Der Besuch der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in Algier unterstreicht die beidseitigen Interessen: Während Rom die Diversifizierung seiner Energieimporte vorantreibt, setzt Italien verstärkt auf Algerien als diplomatischen Partner in Krisenregionen wie der Sahel-Zone und Osteuropa.
Algier – Am Mittwoch, den 25. März 2026, trafen sich der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in Algier zu bilateralen Gesprächen. Der Besuch, Melonis zweite Reise nach Algerien innerhalb ihrer bisherigen Amtszeit, verdeutlicht die aktuelle Prioritätensetzung beider Regierungen.
Im Kern geht es um eine pragmatische Allianz: Italien sucht nach dem Wegfall russischer Lieferungen langfristige Energiesicherheit, während Algerien seine Position als führender Energieexporteur im Mittelmeerraum festigt und Italien als primäres Tor zum europäischen Markt ausbaut.
Energiesicherheit und wirtschaftliche Realpolitik
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit konzentriert sich primär auf den Rohstoffsektor. Laut den offiziellen Erklärungen der Ministerpräsidentin Meloni wird die Kooperation zwischen den Staatskonzernen ENI und Sonatrach intensiviert. Dabei stehen nicht nur klassische Erdgaslieferungen im Fokus, sondern auch die Exploration von Offshore-Vorkommen und Schiefergas. Diese Partnerschaft dient Algier auch dazu, Italien als strategisches Gegengewicht zu anderen europäischen Staaten wie Spanien zu etablieren, mit denen die Beziehungen aufgrund der Marokko-Politik und der Westsahara-Frage derzeit angespannt sind.
Parallel dazu wird der „Mattei-Plan“ vorangetrieben, der über den Energiesektor hinausgeht. Ein zentrales Projekt ist die großflächige landwirtschaftliche Erschließung von Wüstengebieten. In der Provinz Timimoun soll die Anbaufläche für Getreide und Hülsenfrüchte bis 2026 von 7.000 auf 13.000 Hektar erweitert werden. Flankiert werden diese Maßnahmen durch die geplante Gründung eines gemeinsamen Handelsausschusses, um italienischen Unternehmen den Zugang zu Branchen wie der Pharmazie und der digitalen Infrastruktur in Algerien zu erleichtern.
Tebboune positioniert Algerien in regionalen Konfliktfragen
Präsident Tebboune nutzte die gemeinsame Bühne mit der italienischen Regierungschefin, um Algeriens außenpolitische Standpunkte deutlich zu markieren. In Bezug auf den Nahostkonflikt verurteilte er laut der Nachrichtenagentur APS die „schwerwiegenden Verletzungen des humanitären Völkerrechts“ im Gazastreifen. Er forderte die internationale Gemeinschaft auf, die Bemühungen für eine gerechte Lösung zu intensivieren, die dem palästinensischen Volk das Recht auf einen eigenen, unabhängigen Staat innerhalb der Grenzen von 1967 garantiert.
Auch die Lage in Libyen und der Westsahara nahm in Tebbounes Statement einen breiten Raum ein. Er betonte die Notwendigkeit, die Einheit Libyens durch politische Lösungen ohne externe Einmischung zu sichern. Hinsichtlich der Westsahara bekräftigte der Präsident die traditionelle algerische Position. Hier zeigt sich jedoch ein diplomatisches Spannungsfeld: Während Algerien weiterhin auf ein Referendum drängt, hat sich der internationale Rahmen verschoben. Jahrzehntelang forderte die UNO im Rahmen der MINURSO-Mission die Abhaltung eines Referendums zur Zukunft der Westsahara. Doch seit der Resolution 2797 vom Oktober 2025 spielt das Referendum in den UN-Dokumenten faktisch keine Rolle mehr. Vielmehr soll der Konflikt im Rahmen einer Autonomie der Region unter marokkanischer Souveränität gelöst werden, wobei Algerien neben Marokko, Mauretanien und der Frente Polisario als beteiligte Partei an den diskret abgehaltenen Verhandlungen teilnimmt.
Meloni setzt auf algerische Vermittlung in der Sahel-Zone und Ukraine
Ministerpräsidentin Meloni erweiterte den Fokus der Gespräche auf die globale Sicherheitsarchitektur. Sie hob die „außergewöhnliche Rolle“ hervor, die Algerien historisch und aktuell in der Sahel-Zone spielt – einer Region, die zunehmend durch Instabilität und terroristische Bedrohungen destabilisiert wird. Italien, das in der Region militärisch und entwicklungspolitisch engagiert ist, sieht in der algerischen Diplomatie einen unverzichtbaren Partner, um die Ausbreitung des Dschihadismus einzudämmen.
Auch der Krieg in der Ukraine war Thema der Gespräche. Meloni betonte die Notwendigkeit eines „gerechten und dauerhaften Friedens“. Italien setzt hierbei auf Algerien als einflussreiche Stimme innerhalb der blockfreien Staaten und der Afrikanischen Union, um diplomatische Kanäle offen zu halten. Die Zusammenarbeit mit Algier soll dabei helfen, die wirtschaftlichen Schocks des Krieges, die insbesondere afrikanische Nationen treffen, durch stabile Energie- und Agrarpartnerschaften abzufedern.
Migration und Sicherheit als gemeinsames Interesse
Trotz unterschiedlicher diplomatischer Schwerpunkte fanden beide Seiten Konsens in Sicherheitsfragen. Meloni dankte Algerien ausdrücklich für die „vorbildliche Zusammenarbeit“ bei der Bekämpfung der irregulären Migration. Die Reduzierung der Anlandungen an den italienischen Küsten wird in Rom als Erfolg dieser Partnerschaft gewertet. Die gemeinsame Priorität bleibt das Zerschlagen krimineller Netzwerke, die im Mittelmeerraum agieren. Einig war man sich zudem in der Einschätzung, dass wahre Stabilität nur durch wirtschaftliche Perspektiven vor Ort erreicht werden kann, was den Bogen zurück zu den ambitionierten Investitionsprojekten des Mattei-Plans schlug.
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