Mit internationalen Cyber-Übungen in Marrakech und der Gaming Expo in Rabat verfolgt Marokko eine Doppelstrategie: Das Land will seine digitale Wirtschaft stärken und sich zugleich als regionaler Sicherheits- und Technologiestandort zwischen Europa und Afrika positionieren.
Marrakech – Während in Marrakech Ermittler und IT-Spezialisten simulierte Cyberangriffe analysieren, eröffnet Kronprinz Moulay El Hassan in Rabat eine Messe für die Gaming-Industrie. Dass beide Veranstaltungen nahezu zeitgleich stattfinden, ist kein Zufall. Marokko versucht derzeit, seine digitale Wirtschaft auszubauen und zugleich die eigene Cyberabwehr zu stärken – mit dem Ziel, sich als technologischer Knotenpunkt zwischen Europa und Afrika zu positionieren.
In Marrakech hat am Dienstag die zweite Ausgabe der internationalen „Cyber Games and Digital Security Challenge“ begonnen. Rund 160 Fachleute aus Strafverfolgung und Cybersicherheit nehmen an der dreitägigen Veranstaltung teil, die erstmals auf afrikanischem Boden ausgetragen wird. Organisiert wird sie von der marokkanischen Generaldirektion für Nationale Sicherheit (DGSN), der Generaldirektion für Informationssystemsicherheit (DGSSI), INTERPOL und dem Europarat.
Drei Tage lang arbeiten die Teilnehmer in Teams an realitätsnahen Szenarien: simulierte Ransomware-Angriffe, digitale Spurensicherung und grenzüberschreitende Ermittlungen unter Zeitdruck. Ziel ist es, Sicherheitsbehörden besser auf eine Cyberkriminalität vorzubereiten, die zunehmend international organisiert ist und immer professioneller agiert.
Cyberkriminalität wächst mit der Digitalisierung
Die Veranstaltung fällt in eine Phase beschleunigter Digitalisierung. Marokko investiert seit Jahren in digitale Infrastruktur, Start-ups und die Technologiebranche. Mit der „Morocco Gaming Expo“, die am Vortag in Rabat eröffnet wurde, will das Königreich zusätzlich die Videospielindustrie und digitale Kreativwirtschaft ausbauen.
Doch mit dem Wachstum digitaler Märkte steigt auch die Verwundbarkeit kritischer Systeme. Behörden warnen seit Längerem davor, dass kriminelle Netzwerke verstärkt verschlüsselte Kommunikation, Kryptowährungen und sogenannte „Crime-as-a-Service“-Modelle nutzen, um Angriffe weltweit zu koordinieren.
General Abdellah Boutrig, Leiter der DGSSI, bezeichnete Cyberkriminalität deshalb als eine der zentralen Herausforderungen moderner Staaten. Angriffe richteten sich inzwischen nicht mehr nur gegen Unternehmen oder Privatpersonen, sondern zunehmend gegen staatliche Institutionen und kritische Infrastrukturen.
Marokko setzt auf internationale Kooperation
Die Organisatoren der Cyber Games sehen die Veranstaltung deshalb nicht nur als Wettbewerb, sondern auch als Plattform für internationale Zusammenarbeit. Laut Mohamed Dkhissi, Interpol-Vizepräsident für Afrika und Zentraldirektor der Kriminalpolizei bei der DGSN, sollen praktische Übungen und gemeinsame Simulationen den Austausch zwischen Sicherheitsbehörden verbessern.
Das Interesse an dem Wettbewerb wächst deutlich. Für die diesjährige Ausgabe hatten sich fast 400 Kandidaten aus Afrika, Europa, Asien, Amerika und dem Nahen Osten beworben. Die Finalisten treten nun in Marrakech gegeneinander an.
Auch der Europarat nutzt die Veranstaltung, um die operative Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten auszubauen. Virgil Spiridon, Leiter des Cybercrime-Programms des Europarats, verwies darauf, dass Ermittler heute immer häufiger mit komplexen, international operierenden Tätergruppen konfrontiert seien. Die Übungen in Marrakech sollen Behörden darauf vorbereiten, in zeitkritischen Situationen schneller grenzüberschreitend zu reagieren.
Begleitet wird dies von einer neuen Partnerschaft zwischen dem Europarat und Marokko für den Zeitraum 2026–2029. Sie soll den rechtlichen Rahmen zur Bekämpfung von Cyberkriminalität stärker an die Standards des Budapester Übereinkommens anpassen und die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern vertiefen.
Digitale Wirtschaft und Sicherheitsstrategie greifen ineinander
Für Marokko ist die Entwicklung der Digitalwirtschaft inzwischen auch eine geopolitische Frage. Das Land versucht, sich als stabiler Technologie- und Sicherheitsstandort in Nordafrika zu etablieren – sowohl für europäische Partner als auch für afrikanische Märkte.
Dabei spielt die junge Bevölkerung des Landes eine wichtige Rolle. Staatliche Programme zur Förderung von Gaming, Start-ups und digitalen Ausbildungswegen sollen qualifizierte Fachkräfte im Land halten und neue Wachstumsfelder schaffen. Gleichzeitig investieren die Sicherheitsbehörden in die Ausbildung von Cyberexperten, um auf die steigende Zahl digitaler Bedrohungen reagieren zu können.
Die parallelen Veranstaltungen in Rabat und Marrakesch verdeutlichen, dass Marokko wirtschaftliche Digitalisierung und Cybersicherheit inzwischen nicht mehr getrennt betrachtet. Beide Bereiche gelten zunehmend als Teil einer gemeinsamen Strategie, mit der sich das Königreich technologisch und sicherheitspolitisch langfristig positionieren will.
Marokko – Moulay Hassan eröffnet Gaming-Expo und unterstreicht damit Rabats Ambitionen

