Trotz international beachteter Solar- und Windprojekte decken erneuerbare Energien bislang nur einen kleinen Teil des gesamten Energiebedarfs. Eine Bilanz zum Ende der fünfjährigen Regierungsperiode im Sommer 2026 zeigt die Herausforderungen, die zwischen ambitionierten Ausbauzielen und der tatsächlichen Transformation des Energiesystems bestehen.
Rabat – Wenn Marokkos Regierung im Sommer 2026 zum Ende der laufenden Legislaturperiode Bilanz zieht, greift die offizielle Kommunikation verlässlich zu einer Zahl: 46 Prozent. Ob in Regierungsberichten vor dem Parlament in Rabat oder bei Arbeitstreffen mit internationalen Partnern in Brüssel – der Verweis auf diesen Wert ist fester Bestandteil der Darstellung der bisherigen energiepolitischen Erfolge. Er soll verdeutlichen, dass das Königreich beim Ausbau erneuerbarer Energien erhebliche Fortschritte erzielt hat. Großprojekte wie der Solarkomplex Noor Ouarzazate oder die Windparks an der Atlantikküste haben dem Land internationale Anerkennung eingebracht.
Tatsächlich gehört Marokko zu den Vorreitern der Energiewende in Afrika. Internationale Institutionen wie die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank, die Europäische Union oder die deutsche KfW sowie die Golf-Monarchien unterstützen den Ausbau erneuerbarer Energien seit Jahren finanziell und technisch. Zudem verfolgt das Land ehrgeizige Pläne im Bereich des grünen Wasserstoffs und möchte sich langfristig als Energieexporteur positionieren.
Ein genauerer Blick auf die verfügbaren Daten zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Während die installierten Kapazitäten tatsächlich stark gewachsen sind, fällt der Beitrag erneuerbarer Energien zur tatsächlichen Energieversorgung des Landes deutlich geringer aus. Gleichzeitig verweisen Experten, Investoren und Branchenvertreter auf regulatorische Rahmenbedingungen, die den Übergang zu einem stärker dezentralen und weniger importabhängigen Energiesystem erschweren könnten.
Was die oft zitierten 46 Prozent tatsächlich bedeuten
Die regelmäßig genannte Marke von 46 Prozent bzw. der Zielsetzung von 52 Prozent bis zum Jahr 2030 bezieht sich auf die installierte Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien. Sie beschreibt den Anteil von Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen an der theoretisch verfügbaren Gesamtleistung des marokkanischen Stromsystems – also die maximale Leistung unter optimalen Bedingungen.
Für die tatsächliche Stromproduktion ergeben sich jedoch deutlich niedrigere Werte. Nach Angaben der Nationalen Regulierungsbehörde für Elektrizität (ANRE) sowie des marokkanischen Rechnungshofs lag der reale Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung zuletzt bei rund 26 bis 27 Prozent.
Dieser Unterschied ist technisch nachvollziehbar. Solar- und Windkraftanlagen produzieren nicht konstant Strom, sondern sind von Wetter- und Windverhältnissen abhängig. Entscheidend für die reale Versorgung eines Landes ist daher nicht allein die installierte Leistung, sondern die tatsächlich erzeugte und ins Netz eingespeiste Strommenge.
Auch das Ministerium für Energiewende räumte Ende 2025 ein, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung je nach Wetterlage zeitweise deutlich unter dem Jahresdurchschnitt liegen kann und in einzelnen Phasen Werte zwischen 12 und 20 Prozent erreicht.
Die oft zitierte Zahl von 46 Prozent ist daher nicht falsch. Sie beschreibt jedoch eine andere Kennzahl als jene, die für die tatsächliche Energieversorgung von Haushalten und Unternehmen relevant ist.
Warum erneuerbare Energien bislang nur einen kleinen Teil des Energiebedarfs decken
Noch deutlicher wird die Situation beim Blick auf den gesamten Energieverbrauch des Landes.
Elektrizität macht nach Angaben des marokkanischen Energieberaters Saïd Guemra gegenüber dem Nachrichtenmagazin Telquel lediglich rund 15 Prozent des Endenergieverbrauchs aus. Der überwiegende Teil entfällt auf Verkehr, Industrie, Wärmeversorgung und Landwirtschaft – Bereiche, die weiterhin überwiegend auf fossilen Energieträgern beruhen.
