Die tunesische Zentralbank meldet einen Liquiditätszuwachs von fast 24 Prozent in der Schattenwirtschaft. Ein Wirtschaftsexperte fordert nun radikale Reformen wie einen raschen Währungsumtausch, um Steuerhinterziehung und Schmuggel zu bekämpfen.
Tunis – Der Bargeldumlauf außerhalb des Bankensystems in Tunesien hat einen historischen Höchststand erreicht. Nach aktuellen Daten der tunesischen Zentralbank (BCT) zirkulieren immer größere Summen in der Schattenwirtschaft. Diese Entwicklung entzieht dem Staatshaushalt Liquidität und verschärft die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten, so ein Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur TAP.
Schattenwirtschaft entzieht Staat Finanzmittel
Wie die Zentralbank mitteilte, stieg die Bargeldmenge außerhalb der Banken zum Stichtag am 26. Mai 2026 auf den Rekordwert von 29,678 Milliarden tunesische Dinar, ca. 8,71 Mrd. EURO*. Im Vorjahreszeitraum lag dieser Betrag bei 23,960 Milliarden Dinar. Dies entspricht einem Zuwachs von rund 5,718 Milliarden Dinar oder einer Steigerung um fast 23,86 Prozent innerhalb eines Jahres. Laut dem Bericht führt dieses monetäre Ungleichgewicht zu sinkenden Steuereinnahmen, treibt die Inflation und erschwert einkommensschwachen Gruppen den Zugang zu Finanzierungen.
Experten fordern vollständigen Währungsumtausch
Der Wirtschaftsexperte Maher Belhadj erklärte gegenüber TAP, dass die soziale Gerechtigkeit im Land von der Herstellung von Steuergerechtigkeit abhänge. Der anhaltende Steuerdruck habe die Kluft zwischen den Akteuren des Parallelmarktes und der formalen Wirtschaft vertieft. Während reguläre Wirtschaftsakteure direkt über ihr Einkommen besteuert würden, bleibe ein großer Teil der informellen Aktivitäten außerhalb des Steuerkreislaufs. Dies erschwere die Bekämpfung von Steuerhinterziehung, befeuere Schmuggelnetzwerke und schwäche die heimische Industrie. Belhadj hatte zuvor im Auftrag des tunesischen Instituts für Strategische Studien (ITES) unter der Aufsicht des Staatspräsidenten eine strategische Studie zur nationalen Krise durchgeführt.
Um die unregulierte Liquidität in die formale Wirtschaft zurückzuholen, fordert Belhadj einschneidende Maßnahmen. Er schlägt vor, das gesamte Währungsangebot an Banknoten und Münzen komplett auszutauschen. Betrüger sollten so dazu bewegt werden, ihr verstecktes Bargeld in das Bankensystem einzubringen. Der Erfolg dieser Maßnahme hänge an drei Bedingungen: Die Frist für den Umtausch dürfe maximal drei Monate betragen, Geldtransfers müssten zur Gewährleistung der Rückverfolgbarkeit ausschließlich über Konten abgewickelt werden und Bargeldabhebungen seien auf 500 Dinar pro Tag zu begrenzen.
Steueranreize zur Integration des Parallelmarktes
Flankierend empfiehlt der Ökonom steuerliche Entlastungen für Privathaushalte bei nachhaltigem Konsum und Investitionen sowie eine Deckelung der Steuer auf Mieteinnahmen auf 10 Prozent, sofern die Zahlungen per Bank- oder Postüberweisung erfolgen. Dies solle die effektive Integration des informellen Sektors in das legale System des Staates absichern. Die logistischen Kosten für den Neudruck des Geldes seien im Vergleich zum Nutzen für die öffentlichen Finanzen begrenzt.
Ob die tunesische Regierung und die Zentralbank angesichts des steigenden Drucks auf die Staatsfinanzen solche tiefgreifenden Reformen einleiten werden, ist derzeit noch offen.
*Wechselkurs Stand 29. Mai 2026

