Mit der Grundsteinlegung für den algerischen Abschnitt der Transsahara-Gaspipeline (TSGP) schafft Algier erstmals sichtbare Fakten auf eigenem Staatsgebiet. Das marokkanische Gegenprojekt entlang der Atlantikküste gerät damit stärker unter Erwartungsdruck, während Hauptlieferant Nigeria weiterhin beide Vorhaben parallel unterstützt.
Algier – In der südalgerischen Provinz Adrar hat das kontinentale Ringen um die künftigen Gasexporte Westafrikas eine neue Wendung genommen. In der Ortschaft Aoulef wurde am vergangenen Donnerstag (4. Juni 2026) die Grundsteinlegung für den algerischen Abschnitt der Transsahara-Gaspipeline (TSGP) vollzogen. Bei der Zeremonie kamen, laut algerischer Medien, der algerische Staatsminister für Kohlenwasserstoffe, Mohamed Arkab, der nigerianische Staatsminister für Erdölressourcen, Ekperikpe Ekpo, sowie der nigrische Erdölminister Hamadou Tini zusammen, um den Übergang des Projekts von der jahrzehntelangen Planungsphase in erste Umsetzungsmaßnahmen zu demonstrieren.
Auch Vertreter der beteiligten Staatsunternehmen Sonatrach, NNPC und Sonidep nahmen an der Veranstaltung teil. Die Grundsteinlegung erfolgte unmittelbar nach dem fünften Treffen des ministeriellen Lenkungsausschusses in Algier. Dort genehmigten die drei Staaten den aktualisierten Abschlussbericht der Machbarkeitsstudie des britischen Ingenieurbüros Penspen und beschlossen die Einleitung weiterer Umsetzungsschritte.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass konkrete Fortschritte zunächst ausschließlich auf algerischem Staatsgebiet sichtbar werden. Während für die Abschnitte in Niger und Nigeria bislang vor allem politische Absichtserklärungen und Planungsbeschlüsse vorliegen, beginnt Algerien mit ersten Arbeiten innerhalb seiner eigenen Grenzen.
Algeriens Infrastrukturstrategie und das Ahnet-Becken
Dass Algerien beim eigenen Teilstück vorangeht, folgt einer nachvollziehbaren strategischen Logik. Der algerische Abschnitt macht mit rund 2.310 Kilometern den größten Teil der insgesamt etwa 4.128 Kilometer langen Trasse aus. Weitere 1.037 Kilometer würden durch Nigeria und 841 Kilometer durch Niger verlaufen.
Nach Angaben von Sonatrach orientiert sich die Trasse auf algerischem Gebiet weitgehend am Korridor der bestehenden Transsahara-Autobahn zwischen der Grenze zu Niger und dem nationalen Gasverteilzentrum Hassi R’Mel. Die Nutzung bestehender Verkehrs- und Energiekorridore soll logistische und technische Synergien ermöglichen.
Für Algerien besitzt der Ausbau dieses Abschnitts potenziell einen eigenständigen Nutzen – selbst dann, wenn die vollständige Verbindung mit Nigeria nicht zeitnah realisiert werden sollte. Das Ministerium für Kohlenwasserstoffe verweist darauf, dass die neue Infrastruktur künftig auch zusätzliche Mengen aus eigenen Fördergebieten aufnehmen könnte. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Ahnet-Becken, das als eines der vielversprechenden Entwicklungsgebiete des Landes gilt.
Aus algerischer Sicht entsteht damit eine Infrastruktur, die sowohl dem nationalen Gasnetz als auch dem internationalen Export dienen kann. Sollte das Gesamtprojekt aufgrund politischer Instabilität im Niger oder aufgrund von Finanzierungsproblemen verzögert werden, könnte Algerien dennoch von einer verbesserten Anbindung eigener Förderregionen profitieren.
Diese Überlegungen gewinnen zusätzlich an Bedeutung, weil der algerische Inlandsverbrauch seit Jahren steigt. Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und ein stark subventionierter Energiesektor erhöhen die heimische Nachfrage kontinuierlich. Um bestehende Exportverpflichtungen langfristig aufrechterhalten zu können, muss Algerien entweder neue eigene Förderquellen erschließen oder perspektivisch zusätzliche Gasmengen aus Nigeria erhalten.
Marokkos struktureller Importbedarf
Anders stellt sich die Lage für den regionalen Rivalen Marokko dar. Während Algerien seine Rolle als etablierter Gasexporteur sichern möchte, steht Rabat vor einer grundlegend anderen Herausforderung: Das Königreich verfügt nur über begrenzte eigene fossile Energieressourcen und ist in hohem Maße auf Importe angewiesen.
Über Jahrzehnte bezog Marokko Erdgas indirekt über die Maghreb-Europa-Pipeline (GME), die algerisches Gas über marokkanisches Staatsgebiet nach Spanien transportierte. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Algerien im Jahr 2021 wurde dieser Transport eingestellt. Seitdem musste Marokko seine Gasversorgung neu organisieren und importiert heute Gas teilweise über Spanien im umgekehrten Fluss der ehemaligen Transitroute.
Vor diesem Hintergrund besitzt die Nigeria-Marokko-Gaspipeline (NMGP) für Rabat eine weit größere strategische Bedeutung als lediglich die Erschließung neuer Energiequellen. Das Projekt soll langfristig die Versorgungssicherheit stärken und Marokko zugleich als Energiedrehscheibe zwischen Westafrika und Europa positionieren.