Aus dieser Perspektive ergibt sich eine andere Gewichtung der Energiewende als bei den häufig kommunizierten Ausbauzahlen.
Die folgende Berechnung erhebt keinen Anspruch auf die Genauigkeit einer vollständigen nationalen Energiebilanz. Sie verdeutlicht jedoch nachvollziehbar den Unterschied zwischen Strommix und Gesamtenergiemix. Die Rechnung basiert auf dem Endenergieverbrauch und dient als vereinfachte Näherung zur Einordnung der Größenordnungen.
Schritt 1: Rund 26 Prozent des tatsächlich erzeugten Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen.
Von 100 Kilowattstunden Strom, die in Marokko produziert werden, stammen somit etwa 26 Kilowattstunden aus Solar-, Wind- oder Wasserkraft.
Schritt 2: Strom macht lediglich rund 15 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs des Landes aus.
Die übrigen 85 Prozent entfallen auf Verkehr, industrielle Prozesse, Wärmeversorgung und andere Anwendungen.
Schritt 3: Verknüpft man beide Werte miteinander, ergibt sich folgende Rechnung:
26 % × 15 % = 3,9 %
beziehungsweise:
0,26 × 0,15 = 0,039
Gerundet bedeutet dies, dass erneuerbare Energien derzeit nur etwa vier (4) Prozent des gesamten marokkanischen Energiebedarfs decken.
Die Rechnung zeigt nicht, dass die Investitionen in Solar- und Windenergie wirkungslos wären. Sie verdeutlicht vielmehr, dass die Energiewende bislang vor allem im Stromsektor stattfindet, während die größten Energieverbraucher der Volkswirtschaft weiterhin überwiegend fossil betrieben werden.
Die Bedeutung fossiler Energieträger zeigt sich auch im Alltag vieler Marokkaner. Elektrisch betriebene Verkehrssysteme (ohne das Eisenbahnnetz der ONCF) beschränken sich bislang weitgehend auf die Straßenbahnnetze in Rabat-Salé und Casablanca. Der Großteil des öffentlichen Nahverkehrs sowie der Taxi- und Fernverkehrsflotten wird weiterhin mit Diesel oder Benzin betrieben. Auch in privaten Haushalten dominiert vielerorts Butangas, das zum Kochen, für die Warmwasserbereitung und teilweise zum Heizen genutzt wird. In ländlichen Regionen spielen zudem traditionelle Brennstoffe wie Holz weiterhin eine Rolle. Elektrizität deckt zwar einen wachsenden Anteil des Energiebedarfs, bleibt jedoch nur ein Teil des gesamten Verbrauchs.
Ein Vorreiter beim Ausbau – mit begrenzter Wirkung im Gesamtsystem
Die vergleichsweise kritische Einordnung bedeutet nicht, dass Marokko bei der Energiewende gescheitert wäre. Im Gegenteil: Das Land verfügt heute über einige der größten Solar- und Windkraftprojekte Afrikas und hat sich als wichtiger Standort für erneuerbare Energien auf dem Kontinent etabliert.
Die eigentliche Herausforderung liegt inzwischen weniger im Bau weiterer Großanlagen als vielmehr in der Frage, wie sich erneuerbare Energien stärker in den Alltag von Industrie, Verkehr und Haushalten integrieren lassen.
Denn solange große Teile des Energieverbrauchs außerhalb des Stromsektors stattfinden, bleibt die Wirkung der Energiewende auf den gesamten Energiemix begrenzt.
Die anhaltende Importabhängigkeit
Diese Struktur spiegelt sich auch in der Außenhandelsbilanz wider.
Kohle, Erdölprodukte und Butangas spielen weiterhin eine zentrale Rolle bei der Versorgung der Volkswirtschaft. Nach offiziellen Angaben liegt die energetische Importabhängigkeit Marokkos weiterhin bei rund 87 Prozent.
Allein für den Import fossiler Energieträger wurden im Jahr 2025 rund 107 Milliarden marokkanische Dirham (MAD) aufgewendet. Damit zählt Energie weiterhin zu den größten Belastungsfaktoren der Handelsbilanz.
