Während Marokkos Mammutprojekt an der Atlantikküste mit komplexen Finanzierungsfragen und langen Zeitplänen konfrontiert ist, beschleunigt Algerien die Arbeiten im Sahel und festigt durch gezielte Investitionen seine strategische Partnerschaft mit Niger.
Algier – In der geopolitischen Architektur Nordafrikas ist Erdgas längst mehr als ein bloßes Exportgut – es ist das zentrale Instrument für Einfluss und regionale Führung. Seit dem massiven Rückgang russischer Gaslieferungen nach Europa im Jahr 2022 hat sich der afrikanische Kontinent als Schlüssellieferant mit wachsender Bedeutung etabliert. Doch wer das nigerianische Gas – die größten Reserven des Kontinents – letztlich an die europäischen Märkte liefert, ist Gegenstand eines intensiven Wettrennens. Aktuelle Entwicklungen im Frühjahr 2026 deuten darauf hin, dass Algerien mit seiner Trans-Sahara-Gaspipeline (TSGP) einen entscheidenden Vorsprung gegenüber dem marokkanischen Konkurrenzprojekt gewinnen könnte.
Die diplomatische Aussöhnung zwischen Algier und Niamey ebnet den Weg für strategische Energiekorridore
Nach einer Phase diplomatischer Frostperiode, die im April 2025 mit dem Rückzug des algerischen Botschafters aus Niamey ihren Tiefpunkt erreichte, ist eine deutliche Wende eingetreten. Wie das Portal Maghreb Emergent berichtet, markierte die gleichzeitige Rückkehr der Botschafter im Februar 2026 das Ende der Krise, die ursprünglich durch Spannungen in der Sahel-Politik ausgelöst worden war.
Dieser diplomatische Durchbruch ist eng mit energetischen Interessen verknüpft. Der kürzlich erfolgte Besuch des nigrischen Übergangspräsidenten Abdourahamane Tiani in Algier und die Einladung von Präsident Abdelmadjid Tebboune unterstreichen die neue Prioritätensetzung. Niamey agiert hierbei äußerst pragmatisch: Während andere Staaten der Sahel-Allianz (AES) sich stark in Richtung Russland orientieren, setzt Niger auf eine Diversifizierung seiner Partner, um wirtschaftliche Souveränität zu erlangen. Für Algier ist diese Annäherung die Voraussetzung, um die TSGP als realistischste Route für nigerianisches Gas zu positionieren.
Mit dem Start der Bohrungen im Kafra-Feld demonstriert Sonatrach technisches Engagement
Ein konkretes Zeichen für die vertiefte Kooperation ist das Engagement des algerischen Staatskonzerns Sonatrach in Niger. Laut Hakim Zebiri, Direktor für internationale Zusammenarbeit im algerischen Energieministerium, werden Anfang April 2026 die Bohrarbeiten im Kafra-Feld nahe der algerischen Grenze aufgenommen. Das Projekt, das eine Fläche von über 23.700 km² umfasst, ist kein bloßes Lippenbekenntnis: Schätzungen zufolge birgt das Feld über 260 Millionen Barrel förderbare Reserven.
Diese technische Zusammenarbeit dient als Vertrauensanker für das weitaus größere Pipeline-Projekt. Die Vereinbarungen umfassen nicht nur die reine Exploration, sondern auch den Aufbau wissenschaftlicher Kapazitäten in Niger, einschließlich eines Speziallabors zur Analyse von Erdölproben und Ausbildungsprogrammen für lokale Fachkräfte. Durch diese Verflechtung schafft Algerien Fakten vor Ort, die über reine Absichtserklärungen hinausgehen.
Im Wettlauf der Trassen punktet die Transsahara-Route durch kürzere Wege und vorhandene Infrastruktur
Der direkte Vergleich der beiden konkurrierenden Pipeline-Projekte verdeutlicht die unterschiedlichen Ansätze. Die algerisch geführte TSGP erstreckt sich über etwa 4.127 Kilometer und durchquert lediglich drei Länder: Nigeria, Niger und Algerien. Laut dem algerischen Energieminister Mohamed Arkab sind bereits 60 % der Strecke – rund 2.400 Kilometer – fertiggestellt, da bestehende Netze in Nigeria und Algerien genutzt werden können. Mit geschätzten Kosten von 13 Milliarden US-Dollar und einer Kapazität von 30 Milliarden Kubikmetern pro Jahr gilt das Projekt als ökonomisch effizienter.
Im Gegensatz dazu steht die Nigeria-Marokko-Gaspipeline (NMGP). Dieses Projekt ist mit ca. 5.600 Kilometern deutlich länger und führt entlang der westafrikanischen Küste durch 13 Länder. Die technischen Herausforderungen der Offshore-Verlegung und die geschätzten Kosten von 25 bis 30 Milliarden US-Dollar machen die NMGP zu einem Langzeitprojekt, dessen vollständige Fertigstellung kaum vor den 2040er Jahren erwartet wird. Zudem belasten politische Unsicherheiten die Planungen der marokkanischen Route.
Die Neugestaltung des europäischen Energiemarktes macht den Maghreb zum Bindeglied zwischen Afrika und dem Mittelmeer
Für die europäischen Abnehmer, die im Jahr 2025 bereits 21 % ihres Gases aus Algerien bezogen, ist die Versorgungssicherheit das oberste Gebot. Hier spielt Algerien seine geografische Lage und die bestehende Netzanbindung aus. Die TSGP kann direkt an die Medgaz- und Transmed-Leitungen angeschlossen werden, die bereits Spanien und Italien versorgen.
Nigeria scheint diese Realitäten zunehmend anzuerkennen. Während Abuja beide Projekte offiziell unterstützt, häufen sich die Anzeichen für eine Priorisierung der Transsahara-Variante, da diese kurzfristig realisierbarer erscheint. In einer Welt, in der die Energiewende den Zeitrahmen für fossile Großprojekte begrenzt, könnte die Geschwindigkeit der Umsetzung zum entscheidenden Faktor werden. Algier hat dies erkannt und nutzt die aktuelle Schwäche regionaler Rivalen und die eigene finanzielle Stärke aus den Gasexporten, um das Projekt von der Studienphase endgültig in die Bauphase zu überführen.
Das energetische Schachbrett in der Sahelzone ist in Bewegung geraten, und die Züge, die derzeit zwischen Algier und Niamey gemacht werden, könnten die Energieflüsse nach Europa für die nächsten Jahrzehnte zementieren.

