König Mohammed VI. beruft die Führungsfigur der zentristischen PAM zur ersten Premierministerin des Landes. Während der historische Schritt gefeiert wird, beginnen hinter den Kulissen komplizierte Koalitionsverhandlungen – überschattet von verworfenen Bündnisversprechen, internen Machtfragen und astronomischen Investitionszusagen.
Rabat – Die königliche Audienz im Palast von Rabat am gestrigen Dienstag, dem 29. September 2026, markiert einen Zäsurmoment in der politischen Geschichte Marokkos. König Mohammed VI. hat Fatima Ezzahra El Mansouri zur Regierungschefin ernannt und mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Nach dem Wahlsieg ihrer Parti Authenticité et Modernité (PAM) zieht erstmals eine Frau an die Spitze der marokkanischen Exekutive ein.
Doch die Euphorie über die historische Ernennung der 50-jährigen Juristin weicht in Rabat umgehend der arithmetischen und politischen Realität. Die Bildung einer stabilen Mehrheit im Repräsentantenhaus gestaltet sich komplexer als das Wahlergebnis auf den ersten Blick nahelegt. El Mansouri muss nicht nur gegensätzliche Parteiinteressen austarieren, sondern auch die eigenen Reihen konsolidieren und ein ambitioniertes Wahlprogramm mit der Haushaltsrealität in Einklang bringen.
Kollektive Führung und die Personalie Fouzi Lekjaa
Dass die Wahl des Monarchen auf El Mansouri fiel, ist, neben der klaren Vorgabe durch die Verfassung im Artikel 47, das Ergebnis einer bemerkenswerten innerparteilichen Entwicklung. Seit dem Parteitag im Februar 2024 wird die PAM von einer dreiköpfigen kollektiven Führung (direction collégiale) gesteuert. Neben El Mansouri gehören dem Gremium der bisherige Minister für Jugend, Kultur und Kommunikation, Mohamed Mehdi Bensaïd, sowie Salaheddine Aboulghali an. Innerhalb dieses Trios übernahm El Mansouri von Beginn an die Rolle der Sprecherin und politischen Leitfigur – eine Position, die ihre Anwartschaft auf das Premierministeramt untermauerte.
Allerdings galt die Entscheidung des Königs keineswegs bis zuletzt als ausgemacht. Noch im Vorfeld der Parlamentswahlen hatte ein anderer Prominenter für Spekulationen gesorgt, Fouzi Lekjaa. Der langjährige Staatssekretär für den Staatshaushalt und populäre Präsident des Königlichen Marokkanischen Fußballverbands (FRMF) war erst kurz vor den Wahlen offiziell der PAM beigetreten.
Marokko – Fouzi Lekjaa soll in die Regierungspartei PAM eintreten
In politischen Zirkeln Rabats und in Medienberichten wurde Lekjaa – gestützt auf seine Expertise bei der Haushaltsführung, der erfolgreichen Organisation und des Gewinns des Africa Cup 2025 / 2026 im eigenen Land und der Mitausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 – vielfach als Wunschkandidat für die Regierungsspitze gehandelt. Dass der König letztlich El Mansouri ernannte, unterstreicht deren politische Verankerung in der Partei und honoriert ihre langjährige Führungsarbeit an der Schnittstelle zwischen Palastnähe und kommunaler Basis.
Notabeln-Tradition – Enge Verbindung zur politischen Elite Marokkos
Die neue Premierministerin vereint in ihrer Biografie zwei wesentliche Stränge der marokkanischen Elite: tradierte Verwaltungselite und moderne Fachexpertise. Geboren am 3. Januar 1976 in der roten Königsstadt Marrakech, wuchs sie im Umfeld einer einflussreichen Notabelnfamilie auf. Ihr Vater, Abderrahmane El Mansouri, diente über Jahre als Pascha von Marrakech und später als Botschafter des Königreiches in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Ein Pascha war ein vom Monarchen berufener Spitzenbeamter zur Wahrung der staatlichen Autorität (Makhzen). Die Familie gehört zur etablierten Notabelnklasse (familles de notables) mit historischen Wurzeln in der Region Rhamna nördlich von Marrakech, wo ein großer Grundbesitz im Eigentum der Familie ist. Die dortige Stammesgeschichte mit arabisch-beduinischen Einflüssen erklärt auch die Namensform mit dem Artikel El- anstelle des in den benachbarten Amazigh-Gebieten des Hohen Atlas üblichen Präfix Ait.