Die Verringerung dieser Abhängigkeit gehört seit Jahren zu den wichtigsten strategischen Zielen der marokkanischen Energiepolitik – nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch zur Verbesserung der Versorgungssicherheit und der wirtschaftlichen Resilienz des Landes.
Die politische Ökonomie der Energiewende
Dass der Umbau des Energiesystems abseits der großen staatlichen Vorzeigeprojekte langsamer voranschreitet, erklären Beobachter zunehmend mit den institutionellen und wirtschaftlichen Strukturen des Sektors.
Im Zentrum der Debatte stehen zwei unterschiedliche Entwicklungsmodelle. Auf der einen Seite stehen Befürworter einer stärkeren Marktöffnung, die Unternehmen und Haushalten einen breiteren Zugang zu Eigenstromerzeugung, Batteriespeichern und dezentralen Energielösungen ermöglichen wollen. Auf der anderen Seite steht das traditionell zentralisierte Energiesystem, das auf großen Kraftwerken, staatlicher Netzsteuerung und langfristigen Infrastrukturinvestitionen basiert.
Da erhebliche Teile der marokkanischen Energiewirtschaft historisch auf diesem Modell beruhen, führen Reformen zugunsten dezentraler Lösungen zwangsläufig zu Zielkonflikten zwischen unterschiedlichen Marktakteuren.
Kritiker argumentieren, dass bestimmte regulatorische Regelungen neben dem Schutz der finanziellen Stabilität öffentlich-rechtlicher bzw. öffentlich dominierter Versorger zugleich bestehende Marktstrukturen absichern. Regierungsstellen und Regulierungsbehörden verweisen dagegen auf die Notwendigkeit, Netzstabilität, Versorgungssicherheit und die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Stromsystems zu gewährleisten.
Regulatorische Hürden und offene Reformfragen
Der Reformstau der vergangenen Jahre zeigt sich besonders in drei strategischen Bereichen: der Erdgasinfrastruktur, der Eigenstromerzeugung und der Elektromobilität.
Die Debatte um Erdgas
Erdgas wird von vielen Energieplanern als Übergangstechnologie betrachtet, um die Schwankungen erneuerbarer Energien auszugleichen und den Einsatz von Schweröl und Kohle schrittweise zu reduzieren.
Im März 2024 wurde eine neue nationale Gas-Roadmap verabschiedet. Nach der Ausschreibung eines LNG-Terminals im Hafen Nador West Med Ende 2025 erhielt das Projekt zunächst politische Unterstützung auf höchster Ebene. Die Umsetzung verzögerte sich jedoch aufgrund offener Finanzierungs-, Regulierungs- und Haushaltsfragen.
Die strategische Bedeutung von Erdgas zeigt sich allerdings nicht nur bei der Diskussion über LNG-Terminals. Parallel dazu beteiligt sich Marokko seit Jahren am geplanten Nigeria-Marokko-Gaspipelineprojekt, das Erdgas entlang der westafrikanischen Atlantikküste nach Marokko und perspektivisch bis nach Europa transportieren soll. Das Investitionsvolumen des Vorhabens wird auf rund 25 Milliarden US-Dollar geschätzt und macht es zu einem der größten Infrastrukturprojekte des afrikanischen Kontinents.
Unabhängig davon, wann oder in welchem Umfang dieses Projekt tatsächlich umgesetzt wird, verdeutlicht es die Rolle, die Erdgas weiterhin in den langfristigen Energieplanungen des Königreichs spielt. Die marokkanische Energiewende wird von vielen Planern nicht als unmittelbarer Ersatz fossiler Energieträger verstanden, sondern als schrittweiser Übergang, bei dem Erdgas eine Brückenfunktion zwischen Kohle und erneuerbaren Energien übernehmen soll.
Eigenstromerzeugung zwischen Öffnung und Kontrolle
Ähnlich kontrovers wird die sogenannte Autoproduktion diskutiert.
Mit dem Dekret vom März 2026 schuf die Regierung erstmals einen umfassenden Rechtsrahmen für die Eigenstromerzeugung durch Unternehmen und Privatpersonen. Wirtschaftsverbände kritisieren jedoch insbesondere die Begrenzung der Einspeisemöglichkeiten sowie die von der ANRE festgelegten Vergütungssätze für überschüssigen Strom.
