StartMarokkoMarokko – Grünes Licht aus Rabat für Milliarden-Stromkabel nach Deutschland

Marokko – Grünes Licht aus Rabat für Milliarden-Stromkabel nach Deutschland

Offene Punkte: Zwischenstaatliches Abkommen und Stromrichtung

Die marokkanische Regierung unterstützt offiziell das Großprojekt „Sila Atlantik“. Über zwei Unterseekabel soll ab Mitte der 2030er Jahre grüner Strom von Marokko nach Deutschland fließen. Die Absichtserklärung markiert eine Wende nach dem Scheitern des ursprünglichen Vorhabens mit Großbritannien.

Rabat/Berlin – Die marokkanische Regierung unterstützt das geplante Energieinfrastrukturprojekt „Sila Atlantik“ zur direkten Stromverbindung zwischen Marokko und Deutschland offiziell. In einem Schreiben an den Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Frank Wetzel, erklärte die marokkanische Ministerin für Energiewende und nachhaltige Entwicklung, Leila Benali, das Vorhaben stehe im Einklang mit der strategischen Vision des Königreichs. Rabat sei bereit, die weiteren Schritte zur Entwicklung des Projekts in enger Abstimmung mit der Bundesregierung zu erörtern.

Wie das Handelsblatt unter Berufung auf das ihm vorliegende Dokument berichtete, stellt die Bekundung aus Rabat eine Antwort auf eine Initiativanfrage aus Berlin von Anfang des Jahres dar. Das marokkanische Magazin TelQuel bestätigte die Information unter Verweis auf Projektbeteiligte.

Eckdaten der geplanten Trasse

Das Großprojekt wird von dem britischen Unternehmen Xlinks über seine Tochtergesellschaft Sila Atlantik Germany durchgeführt. Geplant ist die Verlegung von zwei jeweils rund 4.800 Kilometer langen Hochspannungs-Gleichstrom-Unterseekabeln (HGÜ), die entlang der europäischen Atlantikküste verlaufen.

Der Strom soll in Marokko durch Wind- und Photovoltaikanlagen mit einer geplanten Gesamtleistung von 15,2 Gigawatt (GW) erzeugt werden. Über die Seekabel können knapp 3,6 GW elektrische Leistung nach Deutschland übertragen werden. Das entspricht einer jährlichen Strommenge von rund 26 Terawattstunden (TWh) bzw. etwa fünf Prozent des deutschen Gesamtstromverbrauchs. Ein großdimensionierter Batteriespeicher vor Ort soll gewährleisten, dass die Kabelverbindung mit etwa 7.000 Volllaststunden im Jahr betrieben werden kann, was einer Auslastung von rund 80 Prozent entspricht.

Das gesamte Investitionsvolumen wird von den Entwicklern auf rund 30 Milliarden US-Dollar geschätzt. Für die finale Entwicklungsphase werden zunächst 250 bis 300 Millionen Euro veranschlagt. Zu den Partnern und Anteilseignern des Vorhabens zählen die deutschen Energiekonzerne E.ON und Uniper, das Energiedienstleistungsunternehmen ConEnergy sowie der britische Versorger Octopus Energy.

Offene Punkte: Zwischenstaatliches Abkommen und Stromrichtung

Trotz der politischen Grundsatzunterstützung auf beiden Seiten stehen wesentliche vertragliche und technische Fragen offen. Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigte gegenüber dem Handelsblatt, dass Berlin dem Vorhaben grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehe und die Fortführung des Dialogs begrüße.

Allerdings fordert die marokkanische Seite nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters den Abschluss eines verbindlichen zwischenstaatlichen Abkommens, um Rechtssicherheit für das Milliardenvorhaben zu garantieren. Zudem dringt Rabat auf die Prüfung einer bidirektionalen Kabelverbindung. Eine solche Konfiguration würde ermöglichen, Strom nicht nur nach Deutschland zu exportieren, sondern bei Bedarf auch in umgekehrter Richtung zu transportieren. Roman Dudenhausen, Mitbegründer von Sila Atlantik, erklärte dazu, dass eine zweiseitige Stromführung technisch machbar sei, allerdings die Gesamtkosten der Kabelinfrastruktur erhöhen würde.

Die Vorgeschichte: Vom Scheitern in London zum Schwenk nach Berlin

Die aktuelle Ausrichtung auf den deutschen Markt ist das Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung des Entwicklers Xlinks. Wie MAGHREB-POST bereits im Juni 2025 ausführlich berichtete, war das ursprüngliche Vorhaben darauf ausgelegt, Marokko über ein 3.800 Kilometer kurzes Unterseekabel direkt mit Großbritannien zu verbinden. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch im Sommer 2025, als die britische Regierung die Einforderung einer staatlichen Preisgarantie (Contract for Difference, CfD) ablehnte und stattdessen den Ausbau heimischer Energiequellen priorisierte.

Trotz des Ausstiegs der britischen Regierung hielt das Konsortium an der Grundidee fest. Wie MAGHREB-POST im September 2025 berichtete, verlagerte Xlinks seinen Schwerpunkt folglich auf das europäische Festland. Über die bereits 2023 gegründete Xlinks Germany GmbH wurde das Projekt „Sila Atlantik“ initiiert und im Mai 2025 als Marke beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen.

Im Vergleich zu historischen Initiativen wie dem 2003 ins Leben gerufenen Desertec-Projekt profitiert das Vorhaben von stark gesunkenen Erzeugungskosten für Solar- und Windenergie. Zudem umgeht die geplante Verlegung auf dem Meeresboden langwierige Genehmigungsverfahren und Widerstände, wie sie bei reinen Landtrassen durch Transitstaaten häufig auftreten.

Zeitplan und Ausblick

Nach Angaben der Initiatoren ist für die Konzeptionierung, die regulatorische Abstimmung und die finanzielle Strukturierung ein Zeitraum von rund drei Jahren veranschlagt. Daran anschließen soll sich eine etwa fünfjährige Bauphase. Mit ersten physischen Stromlieferungen aus Marokko nach Deutschland ist somit frühestens Mitte der 2030er Jahre zu rechnen.

Marokko – Wüstenstrom für Deutschland: Das ehrgeizige Mega-Projekt von Xlinks

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