bislang elf Todesfälle im Zusammenhang mit den Ereignissen. Demnach kam eine Person nach einem Sturz im felsigen Küstenbereich nahe Ceuta ums Leben, zehn weitere Menschen ertranken. Berichte über weitere mögliche Todesopfer würden weiterhin gemeinsam mit den spanischen Behörden überprüft, um Zahl, Identität und Staatsangehörigkeit der Betroffenen festzustellen.
Zudem habe die zuständige Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet. Diese sollen die Umstände der Ereignisse aufklären, Verantwortlichkeiten feststellen und gegebenenfalls strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Abschließend bekräftigte das Innenministerium, dass Marokko die Zusammenarbeit mit seinen internationalen Partnern im Kampf gegen irreguläre Migration und Menschenhandel fortsetzen werde. Eine wirksame Steuerung der Migration könne nach Auffassung der Regierung nur durch einen umfassenden Ansatz gelingen, der auf gemeinsamer Verantwortung, internationaler Zusammenarbeit und Lastenteilung beruhe.

