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Maghreb – Israels Angriff auf Doha – ein möglicher Wendepunkt für die arabische Sicherheitsordnung

Die teure Illusion der Sicherheit

Machtdemonstration Israels, Demütigung der arabischen Welt und des UN-Sicherheitsrats mit Potential zur weltpolitischen Umgestaltung.

Köln – Der israelische Luftschlag auf die katarische Hauptstadt Doha am gestrigen 9. September 2025 ist nicht nur ein militärischer Präzisionsschlag gegen Hamas-Funktionäre. Er könnte ein langanhaltendes geopolitisches Erdbeben ausgelöst haben – eines, das die Sicherheitsarchitektur der arabischen Welt erschüttert, die Glaubwürdigkeit westlicher Schutzversprechen infrage stellt und die politische Balance in der Region neu justieren könnte. Auch wenn der Militärschlag wahrscheinlich keine direkte Reaktion hervorrufen wird, so könnten die Folgen, vor allem für die USA langfristig erheblich sein.

Ein Angriff mit weitreichenden Folgen

Die gezielten Luftangriffe, bei denen laut internationalen Medienberichten sowohl Kampfflugzeuge als auch Drohnen eingesetzt wurden, trafen hochrangige Hamas-Mitglieder, die sich in Doha zu Vermittlungsgesprächen im Gaza-Konflikt aufhielten. Die Operation, die offenbar unter dem Codenamen „Feuergipfel“ lief, wurde von Israel bestätigt – jedoch ohne Angaben zur genauen Durchführung. Letzteres sicherlich nicht ohne Grund

Die Tatsache, dass ein solcher Angriff mitten in einer arabischen Hauptstadt möglich war, wirft Fragen auf: Wie konnte ein Staat mit einer der größten US-Militärbasen auf seinem Territorium – Al-Udeid – nicht vor einem solchen Schlag geschützt werden? Und was sagt das über die strategische Verlässlichkeit der USA als Schutzmacht aus? Was bedeutet dies für die Verlässlichkeit der mit Petrodollars gekauften Rüstungsgüter aus US-amerikanischer aber auch europäischer Produktion aus?

Maghreb – Verurteilung israelischer Angriffe auf Doha und Forderung nach internationaler Reaktion

Deutliche Worte, weitverbreitete Halbherzigkeit – begrenzter Einfluss

Algerien reagierte mit deutlicher Kritik. Das Außenministerium sprach von einer „verabscheuungswürdigen Aggression“ und versicherte Katar seine „uneingeschränkte Solidarität“. Gemeinsam mit Doha forderte Algier eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats – ein diplomatischer Vorstoß, der zwar symbolisch wichtig ist, aber angesichts der bekannten Blockaden im Sicherheitsrat kaum Aussicht auf konkrete Maßnahmen hat. Algerien ist derzeit und bis zum Ende des Jahres nicht-ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrat und daher aktuell die Stimme der arabischen Welt im höchsten Gremium der UNO.

Algeriens Position ist konsistent mit seiner langjährigen Unterstützung der palästinensischen Sache und Ablehnung Israels, das in Algier nur als „zionistisches Gebilde oder Einheit“ bezeichnet wird. Doch der Einfluss des Landes bleibt begrenzt: Weder verfügt Algier über direkte Hebel gegenüber Israel, noch über belastbare strategische Allianzen mit den Golfstaaten. Die Bedeutung Algeriens liegt daher vor allem darin, die arabische Kritik auf internationaler Bühne sichtbar zu machen.

Marokko gefangen zwischen Kooperation und Kritik

Bemerkenswert ist die Reaktion Marokkos auf den Angriff. Die Erklärung des Außenministeriums unter Nasser Bourita viel zwar kurz aber deutlich zu Gunsten Katars aus.  Das Königreich, seit 2020 Teil des Abraham-Abkommens, pflegt enge Beziehungen zu Israel – nicht nur diplomatisch, sondern auch wirtschaftlich und militärisch. Marokko kauft israelische Rüstungsgüter, produziert diese teilweise gemeinsam mit israelischen Partnern im eigenen Land und kooperiert in Bereichen wie Meerwasserentsalzung und Landwirtschaft.

Dass Rabat trotz dieser engen Verflechtungen den Angriff auf Doha als „gefährliche Eskalation“ verurteilte, zeigt die politische Brisanz der Situation. Innenpolitisch wächst der Druck auf die Führung, außenpolitisch wird die Balance zwischen strategischer Kooperation und regionaler Solidarität immer schwieriger. Die Lage ist bereits wegen des Gaza-Krieges angespannt, ist doch Marokko nicht nur traditionell ein Unterstützer der Palästinenser und steht hinter der Zweistaatenlösung, sondern König Mohammed VI. ist im Rahmen der Organisation islamischer Staaten (OIC) vorsitzender des Al-Quds Komitees, dass sich für einen freien Zugang aller Angehörigen der drei monotheistischen Weltreligionen zur heiligen Stadt Jerusalem (Al-Quds) einsetzt. Die parallelen Stellungnahmen aus Algier und Rabat, die sicher zwischen den beiden Ländern nicht angestimmt war, markieren eine seltene außenpolitische Konvergenz zwischen zwei Staaten, die sonst eher konkurrieren und seit 2021 keine diplomatischen Beziehungen zueinander pflegen.

