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Marokko – Geschäfts- und Kongressreisen sollen zur zweiten Säule des Tourismus im Königreich werden.

Kongresszentren statt reiner Saisonwirtschaft

Mit Milliardeninvestitionen in Kongresszentren, neuen Projekten im Hinterland und einer stärkeren Orientierung am Inlandsmarkt versucht Marokko, die Abhängigkeit von der klassischen Feriensaison zu verringern. Doch die Regierungszahlen zeigen auch deutliche regionale Ungleichgewichte.

Rabat – In der vergangenen Fragestunde des marokkanischen Oberhauses in Rabat machte Tourismusministerin Fatim-Zahra Ammor deutlich, wie weitreichend die Pläne der Regierung inzwischen sind. Marokko will den Tourismussektor in den kommenden Jahren grundlegend umbauen und erweitern – wirtschaftlich, geografisch und strukturell.

Die aktuellen Zahlen zeigen zunächst einen stabilen Wachstumskurs. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 registrierte der Inlandstourismus mehr als vier Millionen Übernachtungen. Das entspricht einem Plus von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bereits 2025 entfielen laut Ministerium rund 28 Prozent aller Hotelübernachtungen auf marokkanische Reisende.

Für die Regierung ist das mehr als eine statistische Entwicklung. Die Pandemie hatte offengelegt, wie anfällig Regionen sind, die fast ausschließlich von ausländischen Urlaubern abhängen. Seitdem versucht Rabat, den Sektor breiter aufzustellen und weniger abhängig von saisonalen Schwankungen zu machen.

Kongresszentren statt reiner Saisonwirtschaft

Im Mittelpunkt dieser Strategie steht der Geschäfts- und Kongresstourismus. Das sogenannte MICE-Segment – Meetings, Incentives, Conferences und Exhibitions – gilt weltweit als besonders lukrativ. Geschäftsreisende geben meist mehr Geld aus als klassische Urlauber und reisen häufiger außerhalb der Ferienzeiten.

Bis 2030 will Marokko rund 2,3 Millionen Geschäfts- und Kongresstouristen anziehen.

Dafür investiert der Staat massiv in neue Infrastruktur. In Agadir soll bis Ende 2026 ein Kongresszentrum mit 5.000 Plätzen eröffnet werden. In Marrakesch entsteht derzeit ein Großprojekt mit Kapazitäten für bis zu 20.000 Teilnehmer. Laut Ammor soll die Stadt damit zu den weltweit führenden Standorten für Geschäftstourismus aufschließen.

Auch Rabat plant den Ausbau seiner Messe- und Kongressinfrastruktur. Für ein neues Ausstellungszentrum wurde bereits ein Abkommen mit einem Investitionsvolumen von 700 Millionen Dirham unterzeichnet. In Casablanca prüft die Regierung zudem ein weiteres Großprojekt mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichten wird.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Der internationale Markt für Kongresse und Großveranstaltungen wächst nach den Krisenjahren der Pandemie wieder deutlich. Gleichzeitig versucht Marokko, sich international stärker als Wirtschafts- und Veranstaltungsstandort zu positionieren.

Der Inlandsmarkt wird zur strategischen Reserve

Parallel setzt die Regierung verstärkt auf den Inlandstourismus. Marokkanische Reisende gelten inzwischen als wichtigster Stabilitätsfaktor des Sektors. Sie reagieren weniger empfindlich auf internationale Krisen, geopolitische Spannungen oder steigende Flugpreise.

Deshalb soll das touristische Angebot künftig breiter werden – sowohl geografisch als auch thematisch.

Der staatliche Fahrplan für den Tourismussektor konzentriert sich nicht mehr nur auf klassische Badeorte. Gefördert werden auch Naturtourismus, regionale Gastronomie, Festivals, alternative Unterkünfte und lokale Handwerksangebote. Ziel ist es, touristische Aktivitäten stärker über das gesamte Jahr und über mehrere Regionen des Landes zu verteilen.

Dazu gehören Projekte in Nationalparks, Bergregionen und kleineren Städten abseits der traditionellen Tourismuszentren.

