Mit dem Abbau einer der weltweit größten Eisenerzvorkommen und dem Abschluss einer 950 Kilometer langen Bahnlinie verfolgt Algerien eine ambitionierte Strategie der Rohstoffverwertung, Infrastrukturentwicklung und geopolitischen Positionierung – nicht ohne mögliche internationale Spannungen.
Algier – Mit dem Projekt Gara Djebilet setzt Algerien gezielt auf den Ausbau seines bislang wenig genutzten Rohstoffpotenzials. Die bereits 1952 entdeckte Lagerstätte nahe der mauretanischen Grenze umfasst rund 3,5 Milliarden Tonnen Eisenerz auf einer Fläche von 131 Quadratkilometern. Lange galt der Abbau als unrentabel – unter anderem wegen des hohen Phosphorgehalts im Erz, der schwierigen Erreichbarkeit und geopolitischer Spannungen. Nun erfährt das Projekt durch internationale Kooperationen und neue technologische Verfahren eine wirtschaftliche Renaissance.
Der Abbau begann 2022, nachdem chinesisch-algerische Labore ein Verfahren zur Entphosphorisierung entwickelt hatten. Mit zunächst drei Millionen Tonnen jährlich soll die Produktion bis 2026 auf bis zu 50 Millionen Tonnen pro Jahr steigen.
Infrastruktur im Fokus: Bahnlinie Tindouf–Béchar–Oran
Herzstück der logistischen Erschließung ist die 950 Kilometer lange Eisenbahnlinie von der Mine über Tindouf und Béchar bis zur Hafenstadt Oran. Am 6. Juli 2025 wurde der letzte Streckenabschnitt bei Tindouf fertiggestellt. Künftig sollen täglich zehn Güterzüge mit je 70 Waggons und vier Personenzüge die Region bedienen.
Die Strecke ist dabei mehr als nur ein Transportmittel. Laut dem algerischen Ökonomen Brahim Guendouzi (TSA, 7. Juli 2025) ist sie ein „strategischer Hebel für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung“, insbesondere in Regionen, die bislang abseits nationaler Investitionen lagen.
Industriepolitik – Von der Mine zum Stahlstandort
Neben dem Erzabbau steht die Verarbeitung vor Ort im Zentrum der Strategie. In Béchar entsteht derzeit ein neues Stahlwerk im Wert von einer Milliarde US-Dollar – erneut in Kooperation mit China. Es soll unter anderem Schienen und andere Infrastrukturkomponenten für Algerien produzieren, aber auch Erze für den Export aufbereiten. Die Maßnahme soll die Importabhängigkeit verringern, Arbeitsplätze schaffen und die algerische Stahlproduktion international wettbewerbsfähig machen.
Die Entwicklung ist Teil eines umfassenden Plans zur wirtschaftlichen Diversifizierung, der neben dem Bergbau auch die Landwirtschaft im Süden des Landes gezielt ausbauen soll – unterstützt durch staatliche und private Investitionen.
Internationale Dimensionen und diplomatische Spannungen
Das Projekt hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch geopolitische Auswirkungen. Bereits 1972 unterzeichneten Algerien und Marokko ein Abkommen zur gemeinsamen Erschließung von Gara Djebilet – im Geiste eines angestrebten Maghreb-Markts. Doch nach der marokkanischen Besetzung der Westsahara 1975 wurde die Kooperation ausgesetzt.
Nun könnte Marokko versuchen rechtliche Schritte gegen Algerien einzuleiten, da der Vertrag offiziell 60 Jahre lang gelten sollte. Das könnte zu neuen Spannungen zwischen den Nachbarstaaten führen – auch im Kontext der zunehmend konkurrierenden wirtschaftlichen Interessen in Nordwestafrika.
China als strategischer Partner
Eine konstante Größe bleibt China, das bereits 2017 als Technologie- und Investitionspartner gewonnen wurde. Die Volksrepublik finanzierte wesentliche Teile der Infrastruktur, stellte Technologien zur Erzveredelung bereit und sichert sich im Gegenzug Zugriff auf algerische Rohstoffe zur Diversifizierung ihrer eigenen Lieferketten.
Die Partnerschaft ist politisch tief verwurzelt: China war einer der ersten Staaten, die die algerische Unabhängigkeitsbewegung unterstützten, und pflegt seither enge diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen.