Flugrouten und Geheimdienste – offene Fragen mit Sprengkraft

Bislang ist unklar, von wo aus die israelischen Flugzeuge und Drohnen gestartet sind. Beobachter diskutieren mehrere Szenarien:

  • Direkter Start aus Israel mit Überflug über Saudi-Arabien oder Jordanien.
  • Einsatz von US-Stützpunkten in der Region.
  • Start von einem Flugzeugträger im Persischen Golf.

Jede dieser Varianten hätte erhebliche politische Konsequenzen. Ein Überflug über saudisches oder jordanisches Territorium würde bedeuten, dass diese Staaten eine Verletzung ihres Luftraums hinnehmen mussten, aktiv dabei kooperierten oder zumindest stillschweigend den Überflug duldeten. Ein Start von US-Stützpunkten würde die Rolle Washingtons in einem neuen Licht erscheinen lassen – insbesondere angesichts der offiziellen Zurückhaltung der USA nach dem Angriff.

Hinzu kommt: Die Präzision der Angriffe in einem urbanen Umfeld wie Doha lässt vermuten, dass Echtzeitdaten vorlagen. Ob israelische Geheimdienste Agenten vor Ort hatten oder ob Informationen von Partnerdiensten weitergegeben wurden, ist bislang unklar – aber sicher ist: Ein solcher Schlag erfordert mehr als nur Satellitenbilder. Dies würde die Kompetenz der Sicherheitsdienste Katars in Frage stellen.

Die teure Illusion der Sicherheit

Jahrzehntelang haben die Golfstaaten Milliarden von US-Dollar in amerikanische Rüstungsgüter investiert. Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind die „Premium-Kunden“ der US-Rüstungsindustrie, und sie taten dies in der Überzeugung, Schutz und strategische Rückendeckung zu erhalten. Doch der Angriff auf Doha zeigt schonungslos, dass diese Investitionen eine teure Illusion waren.

In Tel Aviv ist man sich offenkundig sicher, dass keine militärische Reaktion zu befürchten ist. Sei es, weil man sich überlegen fühlt, sich hinter einem inoffiziellen atomaren Schutzschirm befindet oder weil die USA bei einer drohenden arabischen Reaktion eingreifen werden. Israel hat sich nicht von dem Beistandsabkommen zwischen den Golfstaaten abschrecken lassen – ein klarer Beweis dafür, wie wenig Wert diese Allianzen in Tel Aviv haben.

Die unbequeme Frage, die sich nun stellt, ist: Was bekommen diese arabischen Staaten eigentlich für ihr Geld? Weder konnten sie sich durch Waffenkäufe den Schutz der USA erkaufen, noch scheinen die gelieferten Waffensysteme effektiv genug zu sein, um einen Angreifer abzuschrecken oder abzuwehren. Der Jemen-Krieg hat dies bereits eindrucksvoll belegt. Die psychologische Wirkung dieses Angriffs ist verheerend und dürfte die gesamte Region tiefgreifend verunsichern. Er ist ein brutaler Weckruf, der die arabische Welt zwingt, ihre strategischen Abhängigkeiten fundamental zu überdenken.

Neue Allianzen, neue Realitäten

Die geopolitischen Folgen sind bereits spürbar. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben in den letzten Jahren ihr Interesse an engeren Beziehungen zu den BRICS-Staaten bekundet. Saudi-Arabien ist seit 2024 sogar offizielles Mitglied. China und Russland erscheinen zunehmend als alternative Partner – wirtschaftlich, diplomatisch und sicherheitspolitisch.

Der Angriff auf Doha könnte diesen Trend beschleunigen. Die USA haben erneut in den Augen vieler arabischer Staaten gezeigt, dass ihre strategische Priorität nicht bei den Golfstaaten liegt – sondern bei Israel.

Das Ende der Abraham-Abkommen?

Die Abraham-Abkommen, einst als Hoffnungsträger für eine neue Ära der Normalisierung gefeiert, stehen nun auf der Kippe. Regierungen, die mit Tel Aviv kooperieren, geraten unter Druck – von der eigenen Bevölkerung und von regionalen Partnern. Die innenpolitische Lage in vielen arabischen Staaten wird komplizierter. Die Kritik an Israel wird lauter, die Skepsis gegenüber den USA wächst.

Israel hat mit diesem Angriff nicht nur die Sicherheitslage destabilisiert, sondern auch die politische Landschaft in der arabischen Welt verändert. Die Rolle Katars als neutraler Vermittler ist beschädigt, die Glaubwürdigkeit westlicher Schutzversprechen erschüttert, und die strategische Balance in der Region verschiebt sich.

Ein Wendepunkt

Der Angriff auf Doha ist ein Wendepunkt. Er zeigt, dass Israel militärisch in der Lage ist, weit entfernte Ziele zu erreichen und dort gezielt Gegner auszuschalten – selbst in Hauptstädten mit westlicher Militärpräsenz. Für Katar ist der Angriff ein schwerer Schlag, für die Golfstaaten insgesamt ein Warnsignal.

Die arabische Welt steht vor einer neuen Realität: Wer sich schützen will, muss mehr tun als diplomatisch zu protestieren. Er muss seine Allianzen überdenken – und seine Abhängigkeiten. Die USA haben sich erneut als ein Partner gezeigt, der in kritischen Momenten schweigt. Die Suche nach neuen Verbündeten hat begonnen.

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