Unmittelbar vor den Parlamentswahlen fordert die Partei für Authentizität und Modernität die Führung in Rabat. Als derzeitiger Koalitionspartner steht die PAM vor der Herausforderung, den Spagat zwischen der eigenen Regierungsbilanz, ambitionierten Reformversprechen und ihrem historischen Erbe zu meistern.
Marrakech – Zwei Tage vor den marokkanischen Parlamentswahlen am 23. September 2026 untermauert die Partei für Authentizität und Modernität (PAM) ihren Anspruch auf die Führung einer künftigen Regierung. Die Koordinatorin der kollegialen Führung der Partei, Fatima Zahra El Mansouri, erläuterte am 21. September 2026 nochmals das Wahlprogrammr, mit dem die PAM nicht mehr nur als Koalitionspartner mitwirken, sondern die Richtung der staatlichen Politik maßgeblich bestimmen will. Unter dem Motto „Kurswechsel“ kandidiert die Gruppierung mit einem Programm, das auf fünf zentralen Pakt-Säulen und 20 konkreten Verpflichtungen basiert.
Das offizielle Ziel besteht darin, der Politik nach eigenen Angaben Transparenz und Bürgernähe zurückzugeben. El Mansouri betonte in Äußerungen gegenüber der Nachrichtenagentur MAP, dass politische Arbeit an greifbaren Ergebnissen und der Durchsetzung von Rechenschaftspflicht gemessen werden müsse. Insbesondere unter jüngeren Wählern sei die Entfremdung von den politischen Institutionen spürbar. Um dieses Vertrauen neu aufzubauen, greift das Programm tief in die Sozial- und Finanzarchitektur des Landes ein.
Das Dilemma der Regierungsbilanz
Die Forderung nach einem „Kurswechsel“ birgt jedoch eine politische Eigenlogik. Die PAM tritt nicht aus der Opposition heraus an, sondern stellt seit den Wahlen 2021 als zweitstärkste Kraft zusammen mit der RNI von Regierungschef Aziz Akhannouch und der Istiqlal-Partei die Regierungskoalition in Rabat. El Mansouri selbst bekleidet im aktuellen Kabinett das Schlüsselressort für Wohnungsbau und Stadtentwicklung.
Wenn die Parteiführung nun die volle Verantwortung für die Regierungsgeschäfte einfordert, vollzieht sie eine feine Gratwanderung: Sie muss einerseits die Erfolge der bisherigen Dreierkoalition verteidigen, andererseits aber deutliche Korrekturen ankündigen, um sich vom bisherigen Koalitionspartner RNI abzugrenzen. Der Vorstoß macht deutlich, dass die PAM die Rolle der Juniorpartnerin abstreifen und das Amt des Regierungschefs für sich beanspruchen will.
Entlastung der Haushalte und Reform der Einkommensteuer
Im Zentrum des Vorhabens steht ein mit 150 Milliarden marokkanische Dirham dotiertes Fünfjahrespaket zur Unterstützung der Kaufkraft. Die PAM reagiert damit auf den anhaltenden Druck auf die Lebenshaltungskosten der marokkanischen Haushalte. Zu den unmittelbar vorgesehenen Maßnahmen zählen Interventionen zur Normierung der Preise für Grundnahrungsmittel sowie die Übernahme von Stromrechnungen bis zu einer Höhe von 100 Dirham pro Monat für sozial benachteiligte Gruppen.
Gleichzeitig schlägt die Partei eine grundlegende Umgestaltung des Steuersystems vor. Die bisherigen sechs Einkommensteuerklassen sollen auf drei reduziert werden. Nach diesem Modell entfällt die Einkommensteuer für Bruttogehälter unter 15.000 Dirham vollständig. Für Gehälter zwischen 15.000 und 46.000 Dirham ist ein Steuersatz von 10 Prozent vorgesehen, während Einkommen oberhalb dieser Grenze mit 20 Prozent besteuert werden sollen.
Ergänzt wird dieser Kaufkraftpakt durch Anpassungen im Sozialbereich: Die Mindestrente soll auf mindestens 3.000 Dirham angehoben werden, während für die direkte Sozialhilfe ein Sockelbetrag von 1.000 Dirham angestrebt wird. Zudem ist vorgesehen, die Kriterien für den Erhalt von Sozialleistungen schrittweise von indexbasierten Berechnungen auf das tatsächliche Realeinkommen der Haushalte umzustellen.
Gezielte Einbindung der jüngeren Generation
Ein weiterer Schwerpunkt richtet sich an die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen. Mit dem sogenannten „Integrationspfad“ will die Partei Jugendliche unterstützen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befinden. Eine einheitliche nationale Registrierungsplattform soll individuelle Beurteilungen, soziale Begleitung und konkrete Integrationsverträge verknüpfen. Das erklärte Ziel lautet, keinen Schulabbrecher ohne alternative Bildungs- oder Qualifizierungsperspektive zu belassen.
