Nach den Parlamentswahlen vom 23. September 2026 schlagen internationale und nationale Beobachter Alarm: Bei einer Wahlbeteiligung von lediglich 38 Prozent warnen der Europarat und der nationale Menschenrechtsrat vor einer verringerten Repräsentanz und fordern grundlegende Reformen.
Rabat – Die historische niedrige Wahlbeteiligung bei den marokkanischen Parlamentswahlen am vergangenen Mittwoch rückt zunehmend in den Mittelpunkt der politischen Debatte. Nach Angaben des Innenministeriums gaben lediglich 38,02 Prozent der rund 15,8 Millionen registrierten Wählerinnen und Wähler ihre Stimme ab – der niedrigste Wert seit 2007 (36,8 Prozent). Sowohl die Beobachterdelegation der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) als auch der marokkanische Nationale Menschenrechtsrat (CNDH) bewerten dieses Ergebnis als deutliches Signal für ein schwindendes Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Institutionen.
Weniger als ein Viertel der Erwachsenen vertreten
Obwohl die PACE-Delegation des Europarartes den eigentlichen Abstimmungsprozess in den Wahllokalen als effizient und ordnungsgemäß bewertete, schränkt die geringe Teilnahme die demokratische Legitimation nach ihrer Einschätzung drastisch ein. Unter Berücksichtigung der nicht registrierten Bevölkerung sowie ungültiger Stimmzettel habe weniger als ein Viertel der wahlberechtigten Erwachsenen eine gültige Stimme abgegeben.
„Wenn weniger als ein Viertel der Erwachsenen eine gültige Stimme abgibt, darf diese geringe Wahlbeteiligung nicht ignoriert werden“, erklärte die italienische Leiterin der PACE-Delegation, Elisabetta Gardini. „Sie wirft wichtige Fragen zur Partizipation, zur Repräsentation und zum Vertrauen der Bürger in den politischen Prozess auf.“
Die PACE erneuerte vor diesem Hintergrund ihre Forderung nach einer automatischen Registrierung aller Wahlberechtigten sowie nach der Ermöglichung einer persönlichen und geheimen Stimmabgabe für die mehr als sechs Millionen im Ausland lebenden Marokkanerinnen und Marokkaner.
Entfremdung der Jugend und soziale Sorgen
Auch CNDH-Präsidentin Amina Bouayach forderte die Institutionen auf, ihr Verhältnis zu den Bürgerinnen und Bürgern grundlegend zu hinterfragen. Der Nationale Menschenrechtsrat wies darauf hin, dass die Wahl von anhaltenden Sorgen über hohe Jugendarbeitslosigkeit, schwindende Kaufkraft sowie Mängel in der Gesundheits- und Bildungsversorgung überschattet wurde.
Besonders ausgeprägt ist die Zurückhaltung bei jüngeren Menschen: Trotz gesetzlicher Anreize machten Bürgerinnen und Bürger unter 35 Jahren nur drei Prozent der eingetragenen Wählerlisten aus. Die Beobachter ordnen das Ergebnis auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spannungen des vergangenen Jahres ein, darunter von Jugendlichen angeführte Proteste und die Migrationskrise an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta.
Herausforderung für die künftige Regierungsbildung
Der Wahlausgang stellt die künftige Regierungsmehrheit vor erhebliche Legitimationsprobleme. Aus den Wahlen ging die Partei für Authentizität und Moderne (PAM) mit 97 von 395 Sitzen als stärkste Kraft hervor, gefolgt von der bisherigen Regierungspartei RNI (66 Sitze) und der Istiqlal-Partei (65 Sitze). Die oppositionelle, gemäßigt islamistische PJD konnte sich nach Zuwächsen auf 54 Mandate verbessern, was Beobachter als Sanktionsvotum gegen die bisherige Regierungsführung werten.
Auf die PAM, deren nationale Koordinatorin Fatima Ezzahra El Mansouri als mögliche erste Premierministerin des Landes gehandelt wird, warten nun schwierige Koalitionsverhandlungen. Die kommende Regierung muss nicht nur das Vertrauen der Wählerschaft zurückgewinnen, sondern auch milliardenschwere Investitionsprogramme im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 verwalten.
Marokko – PAM gewinnt Parlamentswahl laut vorläufigen Ergebnissen