Der Projektvergleich: Wüstenroute gegen Atlantikroute
Beide Vorhaben verfolgen unterschiedliche geografische und technische Ansätze, was sich auch in den kalkulierten Rahmenbedingungen widerspiegelt:
| Merkmal | TSGP (Wüstenroute) | NMGP (Atlantikroute) |
| Hauptsponsor | Algerien | Marokko |
| Länge | ca. 4.128 km | ca. 5.600–6.000 km |
| Geschätzte Kosten* | ca. 13 Mrd. USD | ca. 25 Mrd. USD |
| Verlauf | Überland (Onshore) durch 3 Staaten | Hybridlösung, überwiegend Offshore entlang von 13 Staaten |
| Hauptvorteil | Kürzere Strecke, bestehende Netzanbindung | Umgehung der instabilen Sahelzone |
| Hauptrisiko | Sicherheitslage im Niger | Enorme Kosten und technische Komplexität |
*Schätzungen variieren je nach Studie und Planungsstand.
Der wichtigste strategische Vorteil der marokkanischen Route liegt in der Umgehung der politisch instabilen Sahelregion. Die überwiegend auf dem Meeresboden verlaufende Trasse reduziert potenzielle Sicherheitsrisiken durch bewaffnete Gruppen.
Zugleich bindet das Projekt zahlreiche westafrikanische Küstenstaaten ein. Ein Teil des transportierten Gases soll in den beteiligten Ländern verbleiben, um dort die Energieversorgung zu verbessern. Diese regionale Dimension hat dem Vorhaben politische Unterstützung innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS eingebracht.
Nigeria bleibt der entscheidende Faktor
Im Zentrum beider Projekte steht Nigeria. Das Land verfügt über die größten bekannten Erdgasreserven Afrikas und wäre in beiden Fällen der zentrale Lieferant.
Gleichzeitig verfolgt Abuja bislang eine bemerkenswert offene Strategie. Während nigerianische Regierungsvertreter die TSGP unterstützen und an entsprechenden Treffen in Algier teilnehmen, werden parallel die Verhandlungen mit Marokko vorangetrieben. Zuletzt vereinbarten Nigeria und Marokko, bis zum vierten Quartal 2026 ein endgültiges Regierungsabkommen für die NMGP anzustreben.
Für Nigeria schafft diese Doppelstrategie Verhandlungsspielraum. Sie ermöglicht es, sowohl gegenüber Algerien als auch gegenüber Marokko günstige wirtschaftliche und politische Bedingungen auszuhandeln.
Ob Nigeria jedoch langfristig ausreichende Exportmengen bereitstellen kann, bleibt eine offene Frage. Der Energiesektor des Landes leidet weiterhin unter chronischen Infrastrukturproblemen, Unterinvestitionen, Diebstahl und Sabotage im Nigerdelta sowie erheblichen Verlusten durch Gasfackelung (Gas Flaring). Trotz seiner enormen Reserven hat Nigeria bis heute Schwierigkeiten, die heimische Stromversorgung zuverlässig sicherzustellen. Viele Beobachter bezweifeln daher, dass das Land mittelfristig ausreichend Kapazitäten aufbauen kann, um gleichzeitig mehrere Exportkorridore voll auszulasten.
Europas vorsichtige Beobachterrolle
Für die Europäische Union bleibt die Entwicklung beider Projekte von erhemlichem Interesse. Im Zuge ihrer Bemühungen, die Abhängigkeit von russischen Pipelineimporten weiter zu reduzieren, sucht Europa nach langfristigen Alternativen. Die TSGP hätte den Vorteil, direkt an die bestehenden Exportverbindungen Medgaz nach Spanien und Transmed nach Italien angeschlossen werden zu können.
Eine direkte Beteiligung europäischer Institutionen an den risikoreichsten Projektabschnitten zeichnet sich derzeit jedoch nicht ab. Insbesondere seit dem Militärputsch im Niger sind zahlreiche Finanzierungsprogramme ausgesetzt oder eingeschränkt. Europa vermeidet bislang eine direkte finanzielle Beteiligung an den politisch sensibelsten Abschnitten und konzentriert sich vorerst auf die Rolle eines potenziellen zukünftigen Abnehmers.
Zugleich stehen beide Projekte vor einer klimapolitischen Herausforderung. Die Investition hoher Milliardenbeträge in neue fossile Infrastruktur muss mit den langfristigen Dekarbonisierungszielen vieler europäischer Staaten vereinbar gemacht werden.
Symbolischer Vorsprung, aber viele offene Fragen
Mit der Grundsteinlegung und dem Beginn erster Arbeiten auf eigenem Staatsgebiet hat Algerien seinem Pipelineprojekt erstmals sichtbare Dynamik verliehen. Dies erhöht den politischen Erwartungsdruck auf Marokko, beim konkurrierenden Atlantik-Korridor ebenfalls weitere konkrete Umsetzungsschritte vorzuweisen.
Ob daraus tatsächlich ein entscheidender Vorsprung entsteht, hängt jedoch weniger von Algier oder Rabat ab als von den Entwicklungen in Nigeria und Niger. Solange Nigerias Infrastrukturprobleme ungelöst bleiben und die Sicherheitslage in Teilen der Sahelregion fragil ist, bleiben beide Pipelinevorhaben ambitionierte Großprojekte mit erheblichen politischen, finanziellen und technischen Unsicherheiten. Der Wettlauf um die künftige Gasroute Westafrikas ist damit zwar in eine neue Phase eingetreten – entschieden ist er jedoch noch lange nicht.
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