Um die berufliche Mobilität junger Menschen zu erleichtern, plant die PAM die Einrichtung eines öffentlichen Fonds zur Absicherung von Mietwohnungen sowie die Einführung eines Mobilitätspasses, der Transport- und vorübergehende Unterbringungskosten bezuschusst. Im Rahmen des Bürgerpakts wird zudem die Schaffung von mindestens einer Million Nettoarbeitsplätzen im Verlauf der fünfjährigen Legislaturperiode zugesagt.
Auf der Ebene der öffentlichen Infrastruktur verspricht das Wahlprogramm den Bau von vier neuen regionalen Universitätskliniken bis Ende 2028 sowie die Bereitstellung von angemessenem Wohnraum für 500.000 Familien. Ebenso umfasst der Entwurf die Ausweitung der Vorschulerziehung ab dem vierten Lebensjahr und eine stärkere Verankerung des Amazigh als Amtssprache.
Historische Wurzeln: Zwischen Palastnähe und Parteiensystem
Für ein vollständiges Verständnis des Führungsanspruchs ist ein Blick auf die Entstehung der PAM unerlässlich. Die Partei entstand im August 2008 auf Initiative von Fouad Ali El Himma, einem Mitschüler von König Mohammed VI. und ehemaligen Staatssekretär im Innenministerium. El Himma formierte die PAM damals als Sammlungsbewegung technokratischer und regionaler Eliten, um der damaligen Stärke der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) ein weltlich orientiertes Gegengewicht im Parlament entgegenzusetzen.
Obwohl El Himma im Jahr 2011 nach seiner Ernennung zum offiziellen Berater des Königs im königlichen Kabinett alle Parteifunktionen niederlegte, um die verfassungsmäßige Neutralität des Monarchen zu wahren, haftet der PAM in der politischen Wahrnehmung bis heute das Etikett einer dem Palast nahestehenden Formierung an. Wenn die PAM heute unter der Führung von Fatima Zahra El Mansouri die Führung der Regierungsgeschäfte beansprucht, verbindet sie das Erbe verlässlicher Staatsnähe mit dem Bild einer eigenständigen, reformorientierten Volkspartei.
Der ökonomische Spagat zwischen Expansion und Disziplin
Die Finanzierung der ambitionierten Sozialvorhaben erfordert eine deutliche Beschleunigung der Wirtschaftsleistung. Im Wachstums- und Nachhaltigkeitspakt setzt sich die PAM für den Zeitraum 2027 bis 2031 ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 5 Prozent zum Ziel. Im Zeitraum zwischen 2022 und 2025 lag die durchschnittliche Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei etwa 3,7 Prozent. Basierend auf einer geschätzten Beschäftigungselastizität des Wachstums von 0,53 Prozent entspräche jeder zusätzliche Wachstumsprozentpunkt rechnerisch rund 53.000 Nettoarbeitsplätzen. Bis 2031 soll die Arbeitslosenquote auf 7 Prozent gesenkt werden.
Trotz der vorgesehenen Mehrausgaben und Steuersenkungen formuliert die Partei strikte makroökonomische Leitplanken:
- Die Inflation soll bei durchschnittlich 2 Prozent pro Jahr stabilisiert werden.
- Das Haushaltsdefizit soll im Fünfjahreszeitraum bei maximal 3 Prozent des BIP gehalten werden.
- Die Staatsverschuldung soll bis zum Jahr 2031 auf etwa 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken.
Die Führung der PAM verweist darauf, dass eine solide wirtschaftliche Basis die zwingende Voraussetzung für jede nachhaltige Sozialpolitik darstellt. Wie dieser Ausgleich zwischen geringeren Einnahmen durch die Steuerreform und erhöhten Sozialtransferleistungen bei gleichzeitiger Konsolidierung der Staatsverschuldung konkret erreicht werden soll, bleibt die zentrale Frage der wirtschaftspolitischen Debatte.
Einordnung und politische Perspektiven
Die Vorbereitung der PAM auf die Wahlen verlief systematisch. Ein parteiinternes Wahlkomitee analysierte über einen Zeitraum von rund 15 Monaten die Daten und Kandidatenprofile in sämtlichen Wahlkreisen. Das Programm selbst entstammt der parteieigenen Akademie und wurde vor der Verabschiedung im Nationalrat in den regionalen Parteistrukturen sowie in Gesprächen vor Ort erörtert.
Der politische Machtanspruch der PAM verdeutlicht das Streben, die Rolle der Koalitionspartnerin abzulegen und die politische Agenda des Landes direkt von der Spitze des Kabinetts aus zu gestalten. Der Wahlausgang am 23. September wird zeigen, ob dieser Verpflichtungskatalog die Wähler überzeugt – und ob die PAM den Spagat zwischen mitverantworteter Regierungsrealität und dem Versprechen eines Neustarts an den Wahlurnen zu ihren Gunsten entscheiden kann.

