Der Strombedarf im Königreich wächst weiter an. Während private Erzeuger und erneuerbare Energien zulegen, steigt das Volumen der Stromimporte aus dem Ausland deutlich.
Rabat – Der Stromverbrauch in Marokko ist im ersten Halbjahr 2026 um 8,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Dies geht aus dem aktuellen Wirtschaftsbericht der Direktion für Studien und Finanzprognosen (DEPF) hervor. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte das Wachstum 15,0 Prozent betragen. Der gesamte Nettoenergiebedarf verzeichnete bis Ende Juni 2026 einen Anstieg um 4,8 Prozent.
Die heimische Stromerzeugung legte im selben Zeitraum nur leicht um 1,6 Prozent zu (Vorjahr: +5,8 Prozent). Getragen wurde dieser Zuwachs vor allem von Erzeugern erneuerbarer Energien auf Basis des Gesetzes 13-09 (+21,1 Prozent) sowie von sonstigen nationalen Drittanbietern (+227,9 Prozent). Die Eigenproduktion des staatlichen Energie- und Wasseramtes ONEE sank hingegen um 6,7 Prozent. Um die Versorgungslücke zu schließen, stieg das Volumen der Stromimporte um 34,6 Prozent, während die Exporte um 41,5 Prozent zurückgingen.
Regulatorischer Rahmen treibt dezentrale Erzeugung
Die deutliche Zunahme bei privaten Drittanbietern steht im Kontext einer schrittweisen Modernisierung des marokkanischen Energierechts. Wie MAGHREB-POST bereits berichtete, bildet das Gesetz 13-09 das rechtliche Fundament für die Errichtung und Vermarktung erneuerbarer Energien durch private Akteure.
Ergänzt wurde dieser Rahmen durch das Gesetz 82-21 für Eigenerzeuger (Autoproducteurs). Seit dem 1. März 2026 gelten zudem erstmals konkrete Einspeisetarife der Regulierungsbehörde ANRE: Netzbetreiber vergüten überschüssigen Strom aus Eigenerzeugung mit 0,18 bis 0,21 MAD pro Kilowattstunde – allerdings gedeckelt auf maximal 20 Prozent der jährlichen Gesamtproduktion der jeweiligen Anlage.
Neue Netzstrukturen durch regionale Multidienstleister
Für die praktische Umsetzung vor Ort und den Anschluss dezentraler Photovoltaikanlagen spielen die neu geschaffenen regionalen Multidienstleistungsgesellschaften (SRM) eine zentrale Rolle. Sie lösen schrittweise die bisherigen kommunalen und privaten Verteilnetzbetreiber ab. Die SRM verwalten die von der ANRE zugewiesenen Einspeisekapazitäten, übernehmen die Abnahme netzgekoppelter Anlagen und installieren die gesetzlich vorgeschriebenen bidirektionalen Smart Meter.
Die Entwicklung im ersten Halbjahr 2026 verdeutlicht die Anpassungsprozesse der marokkanischen Stromversorgung: Der steigende Bedarf erfordert kurzfristig höhere Importe, während der gesetzliche Rahmen für die private Einspeisung schrittweise im Netz wirksam wird. Entscheidend für die kommenden Quartale bleibt, wie schnell die dezentralen Erzeugungskapazitäten weiter ausgebaut werden können.

