Berlin und Rabat vereinbaren ein umfangreiches Finanzierungs- u. Kooperationsprogramm für 2026/2027 und untermauern Marokkos Status als Wirtschaftspartner im Angesicht globaler Herausforderungen.
Berlin – Die Beziehungen zwischen dem Königreich Marokko und Deutschland erleben eine neue Hochphase, die sich durch intensive Zusammenarbeit und ein hohes Investitionsvolumen auszeichnet. Bei der 51. Sitzung der marokkanisch-deutschen Regierungsverhandlungen in Berlin wurde kürzlich ein neues Kooperationsprogramm verabschiedet, dessen Umfang sich auf 630 Millionen Euro für den Zeitraum 2026 bis 2027 beläuft.
Wandel vom Entwicklungspartner zum strategischen Pfeiler
Diese auf dem ersten Blick hohe finanzielle Zusage und die Ausrichtung der Zusammenarbeit könnten einen tiefgreifenden Wandel widerspiegeln, der Marokko zunehmend als strategischen Pfeiler für Deutschland und Europa positioniert. Wie Christoph Rau, Direktor für afrikanische Angelegenheiten im deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), in der arabischsprachigen Zeitung 24saa betonte, stehe die Partnerschaft nun unter der Maxime eines „Win-Win“-Prinzips. Er hob den „Sonderstatus“ Marokkos hervor und lobte die Fähigkeit des Königreichs, die zugesagten Projekte erfolgreich umzusetzen, was er als „marokkanische Erfolgsgeschichte“ bezeichnete.
Die marokkanische Delegation, unter der Leitung von Redouane Dghoughi, Direktor für europäische Angelegenheiten im Außenministerium, bestätigte dies und bezeichnete die Zusammenarbeit als „Vorbildmodell“. Sie ziehe ihre Stärke aus der Umsetzung von Strukturprojekten, die über reine Entwicklungshilfe hinausgehen.
Gemeinsame Interessen: Energie, Wasser und Infrastruktur
Die Themen, auf die sich die Partner im Rahmen der Verhandlungen einigten, fokussieren auf Marokkos Modernisierungsagenda und gleichzeitig auf Europas geopolitische Interessen.
Schwerpunkte der 630-Millionen-Euro-Finanzierungszusage sind:
- Erneuerbare Energien und insbesondere der Aufbau von Kapazitäten für grünen Wasserstoff, wo Marokko laut Rau ein „angesehener Partner“ ist.
- Infrastruktur und urbane Mobilität.
- Wassermanagement und Umweltbereiche.
- Soziale Fragen und die Unterstützung des Privatsektors.
Die Unterzeichnung des Programms manifestiert das gemeinsame Bestreben, die bilateralen Beziehungen weiter zu intensivieren.
Zwischen strategischem Bedarf und traditionellem Denken
Trotz der beachtlichen Zusage des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) von 630 Millionen Euro, werfen Beobachter einen kritischen Blick auf die gesamte deutsche Präsenz im Königreich. Angesichts der strategischen Bedeutung Marokkos für die europäische Energiesicherheit (Stichwort: grüner Wasserstoff) und der geopolitischen Rolle in Nordafrika, wirken die Summen im Vergleich zu den echten Milliardeninvestitionen anderer europäischer Länder, etwa Frankreichs, oder den direkten Engagements globaler Großunternehmen oft noch bescheiden.
Die aktuelle Zusage sind Mittel der Entwicklungszusammenarbeit und spiegeln damit weiterhin einen Fokus auf die Schaffung von Rahmenbedingungen (wie Ausbildung und Infrastruktur) wider, anstatt massive Direktinvestitionen (DI) deutscher Unternehmen im gewerblichen Sektor.
Experten verweisen darauf, dass die deutsche Automobilindustrie – anders als etwa französische Konzerne, die seit Langem Fahrzeuge in Marokko fertigen – in der Produktion günstiger Fahrzeuge weiterhin kaum präsent ist. Dies wird als Indiz dafür gewertet, dass der deutsche Ansatz oft noch von einem traditionellen und auch risikoscheuen Denken geleitet wird, das Marokko vorrangig als Standort für Entwicklungszusammenarbeit statt als integralen Bestandteil der europäischen Wertschöpfungsketten betrachtet. Deutschland neugt dazu, eher Kredite oder Finanzierungsrahmen über die KfW oder das BMZ an Marokko zu vergeben und kaum eigene strategische Investitionen anzuregen bzw. deutsche Unternehmen dazu zu motivieren. Mit der Kreditvergabe glaubt man in Deutschland zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Das Risiko bei einem finanzierten Projekt, bzgl. des Erfolges, liegt zunächst beim Kreditnehmer, ist das Projekt erfolgreich steht man als positiver Förderer da, der dann auch einen Fuß in der Tür hat, um vom Projekterfolg zu profitieren. Geht das Projekt schief, geht kaum Geld verloren, weil der marokkanische Staat haftet und zahlen wird, entweder im Rahmen seien Staatsverschuldung oder durch politische Fügsamkeit. Das negative an dieser Strategie ist, dass man schnell von anderen Akteuren, z.B. Japan, USA, China, Frankreich oder Spanien, überholt wird. Deutschland muss aber schnelle erkennen, dass man für die Generierung von Pioniergewinnen auch ein echtes Risiko eingehen muss und eines ist auch schnell klar, billiger wird der Markteintritt mit der Zeit sicherlich nicht.
Dies gilt vor allem für den Energiesektor. Die Diskrepanz zwischen dem hohen Bedarf Deutschlands an grünem Wasserstoff und dem Ausbau der Lieferketten einerseits und den eher zögerlichen kommerziellen Investitionen andererseits ist auffällig. Erst die parallel laufenden, aber separat budgetierten Programme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) für grünen Wasserstoff zeigen das tatsächliche strategische Interesse Deutschlands. Die 630 Millionen Euro können somit primär als politisches Signal verstanden werden, um die Beziehungen nach der zeitweisen politischen Eiszeit wieder zu normalisieren und den Boden für künftige, dringend benötigte, private deutsche Direktinvestitionen zu bereiten.
Vertrauensmechanismus in geopolitischer Neuausrichtung
Die Intensität der Zusammenarbeit ist vor dem Hintergrund einer geopolitischen Neuausrichtung in der euro-mediterranen Region zu sehen. Laut Dghoughi dient der vielschichtige strategische Dialog als Mechanismus des Vertrauens und die Zusammenarbeit beider Länder als Vorbild für die gesamte Region. Die kontinuierliche deutsche Investitionsbereitschaft unterstreicht Marokkos wachsende Bedeutung als stabilisierender und modernisierungswilliger Akteur am afrikanischen Kontinent.
Marokko – Vom Entwicklungspartner zum strategischen Pfeiler Deutschlands und Europas

