Nach langem diplomatischem Zögern leitet Emmanuel Macron eine Wende in den Beziehungen zu Algerien ein. Paris setzt Visaerleichterungen aus, verweist auf mangelnde Kooperation – und sucht Rückhalt bei europäischen Partnern. Algeriens Reaktion bleibt bisher aus.
Paris – Frankreich vollzieht einen außenpolitischen Richtungswechsel gegenüber Algerien. Präsident Emmanuel Macron kündigte in einem Schreiben an Premierminister François Bayrou mehrere konkrete Maßnahmen an, um auf die seiner Ansicht nach „wachsenden Schwierigkeiten“ mit dem algerischen Regime zu reagieren. Der Brief, der am 6. August in der Tageszeitung Le Figaro veröffentlicht wurde, markiert einen klaren Bruch mit dem bisher vorsichtigen diplomatischen Kurs Macrons.
„Die algerischen Behörden haben sich bewusst dafür entschieden, unsere wiederholten Appelle zur Zusammenarbeit zu ignorieren“, heißt es in dem Schreiben. Paris habe daher „keine andere Wahl“, als mit „größerer Festigkeit und Entschlossenheit“ zu handeln – eine Wortwahl, die von mehreren Kommentatoren als Wendepunkt in den bilateralen Beziehungen interpretiert wird.
Visa, Rückführungen, Zusammenarbeit: Frankreichs Maßnahmen im Überblick
Im Zentrum der französischen Maßnahmen steht die formelle Aussetzung des Abkommens von 2013, das algerischen Diplomaten und Inhabern von Dienstpässen die Visumbefreiung für Reisen nach Frankreich gewährte. Diese Entscheidung war zunächst de facto bereits umgesetzt, wird nun aber offiziell bestätigt.
Zusätzlich ordnet Macron an:
- Systematische Ablehnung von Kurzaufenthaltsvisa für Inhaber algerischer Dienstpässe,
- Aktivierung des nationalen Visa-Rückübernahme-Mechanismus gemäß Artikel 47 des neuen Einwanderungsgesetzes (CIAI),
- Verstärkte Ausweisung von als gefährlich eingestuften algerischen Staatsbürgern,
- Koordination mit Schengen-Partnern, um Umgehungsversuche der neuen Visa-Regeln zu verhindern.
Laut einem Bericht des marokkanischen Nachrichtenportals Le360.ma wird das französische Innenministerium aufgefordert, mit EU-Partnern eine einheitliche Linie zu finden – eine mögliche Anspielung auf Italien, das kürzlich bilaterale Abkommen mit Algerien unterzeichnet hatte. Frankreich will offenbar vermeiden, dass andere Mitgliedstaaten zur offenen Flanke für Algerien werden.
Ein angespanntes Verhältnis mit langem Vorlauf
Die Spannungen zwischen Paris und Algier sind nicht neu, haben sich aber in den letzten Monaten deutlich zugespitzt. Als Auslöser gelten mehrere Faktoren:
- Frankreichs offene Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara, ein Thema, das Algerien entschieden ablehnt,
- Die Inhaftierung des Schriftstellers Boualem Sansal sowie des Journalisten Christophe Gleizes in Algerien, die Paris als „Verstoß gegen gemeinsame Grundwerte“ wertet,
- Die anhaltende Weigerung Algeriens, an Rückübernahmen abgelehnter Asylsuchender mitzuwirken,
- Die Blockade französischer Konsulatsaktivitäten auf algerischem Boden, die zu einem Rückgang der Visaerteilung um 30 % geführt hat.
In seinem Schreiben äußert Macron zudem Besorgnis über „gefährliche algerische Staatsbürger“, die in Frankreich aus der Haft entlassen wurden, aber mangels Kooperation nicht abgeschoben werden können – eine direkte Reaktion auf den Anschlag in Mulhouse, bei dem ein ehemaliger algerischer Häftling beteiligt war.
Keine Reaktion aus Algier – bisher
Die algerische Regierung hat auf die französischen Maßnahmen bislang nicht offiziell reagiert. Auch Algerie360.com verweist auf das Schweigen der Behörden in Algier. Das mag diplomatischer Vorsicht geschuldet sein – oder auf eine interne strategische Neuausrichtung hindeuten.
Dass Frankreich die Maßnahmen nicht isoliert, sondern im Verbund mit anderen europäischen Staaten umsetzen will, dürfte den Druck auf Algerien erhöhen. Für Paris geht es nun auch darum, die europäische Linie im Umgang mit Algerien zu festigen und sich nicht durch bilaterale Sonderwege einzelner EU-Staaten schwächen zu lassen.
Offene Konfliktlinien bleiben bestehen
Trotz der nun angekündigten Schritte bleiben viele Themen ungelöst: Die Frage der Krankenhausschulden, die Frage der französischer Atomtestgelände in Algerien, sowie die schwierige Erinnerungspolitik zur Kolonialzeit sind weiter offene Baustellen. Hinzu kommen strukturelle Probleme in der konsularischen Zusammenarbeit – darunter die eingeschränkte Handlungsfähigkeit der französischen Botschaft in Algier und das Fehlen funktionierender Rückübernahmeverfahren.
Macron stellt klar: Eine Rückkehr zur Normalität sei nur möglich, wenn Algerien wieder bereit ist, Verantwortung in der bilateralen Zusammenarbeit zu übernehmen – insbesondere bei Migrationsfragen. „Nur unter dieser Voraussetzung kann unser Botschafter seinen Posten wieder antreten“, so Macron laut Le Figaro.
Neue Spielregeln – offen für Dialog, aber nicht um jeden Preis
Frankreichs Kurswechsel gegenüber Algerien ist keine kurzfristige Reaktion, sondern Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung. Präsident Macron hat sich – nach Jahren des Abwägens – für eine härtere Linie entschieden. Die zentralen Forderungen an Algier: mehr Kooperation bei Migration, Rückübernahme und konsularischen Fragen.
Ob diese Strategie eine neue Gesprächsbereitschaft in Algier erzeugt oder die Spannungen weiter verschärft, bleibt abzuwarten. Klar ist: Frankreich will künftig nicht mehr tatenlos zusehen – und sucht dabei bewusst den Schulterschluss mit anderen EU-Staaten. Die diplomatischen Spielregeln im Verhältnis zwischen Paris und Algier werden neu geschrieben.
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