Zum Jahrestag der historischen Forderung nach Souveränität von 1944 übt König Mohammed VI. sein traditionelles Begnadigungsrecht zu Gunsten von über 1.300 Verurteilten aus.
Rabat – In Marokko ist es eine gefestigte politische und religiöse Tradition: Zu bedeutenden nationalen Feiertagen macht das Staatsoberhaupt regelmäßig von seinem Vorrecht der Begnadigung Gebrauch. Wie das marokkanische Justizministerium über die staatliche Nachrichtenagentur MAP bekannt gab, profitieren anlässlich des diesjährigen Gedenkens an das Unabhängigkeitsmanifest insgesamt 1.386 Personen von königlichen Gnadenakten. Diese Praxis soll die Rolle des Monarchen als zentrale Instanz der nationalen Versöhnung und sozialen Stabilität unterstreichen.
Differenzierte Gnadenakte für Inhaftierte und Personen in Freiheit
Die Maßnahmen betreffen eine Vielzahl von Fällen und sind nach der Schwere der Urteile sowie dem aktuellen Status der Verurteilten gestaffelt. Von den insgesamt 1.386 Begünstigten befinden sich laut offiziellen Angaben 1.157 Personen derzeit in Haft. Für 23 von ihnen bedeutet die Entscheidung die sofortige Entlassung durch den Erlass der verbleibenden Haftzeit. Bei der überwiegenden Mehrheit, nämlich 1.133 Inhaftierten, wurde die Dauer der Freiheitsstrafe verkürzt. Ein Einzelfall betrifft zudem die Umwandlung einer lebenslangen Haftstrafe in eine zeitlich begrenzte Strafe.
Weitere 214 Personen, gegen die Urteile ohne direkten Freiheitsentzug vorlagen oder die sich bereits in Freiheit befanden, erhielten ebenfalls Erlasse. Davon wurde 69 Personen die Gefängnisstrafe oder deren Rest erlassen, während in 124 Fällen Geldstrafen aufgehoben wurden. Elf Personen profitierten von einem vollständigen Erlass sowohl der Haft- als auch der Geldstrafen.
Fokus auf Resozialisierung und Abkehr von extremistischen Ideologien
Ein besonderer Aspekt der aktuellen Begnadigungswelle betrifft 15 Personen, die ursprünglich wegen Extremismus oder Terrorismus verurteilt worden waren. Laut der Erklärung des Justizministeriums wurde diesen Personen die Gnade gewährt, nachdem sie offiziell ihre Abkehr von radikalen Ideologien erklärt und ihr Bekenntnis zu den Grundprinzipien und nationalen Werten Marokkos bekräftigt hatten. In dieser Gruppe wurde neun Gefangenen die Reststrafe erlassen, während bei sechs weiteren eine Reduzierung der Haftzeit erfolgte. Diese gezielten Maßnahmen sind Teil der staatlichen Strategie zur Deradikalisierung und Wiedereingliederung.
Die Bedeutung des Unabhängigkeitsmanifests
Der Anlass für die Begnadigungen ist der Jahrestag des 11. Januar 1944. An diesem Tag legten marokkanische Nationalisten dem französischen Protektorat ein Manifest vor, in dem sie die vollständige Unabhängigkeit des Landes forderten. In der heutigen Zeit dient dieses Datum nicht nur dem historischen Rückblick, sondern auch als Anlass für politische Signale der Einheit. Da König Mohammed VI. ähnliche Maßnahmen auch zu anderen Anlässen wie dem Thronfest oder dem Ende des Fastenmonats Ramadan ergreift, bleibt die „Grâce Royale“ ein fest verankertes Instrument der marokkanischen Monarchie und Innenpolitik.

