Bildungsminister Mohamed Saad Berrada hat die katastrophale Lage des staatlichen Schulwesens kritisiert. Er räumte ein, dass beim Übergang in die Sekundarstufe bis zu 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht über ausreichende Lese- oder Rechenkompetenzen verfügen.
Casablanca – Mohamed Saad Berrada, Minister für Nationale Bildung, Vorschulbildung und Sport, zeichnete am vergangenen Freitag im Rahmen der „Industry Meeting Days“ in Casablanca ein kritisches Bild der vergangenen Jahre. Wie das marokkanische Nachrichtenportal h24info berichtet, führte der Minister aus, dass im Jahr 2019 rund 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler beim Übergang in die Sekundarstufe weder über ausreichende Lese- noch über Rechenkompetenzen verfügten. Zudem mangele es an grundlegenden Sprachkenntnissen in Französisch, was den Zugang zu naturwissenschaftlichen Unterrichtsinhalten erheblich erschwere.
Fehlende „Soft Skills“ im Berufsleben
Neben den rein akademischen Defiziten thematisierte Berrada laut h24info Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Aus seiner Erfahrung im Industriesektor berichtete der Minister, dass es vielen Absolventen trotz theoretischer Fachkenntnisse an notwendigen beruflichen Schlüsselqualifikationen fehle. Er nannte hierbei insbesondere Disziplin und Genauigkeit, ethisches Verantwortungsbewusstsein, Engagement und Teamfähigkeit. Diese Defizite führt der Minister direkt auf die mangelnde Vorbereitung durch das staatliche Schulsystem zurück.
Langfristige Reformagenda
Diese Bestandsaufnahme ordnet Berrada in seine „Roadmap 2022-2026“ ein, die er bereits seit längerem, unter anderem in einem Interview mit TelQuel im September 2025, als zentrales Instrument für den „Wiederaufbau der öffentlichen Schule“ skizziert hat. Als Kernmaßnahmen verfolgt das Ministerium weiterhin die flächendeckende Einführung der sogenannten „Pionierschulen“ (écoles pionnières) sowie eine verstärkte Vorschulbildung, um die hohe Schulabbrecherquote – die zwischen 2019 und 2021 massiv angestiegen war – strukturell zu senken.
Darüber hinaus bekräftigte der Minister seinen Kurs bei den diesjährigen Baccalauréat-Prüfungen. Die Einführung strengerer Kontrollmaßnahmen gegen Betrugsversuche sei notwendig gewesen, um die Glaubwürdigkeit nationaler Bildungsabschlüsse wiederherzustellen, die durch den Einsatz technisierter Betrugsmethoden zunehmend erodiert war.
Herausforderung für die Umsetzung
Die Aussagen des Ministers unterstreichen den anhaltenden Druck, unter dem die Regierung steht, um den Anforderungen der Wirtschaft gerecht zu werden und die Jugendarbeitslosigkeit durch eine qualifiziertere Ausbildung zu bekämpfen. Berrada betonte erneut die Notwendigkeit dieses langfristig angelegten Transformationsprozesses. Ob die Maßnahmen ausreichen, um die Lücke zwischen dem Ausbildungsstand der Absolventen und den Qualifikationsanforderungen internationaler Investoren zeitnah zu schließen, bleibt eine der zentralen Herausforderungen für das Ministerium in den kommenden Jahren.

