Unruhen in der Region Inezgane-Ait-Melloul eskalieren – staatliche Stellen sprechen von Selbstverteidigung, während die hohe Beteiligung Minderjähriger neue gesellschaftliche Fragen aufwirft.
Rabat – Nach offiziellen Angaben des marokkanischen Innenministeriums sind am Mittwochabend in der Stadt Leqliaa, südlich von Agadir, drei Menschen bei gewalttätigen Ausschreitungen ums Leben gekommen. Damit erhöht sich die ursprüngliche Anzahl von zwei auf nunmehr drei Demonstranten. Laut Ministeriumssprecher Rachid El Khalfi versuchte eine Gruppe von Personen, in die Räumlichkeiten der Königlichen Gendarmerie einzudringen und dort Munition, Ausrüstung und Dienstwaffen zu entwenden. Die Sicherheitskräfte hätten in dieser Situation aus Selbstverteidigung ihre Waffen eingesetzt, so El Khalfi nochmals am gestrigen Donnerstag gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur MAP.
Die Ereignisse in Leqliaa gelten als besonders gravierender Vorfall einer Reihe von Protesten, die sich in mehreren Regionen des Königreichs zu gewaltsamen Auseinandersetzungen entwickelt haben.
Innenministerium spricht von „kriminellen Handlungen“
Das Innenministerium betont, dass die Proteste in Teilen des Landes ihren friedlichen Charakter verloren hätten. „Wir sind mit klaren kriminellen Handlungen konfrontiert, die von einer Minderheit von Anstiftern und Unruhestiftern begangen werden“, sagte El Khalfi in Rabat. Diese hätten in mehreren Fällen Verwaltungsgebäude, Sicherheitszentren und staatliche Einrichtungen angegriffen, mit dem Ziel, an Waffen oder Material zu gelangen.
Besonders auffällig sei nach Angaben der Behörden die hohe Beteiligung Minderjähriger. Mehr als 70 Prozent der festgestellten Teilnehmer seien Jugendliche gewesen, in manchen Fällen sogar ausschließlich, erklärte der Sprecher.
Marokko – Innenministerium nimmt Stellung zu aktuellen Protesten
Verletzte und Schäden in großem Ausmaß
Die Unruhen führten nicht nur zu Todesopfern, sondern auch zu zahlreichen Verletzungen und erheblichen Sachschäden. Laut Innenministerium wurden 354 Menschen verletzt, darunter 326 Angehörige der Ordnungskräfte. Zudem seien 271 Fahrzeuge der Sicherheitskräfte sowie 175 private Fahrzeuge beschädigt worden. Insgesamt seien fast 80 Gebäude betroffen gewesen – darunter Verwaltungsstellen, Gesundheitseinrichtungen, Banken und Geschäfte.
Die Behörden leiteten Verfahren gegen festgenommene Erwachsene ein. Minderjährige würden unter Einhaltung der gesetzlichen Garantien vernommen, so das Ministerium.
Balance zwischen Versammlungsfreiheit und öffentlicher Ordnung
In seinen Erklärungen betonte das Innenministerium wiederholt die grundsätzliche Anerkennung des Rechts auf friedlichen Protest. Dieses Recht sei in der Verfassung garantiert, befreie die Behörden aber nicht von ihrer Pflicht, einzuschreiten, wenn öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet seien.
„Die Logik der Freiheit und des Rechts bleibt in gleicher Weise den Grundlagen von Engagement und Pflicht unterworfen“, so El Khalfi, der damit auf die Verantwortung der Bürger gegenüber dem Staat und der Gesellschaft verwies.
Verantwortung von Eltern und Gesellschaft
Neben der Rolle der Behörden rückte das Ministerium auch die Familien in den Fokus. Da ein Großteil der Beteiligten Minderjährige seien, müssten Eltern stärker auf ihre Kinder achten, so der Appell von El Khalfi.
Gleichzeitig betonen die staatlichen Stellen, dass sie ihre Sicherheits- und Strafverfolgungsmaßnahmen fortsetzen werden, um weitere Gewalttaten zu verhindern und Beteiligte zur Rechenschaft zu ziehen.
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