Europas von Russland unabhängiger Energieversorgung rückt in den Fokus diplomatischer Bemühungen der USA. Trotz offiziellen Dementis aus Algier und marokkanischer Distanz zu externer Vermittlung zwischen den Nachbarstatten, wächst in Madrid die Hoffnung auf die Wiederbelebung der Maghreb-Europa-Pipeline.
Washington / Madrid – Die europäische Energieversorgungssicherheit, insbesondere in Spanien, ist eng mit der politischen Dynamik im Maghreb verbunden. Im Zentrum steht die Maghreb-Europa-Gaspipeline (GME), deren Betrieb am 31. Oktober 2021 durch Algerien gestoppt wurde. Dies geschah als Folge des eskalierten diplomatischen Konflikts zwischen Algier und Rabat sowie gescheiterter Verhandlungen zu den Konditionen, die zur Nichtverlängerung des Betriebsvertrags führten.
Nun setzt Spanien darauf, dass neue Entwicklungen in der Westsahara-Frage / marokkanischen Sahara die festgefahrenen Beziehungen lockern könnten. Konkret wird die Annahme der UN-Sicherheitsratsresolution 2797 vom Ende Oktober 2025 als möglicher Katalysator gesehen. Diese Resolution gilt als bedeutender Impuls, da sie den marokkanischen Autonomievorschlag als Grundlage für Verhandlungen aufgreift und damit eine neue Position und Dynamik in den Konflikt bringt. Madrid hofft, dass diese westlich getragene Dynamik die Beziehungen zu Algier entlastet, nachdem sich Spanien auf die Seite Marokkos gestellt hat.
US-Versprechen und Marokkos diplomatische Haltung
Die zentrale Hoffnung Spaniens liegt in der US-amerikanischen Vermittlung zwischen den beiden nordafrikanischen Nachbarn, Marokko und Algerien. Hochrangige politische Quellen in Madrid erklärten gegenüber der Zeitung Al-Quds Al-Arabi, die Atmosphäre beginne sich zu verändern und diese Vermittlung könne zu regionalen Übereinkünften führen. Dazu zähle mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Wiederaufnahme des Betriebs der GME-Pipeline, da Europa mittelfristig seine Abhängigkeit von russischem Gas reduzieren wolle.
Dieses Optimismus-Signal wurde durch die Äußerungen des US-Sondergesandten Witkoff verstärkt, der eine rasche Konfliktlösung zwischen Marokko und Algerien ankündigte.
Marokko – US-Sondergesandter kündigt rasche Konfliktlösung mit Algerien an
Dieses diplomatische Drängen der USA steht jedoch dem offiziellen Standpunkt Marokkos gegenüber. Obwohl König Mohammed VI. in seinen jüngsten Reden immer wieder die „Hand der Freundschaft“ in Richtung Algerien ausgestreckt hat, betonte die marokkanische Seite stets, dass für bilaterale Gespräche keine Vermittlung durch Dritte erforderlich sei. Man sei bereit für einen direkten Dialog ohne Bedingungen. Dieses Signal der Eigenständigkeit kontrastiert mit der von Spanien erhofften US-geführten Mediation.
Das Spannungsfeld: Hoffnung versus algerisches Dementi
Das durch die USA befeuerte Optimismus-Signal steht in deutlichem Kontrast zur offiziellen Haltung Algeriens. Das Land, dessen Außenminister Ahmed Attaf die Existenz von Friedensgesprächen mit Marokko vehement dementierte, ist zurückhaltend. Berichten zufolge soll Algier die Wiederaufnahme der Arbeiten an der durch Marokko führenden Pipeline vorerst abgelehnt haben.
Algerien – Außenminister Attaf dementiert die Existenz von Friedensgesprächen mit Marokko
Wirtschaftliche Normalisierung und Gasimporte
Für Spanien ist die Wiederherstellung der Gaspipeline und die Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zu Algerien von größter Bedeutung. Die Westsahara-Frage / marokkanischen Sahara wird als das Haupt- und einzige Hindernis in den algerisch-spanischen Beziehungen betrachtet. Madrid nutzt den aktuellen politischen Kontext, um seine wirtschaftliche Bedeutung in Algerien zurückzugewinnen und seine Gasimporte zu sichern. Dies zeigt sich auch in den Bemühungen auf diplomatischer Ebene: Der spanische Außenminister José Manuel Albares traf sich bereits mehrfach mit seinem algerischen Amtskollegen Ahmed Attaf am Rande internationaler Gipfel.
Die Wahrscheinlichkeit gilt als hoch, dass unmittelbar nach einer erfolgreichen Normalisierung der marokkanisch-algerischen Beziehungen mit den Vorbereitungen für die Inbetriebnahme der GME begonnen wird. Die geopolitischen und energiepolitischen Interessen Europas verstärken den Druck auf eine regionale Entspannung, die jedoch die grundlegenden politischen Differenzen zwischen Marokko und Algerien nicht außer Acht lassen kann.