Nach ihrer Schulzeit absolvierte El Mansouri ein Jurastudium in Rabat, erwarb ein Diplom im Wirtschaftsvertragsrecht an der französischen Universität Montpellier sowie ein Zertifikat im anglo-amerikanischen Recht an der Pace University in New York. Seit 2005 als Anwältin in Marrakesch zugelassen, baute sie eine auf Wirtschafts- und Immobilienrecht spezialisierte Kanzlei auf. 2009 wurde sie im Alter von 33 Jahren erstmals zur Bürgermeisterin von Marrakesch gewählt – ein Amt, das sie seit 2021 erneut bekleidet und das durch ihre bisherige Funktion als Ministerin für Raumordnung und Wohnungsbau (2021–2026) ergänzt wurde.
Das Koalitionsdilemma und verworfene Versprechen
Die Herausforderungen der kommenden Wochen liegen in der Absicherung einer parlamentarischen Mehrheit. Erste Absagen und taktische Kehrtwenden verdeutlichen, wie eng der Verhandlungsspielraum ist:
Die islamisch geprägte Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) unter Ex-Premierminister Abdelilah Benkirane erteilte einer Beteiligung an einer von der PAM geführten Regierung umgehend eine Absage. Die PJD kündigte an, konsequent in der Opposition zu bleiben. Sie kritisiert neben den politischen Zielen auch den Bruch der Tradition und wirft protokollarische Fragen in die Diskussion ein. So stellt sich für die islam-konservative PJD schlicht die Frage, wie eine Premierministerin an der Seite des Königs an den religiösen Ereignissen auftreten kann, da gerade dort eine strikte Geschlechtertrennung gelte.
Vor den Wahlen hatte die PAM-Führung eine erneute Koalition mit der liberalen Partei Rassemblement National des Indépendants (RNI) des bisherigen Premierministers Aziz Akhannouch öffentlich ausgeschlossen. Nach dem Wahlsieg schwächte die PAM diese Haltung jedoch umgehend ab und betont nun, mit allen Parteien Gespräche führen zu wollen ohne „rote Linien“. Da ein stabiles Bündnis ohne die RNI im Parlament kaum realistisch erscheint, stehen die Zeichen nun doch auf Annäherung – was der neuen Premierministerin bereits Kritik wegen pragmatischer Unbeständigkeit einbringt. Die bisherige dritte Regierungspartei, die Istiglal, zeigt sich bereits offen weiter einer Regierung anzugehören.
Wahlversprechen zwischen 150-Milliarden-Paket und Haushaltsdisziplin
Neben den Parteienbündnissen steht das inhaltliche Programm der künftigen Regierung auf dem Prüfstand. Im Wahlkampf hat die PAM hohe Erwartungen geschürt. Das zentral versprochene Wirtschaftsprogramm sieht unter anderem ein 150-Milliarden-Dirham-Investitionspaket (ca. 14 Milliarden Euro) vor, mit dem innerhalb von fünf Jahren eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen.
Zusätzlich stehen die Entlastung einkommensschwacher Haushalte, die Stabilisierung der Kaufkraft angesichts schwankender Lebenshaltungskosten sowie die Weiterführung der königlichen Sozialreformen – wie der Ausbau der allgemeinen Krankenversicherung – im Pflichtenheft. Wie diese Vorhaben finanziert werden sollen, ohne die von der Zentralbank und internationalen Partnern angemahnte Haushaltsdisziplin zu gefährden, wird die erste Reifeprüfung für El Mansouris Kabinett sein.
Für Fatima Ezzahra El Mansouri beginnt die Amtszeit mit einem Balanceakt: Sie muss das Koalitionsgefüge ordnen, ohne ihre Glaubwürdigkeit einzubüßen, und gleichzeitig beweisen, dass der historische Schritt an der Regierungsspitze von konkreten wirtschaftlichen Resultaten begleitet wird.
Nichtsdestotrotz ist ihre Ernennung historisch.