Private Erzeuger dürfen maximal 20 Prozent ihrer Jahresproduktion in das öffentliche Netz einspeisen. Zudem liegen die Vergütungssätze deutlich unter den Endverbraucherpreisen.
Nach Einschätzung der Denkfabrik Imal Initiative for Climate and Development verfügt Marokko über erhebliche Potenziale für Solaranlagen auf Dächern von Unternehmen und Privathaushalten. Befürworter einer stärkeren Marktöffnung sehen darin eine Möglichkeit, die Energiewende zu beschleunigen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu stärken.
Die zuständigen Institutionen betonen dagegen die Notwendigkeit, Netzstabilität und die finanzielle Tragfähigkeit des Systems sicherzustellen.
Das Nadelöhr im Verkehrssektor
Besonders deutlich wird die Herausforderung im Verkehrsbereich.
Der Straßenverkehr gehört zu den größten Verbrauchern fossiler Energieträger und verursachte im Jahr 2025 Importkosten von rund 84 Milliarden MAD. Damit entscheidet sich ein erheblicher Teil der marokkanischen Energieabhängigkeit nicht in Kraftwerken, sondern auf den Straßen des Landes.
Während Marokko Elektrofahrzeuge und Fahrzeugkomponenten erfolgreich für internationale Märkte produziert, entwickelt sich die heimische Ladeinfrastruktur bislang vergleichsweise langsam. Zuletzt verfügte das Land nach Medienberichten über rund 600 öffentliche Ladepunkte – deutlich weniger als europäische Vergleichsländer wie Spanien oder Portugal.
Branchenvertreter führen dies unter anderem auf regulatorische Unsicherheiten zurück. Das bestehende Energierecht sieht beim Verkauf von Elektrizität weiterhin eine starke Rolle staatlicher und lizenzierter Betreiber vor, was neue Geschäftsmodelle im Bereich der Elektromobilität erschweren kann.
Aus energiepolitischer Sicht geht es dabei um mehr als nur Klimaschutz. Solange der Verkehr überwiegend mit importierten Kraftstoffen betrieben wird, bleibt auch die nationale Energieabhängigkeit hoch. Viele Energieexperten betrachten die Elektrifizierung des Verkehrs deshalb als einen der wichtigsten Hebel, um sowohl die Emissionen als auch die Importkosten langfristig zu senken.
Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit
Die energiepolitischen Entscheidungen gewinnen zusätzlich an Bedeutung, weil wichtige Exportbranchen des Landes zunehmend von internationalen Klimavorgaben betroffen sind.
Mit dem europäischen CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) werden Emissionen entlang internationaler Lieferketten künftig stärker berücksichtigt. Für exportorientierte Branchen wie die Automobilindustrie, Metallverarbeitung oder Chemie könnte der Zugang zu kostengünstigem erneuerbarem Strom zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor werden.
Mehrere Wirtschaftsexperten warnen daher, dass Verzögerungen bei der Dekarbonisierung von Industrie und Verkehr langfristig Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit marokkanischer Unternehmen haben könnten.
Zwischen ambitionierten Zielen und strukturellen Reformen
Marokko hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien erzielt und sich als regionaler Vorreiter positioniert. Die Investitionen in Solar- und Windkraft haben die Grundlagen für eine langfristige Transformation des Energiesystems geschaffen.
Die aktuellen Debatten, nur wenige Monate vor den Parlamentswahlen, zeigen jedoch, dass der Erfolg der Energiewende künftig weniger vom Bau weiterer Großanlagen abhängen dürfte als von der Fähigkeit, erneuerbare Energien in jene Bereiche zu integrieren, die den größten Teil des Energieverbrauchs ausmachen – insbesondere Verkehr, Industrie und Wärmeversorgung.
Die zentrale Frage der kommenden Jahre wird daher nicht allein sein, wie viele neue Megawatt installiert werden. Entscheidend dürfte sein, ob es gelingt, die regulatorischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass erneuerbare Energien einen deutlich größeren Anteil am tatsächlichen Energieverbrauch des Landes übernehmen können. Nur dann wird sich der sichtbare Ausbau der vergangenen Jahre auch in einer spürbaren Verringerung der fossilen Importabhängigkeit niederschlagen.