So investiert der Staat unter anderem rund 700 Millionen Dirham in den Nationalpark Ifrane, 390 Millionen Dirham in den Nationalpark Toubkal und knapp 270 Millionen Dirham in die Modernisierung des Bergresorts Oukaïmeden. Weitere Mittel fließen in touristische Projekte in Ouarzazate, Aït Ben Haddou oder Oulmès.

Die Preisdebatte offenbart strukturelle Probleme

Gleichzeitig wächst im Land die Kritik an steigenden Urlaubskosten während der Sommermonate. Viele Familien klagen über hohe Hotelpreise und begrenzte Angebote in der Hauptsaison.

Ministerin Ammor verteidigte die Preisentwicklung im Parlament mit Verweis auf Angebot und Nachfrage. Während der Ferienzeiten steige die Nachfrage stark an, während die Kapazitäten begrenzt blieben.

Nach Angaben des Ministeriums liegen die durchschnittlichen Hotelpreise in Marokko dennoch unter denen vieler konkurrierender Reiseziele. Eine Übernachtung in einem Drei-Sterne-Hotel koste durchschnittlich rund 500 Dirham, während vergleichbare Häuser in anderen beliebten Urlaubsländern marokkanischer Touristen bei etwa 750 Dirham lägen. Ähnliche Unterschiede zeige die Studie auch bei Hotels höherer Kategorien.

Für die Regierung liegt das eigentliche Problem deshalb weniger beim Preisniveau als beim begrenzten Angebot. Erst ein breiteres touristisches Angebot könne langfristig zu stabileren Preisen führen.

Wachstum konzentriert sich auf wenige Regionen

Die aktuellen Zahlen zeigen allerdings auch, wie ungleich sich der Tourismussektor innerhalb des Landes entwickelt.

Das Förderprogramm „Go Siyaha“ unterstützte bislang landesweit 1.792 Projekte. Der Großteil entfällt jedoch auf wirtschaftlich bereits starke Regionen. Allein Marrakesch-Safi zählt 422 Projekte, Casablanca-Settat 284 und Tanger-Tétouan-Al Hoceima 119.

Deutlich schwächer vertreten sind dagegen Regionen im Süden des Landes. In Guelmim-Oued Noun wurden bislang lediglich acht Projekte unterstützt, in Dakhla-Oued Eddahab sieben.

Ammor erklärte diese Unterschiede damit, dass die Regionen selbst Projekte einreichen müssten und die Auswahl von Qualität und Umfang der Dossiers abhänge.

Gleichzeitig versucht die Regierung, den Ausbau touristischer Infrastruktur stärker auf das Hinterland auszuweiten. Dafür wurde unter anderem eine Projektbank mit rund 900 standardisierten Tourismusprojekten aufgebaut, die regional angepasst werden können.

Trotzdem bleibt das Grundproblem bestehen: Investitionen fließen meist zuerst dorthin, wo bereits Hotels, Flughäfen und touristische Nachfrage vorhanden sind.

Zwischen Wachstum und sozialem Druck

Der Tourismussektor entwickelt sich für Marokko zunehmend zu einem zentralen wirtschaftspolitischen Feld. Das Land profitiert von seiner Nähe zu Europa, dem Ausbau der Flugverbindungen und seiner vergleichsweise stabilen Position im regionalen Umfeld.

Mit dem schnellen Wachstum steigen jedoch auch die Belastungen.

Große Hotelanlagen, Kongresszentren und neue Tourismusprojekte erhöhen den Druck auf Wasserressourcen, Verkehr und lokale Infrastruktur – besonders in ohnehin trockenen Regionen. Gleichzeitig schafft der Sektor zwar zahlreiche Arbeitsplätze, viele davon bleiben jedoch saisonal und vergleichsweise niedrig bezahlt.

Die eigentliche Herausforderung für die kommenden Jahre wird deshalb nicht allein darin bestehen, neue Besucherrekorde zu erreichen. Entscheidend dürfte vielmehr sein, ob es gelingt, das Wachstum breiter im Land zu verankern und den Tourismus für die eigene Bevölkerung bezahlbar zu halten.

Denn je stärker der Sektor wächst, desto sichtbarer wird auch die soziale Frage hinter den Rekordzahlen.

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